Sich (eine Nische) einrichten Notizen zum zeitgenössischen Wohnen
Es hört sich gut an: Spricht jemand davon, sich einzurichten, dann verbinden wir damit Bilder, wie jemand nach eigenen Vorstellungen von Wohnlichkeit und Komfort Räume gestaltet – es klingt nach umsichtiger Planung und Ordnung. Indes beschränkt sich Wohnen nicht darauf, individuellen Erinnerungen, Ideen und Wünschen zu folgen. Wohnen ist vielmehr ein andauerndes Ein-, Um-, Weg-, Ausräumen, ein soziales wie auch körperliches Handeln in und mit den konkreten Gegebenheiten des Zusammenlebens mit (nicht unbedingt anwesenden) Personen und Dingen in Räumen. Raumarrangements sind soziale Interaktionsfelder sowohl des Intimen, Privaten als auch des Öffentlichen; sie stehen für beides: für das Verbergen und das Vorzeigen dessen, wie man wohnt. Resultat ist ein grundlegendes »Paradoxon des Privaten und Häuslichen. Es ist ein hoch politisierter Raum, der jedoch als privater Raum des Individuums versprochen wird und als solcher auch realisierbar wird.«1 Wie steht es unter den Vorzeichen einer zunehmenden Rationalisierung und Verknappung des Wohnraums um Schlupfwinkel und Nischen, um Räume, die (noch) nicht durch Infrastruktur, Grundriss oder Möbel formatiert, sondern für unterschiedliche Nutzungen offen sind, um »ab-jekte Zonen, Bereiche des Intimen und Verborgenen«2 einzurichten. Hinter Wohnträumen und Wohnhandeln steht immer auch das Bemühen, sich mit und im Wohnen individuelle Freiräume – und sei es nur eine Nische – zu schaffen und zu gestalten. Wie solche Zonen wenn 1 Irene & Andreas Nierhaus, Wohnen Zeigen. Schau_plätze des Wohnwissens, in: Dies. (Hg.), Wohnen Zeigen. Modelle und Akteure des Wohnens in Architektur und visueller Kultur, Wien 20, S. 9–3, hier S. 1. 2 Ludger Schwarte, Revolutionen des Wohnens: Von erniedrigender und erhebender Architektur, in: Indes, H. 2/20, S. 53–6.
nicht zur Gänze verhindert, so doch möglichst vermieden werden sollen und dennoch in jedem Wohnen präsent sind, ist Gegenstand der folgenden Notizen. Am Anfang steht eine kurze Skizze zur Vorgeschichte der Bewirtschaftung von Raum, paradigmatisch vor- und durchgeführt anhand der Gestaltung von Küchen – mit der in die Gegenwart hineinreichenden Konsequenz, dass Küchen unter der Maßgabe, Funktionalität mit Ästhetik zu verbinden, in Planung und Ausstattung unermüdlich perfektioniert werden. Diesem Projekt stetig optimierter Ordnung stelle ich den Normalfall gegenüber: wie im tagtäglichen Zusammenspiel
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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.4-2025 | ©Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2025