Inhalt

Editorial

Simon Braun  /  Katharina Rahlf

Editorial 4-2025

Nischen besitzen etwas Randständiges, ja geradezu Abseitiges. Sei es im Wortsinn als bauliche Vertiefung oder im übertragenen Sinne als gesellschaftlicher Rückzugsort – stets handelt es sich um eine Erweiterung bzw. Aussparung, einen geschützten Ort, an dem sich entfalten kann, was anderswo keinen Platz fände. Schon die Wortherkunft aus dem Lateinischen nidus (Nest) verweist auf Schutz und Geborgenheit, auf eine behütete Sphäre jenseits des öffentlich Zugänglichen. … weiterlesen

Schwerpunkt

Jana Rückert-John  /  Tonia Ruppenthal  /  René John

Die prekäre Potenzialität von Nischen Paradoxien alternativer Gemeinschaften

Indem multiple Krisen der Gegenwart soziale Praktiken und Konventionen erodieren lassen, begründen sie den Bedarf gesellschaftlicher Veränderungen. Krisen werden gegenwärtig in der massenmedial hergestellten Öffentlichkeit zum Normalzustand, in dem hektisch nach der richtigen Zukunft des gesellschaftlichen Wandels gesucht wird. Besonders sind gegenwärtige Krisen, weil sie nicht nur latent, sondern wie ein »Visibilisierungsprogramm«[1] erscheinen.

Julia Quast

Achtung – Panzer! Über das Amalgam aus Alternativgeschichte, Technikfantasie und Revisionismus

Am 25. Juni 2025 erschien auf der Plattform Rock Paper Shotgun ein Artikel mit dem Titel: »War Thunder player once again leaks classified military documents to win an argument«.[1] Das Erstaunlichste an dieser Schlagzeile ist sicherlich das »once again«. Tatsächlich sind in diesem Sommer nicht zum ersten Mal militärische Verschlusssachen in einem Forum zum Computerspiel War Thunder aufgetaucht.

Grigori Khislavski

Kaktusartiges Orchideenfach Warum die Stunde der Byzantinistik geschlagen hat

Es gehört seit jeher zum akademischen Jargon, von einem Orchideenfach zu sprechen, wenn von der Byzantinistik die Rede ist.[1] Hinter der Orchideenmetapher verbirgt sich indes ein gewisser Elitismus, schließlich wird selbst in akademischen Festreden kein Hehl daraus gemacht, dass Byzantinistik ein weitgehend unbekannter Begriff sei, mit dem bestenfalls ein auserlesenes Publikum etwas anzufangen wisse.

Philip Haas

»Es geht darum, unsere Bestände zum Leuchten zu bringen« Ein Gespräch mit Philip Haas über fat files, die Janusköpfigkeit des Archivarberufs und buddelnde Amtsvorgänger

Herr Haas, Sie sind Archivrat im Niedersächsischen Landesarchiv. Gemeinhin würde man vermuten, ein Archivar ist sowohl im praktischen als auch im theoretischen Sinne in einer Nische par excellence tätig: Man sitzt in einem Keller, abgeschieden von der Welt und blättert da in verstaubten Akten. Stimmt diese klischeehafte Vorstellung? Ja und nein. Wenn man auf den Arbeitsmarkt schaut, ist der Beruf schon eine Nische.

Michael Kuhlmann

Emanzipativ, avantgardistisch, angefeindet – und verschwunden Die ARD-Jugendradiosendungen der 1970er Jahre

Im Radio des 21. Jahrhunderts sind sie sehr selten geworden: die Nischen. Am ehesten existieren sie im Spät- oder Nachtprogramm. Mitunter am Leben gehalten von Redakteur:innen, die ihrer Pensionierung entgegensehen und denen die Chefetagen deshalb noch ein befristetes Gnadenbrot zubilligen – darauf lauernd, den bald freiwerdenden Sendeplatz mit preiswerten und in ihren Augen zeitgemäßeren Formaten zu füllen.

Gloria Freitag

»Die Schächte der Untergrundbahn oder eine öffentliche Parkanlage«[1] Nischen des Alltags

Meine Freundin B. ist in ein Betreutes Wohnen gezogen. Sie hat die Achtzig überschritten und gerade einen neuen Job angefangen. B. ist körperorientierte Psychotherapeutin, sie hat einen geräumigen, gut bestückten Methodenkoffer im Kopf, sie hat viel Erfahrung und all das ist heute sehr gefragt. Eigentlich braucht sie keine Betreuung, sie brauchte eine kleinere Wohnung. Es wird ihre letzte Wohnung sein, sagt. B., zufrieden, dass ich, ihr erster Gast, sie gut in ihrer neuen Behausung aufgehoben finde: »Das ist jetzt meine Nische!«

Open-Access

Liliia Tsyganenko

Eine kleine Küche mit großer Geschichte Weibliche Nischen in der Nachkriegsukraine

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich die Ukraine in einem Zustand umfassender Zerstörung und anhaltender Knappheit. Verwüstete Städte und Dörfer, Wohnungsnot, Nahrungsmangel und fehlende existentielle Lebensgrundlagen waren Teil der alltäglichen Realität von Millionen Menschen. Die Auswirkungen auf den Alltag betrafen alle Bereiche des Daseins, traten jedoch besonders deutlich im Raum der Küche hervor – bescheiden in ihrer Größe, aber bedeutend in ihren Funktionen.

Tristan Stinnesbeck

Radikal nischig Linksradikale zwischen Auf- und Ausbruch am Rande der Gesellschaft

Weite Teile der Gesellschaft assoziieren den Begriff »linksradikal« heutzutage unmittelbar mit Steine werfenden, Autos anzündenden Kriminellen. Diese Auffassung wird allerdings weder der Geschichte – auch nicht der jüngsten – noch der Bedeutung des Begriffs gerecht. Tatsächlich diente die Bezeichnung Linksradikalismus als Kofferwort für sehr verschiedene gesellschaftliche Phänomene. So verwendete etwa Lenin, heute quasi die Verkörperung des linken Radikalismus,[1] den Begriff als Schimpfwort gegen seine innerlinken politischen Gegner.[2]

Petra Schaper Rinkel

Nischen als Experimentallabore der Zukunft? Innovationssysteme im digitalen Panoptikum von Big Tech und geopolitischer Konfrontation

In Nischen entsteht Neues. Damit Innovationen gesellschaftlich wirksam werden können, müssen sie jedoch den Schritt aus dem Experimentalsystem des Abseitigen in den Mainstream vollziehen. Dieses Narrativ ist der Innovationsforschung weitgehend selbstverständlich und prägt Analysen von Technologien und Praktiken wie etwa der Nanotechnologie oder nachhaltiger Energiesysteme.

Open-Access

Simon Braun

Von der symbolischen Bühne zum realen Machthebel Parlamentarische Nischen in Frankreich

Am Abend des 30. Oktober 2025 spielten sich im Palais Bourbon, dem Sitz der französischen Nationalversammlung, tumultartige Szenen ab: Empörung und Wutgeschrei auf den Bänken der Linken, Triumphgeheul und feixende Gesichter beim Rassemblement National (RN). Zum ersten Mal in der Geschichte der Fünften Republik war es der rechtsextremen Partei gelungen, einen Antrag durch das Parlament zu bringen – ein veritabler Paukenschlag, der nicht nur Marine Le Pen von einem historischen Tag für ihre Partei sprechen ließ.

Annika Kaniber

Spirituelle Ökonomie? Das Geben in Freikirchen zwischen ökonomischem Nutzenversprechen, altruistischer Selbstaufgabe und kirchlichem Selbsterhalt

»Die Bibel ist voller Geben. Gott ist der Erfinder von Geben. [...] Weißt du, warum Gott das Geben erfunden hat? Damit wir aufblühen. Ich will es dir kurz erklären [...]. Irgendwann kommt [bei Kindern] die Meins-Phase. [...] wir starten auch als göttliche Kinder [...] was unser Geld [...] unser Gehalt angeht. [...] Ist das Gottes Ebenbild? Nein, Gott ist großzügig. [...] Diese Serie ist dazu da, dass wir ausbrechen können [...].«

Marcel Lemmer

Globuli verstehen Warum die Homöopathie nicht verschwindet

In der Medizin herrscht auf den ersten Blick ein naturwissenschaftlicher Konsens.[1] Doppelblindstudien sind das Maß, kein Medikament würde ohne eingehende Prüfung auf den Markt kommen und angehende Ärzt:innen müssen ein langes Universitätsstudium absolvieren, um ihre Tätigkeit ausüben zu dürfen. Die Medizin ist allerdings als eine der permanenten menschlichen Prüfung unterzogene Wissenschaft auf das Feedback der Kundschaft und vor allem auf die Vermittlung durch die Ärzt:innenschaft angewiesen.

Manja Dimitra Kotsas

Rechtsnischen im Diskriminierungsschutz Wenn ein Land tut, was der Bund versäumt

»Wenn wir anfangen, die Gesellschaft zu stark durch die Diskriminierungsbrille zu betrachten, gefährden wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt. (…) Bestimmte Diskriminierungen sollte man besser dem Privaten überlassen«[1], erklärte Sandra Kostner, Historikerin und Migrations­wissen­ schaftlerin, am 11. April 2025 in der Enquete-Kommission des Berliner Abgeordnetenhauses zu Antisemitismus, Rassismus und sozialem Zusammenhalt.

Perspektiven