»Es geht darum, unsere Bestände zum Leuchten zu bringen« Ein Gespräch mit Philip Haas über fat files, die Janusköpfigkeit des Archivarberufs und buddelnde Amtsvorgänger
Herr Haas, Sie sind Archivrat im Niedersächsischen Landesarchiv. Gemeinhin würde man vermuten, ein Archivar ist sowohl im praktischen als auch im theoretischen Sinne in einer Nische par excellence tätig: Man sitzt in einem Keller, abgeschieden von der Welt und blättert da in verstaubten Akten. Stimmt diese klischeehafte Vorstellung? Ja und nein. Wenn man auf den Arbeitsmarkt schaut, ist der Beruf schon eine Nische. Für den höheren Archivdienst, dessen Perspektive ich im Folgenden einnehme, werden an der Archivschule Marburg als der zentralen verwaltungsinternen Ausbildungsstätte pro Jahr vielleicht 2 Personen ausgebildet. Hinzu kommen noch die Absolvent:innen an der Bayerischen Archivschule und an der Fachhochschule Potsdam. Für den gehobenen Archivdienst ist der Kreis der Absolvent:innen etwas größer, aber das Berufsfeld ist alles in allem verhältnismäßig übersichtlich. Was aber nicht zutrifft, ist dieses Bild, dass man weltabgewandt im Keller sitzt. Im Gegenteil, es ist ein in hohem Maße kommunikativer Beruf! Es werden gerade nicht Leute gesucht, die sich in der Nische verkriechen wollen, sondern man steht eigentlich in permanentem Kontakt. Ich leite eine Teamgruppe oder besuche Behörden, um dort Archivgut zu übernehmen, und wir betreiben Öffentlichkeitsarbeit in Form von Führungen, Vorträgen, Schulungen. Ich habe zudem einen Lehrauftrag an der TU Braunschweig, um Studierende ins Archiv zu holen. Archivare sind je nach Zuschnitt und Selbstverständnis des Archivs geschichtskulturelle Akteure, die sich auch durch Forschungsbeiträge, durch Engagement in
historischen Vereinen, Kommissionen, Vorträge und die Teilnahme an Tagungen und Ähnlichem einbringen. Was ist Ihr Anspruch, wenn Sie an die Öffentlichkeit treten? Was möchten Sie über die Tätigkeit eines Archivars und auch eben über das Archivwesen vermitteln? Das hängt sehr stark von dem Zuschnitt der Veranstaltung oder des Formats ab. Es gibt natürlich die klassische Archivführung: Ein Verein, eine Gruppe fragt an: »Können wir mal das Archiv besuchen und Sie zeigen uns was Schönes?« An Tagen der offenen Tür zeigt man, was es hier gibt, was wir hier machen, wie wir arbeiten – und dass es sinnvoll ist, was wir tun. Dann gibt es Gruppen von Nutzerinnen und Nutzer, die spezielle Interessen haben und zum Teil über viel Expertise verfügen. Im Rahmen von archivfachlichen Formaten ist man an Fachdiskussionen beteiligt. Ich nehme zudem regelmäßig an geschichtswissenschaftlichen Tagungen teil. Generell geht es bei den verschiedenen Formen der Öffentlichkeitsarbeit darum – wie mein Chef das einmal nannte – unsere Bestände zum Leuchten zu bringen, also nach außen zu vermitteln, dass im Archiv spannendes Kulturgut verwahrt wird und wie es sich nutzen lässt. Können Sie kurz Ihre Bestände schildern? Was liegt an Ihrem Standort speziell und generell im Niedersächsischen Landesarchiv vor, was kann man dort finden? Johannes Papritz hat in seinem vierbändigen Standardwerk zur Archivistik prominent formuliert: Archive sammeln nicht. Im Gegensatz zu Museen oder Bibliotheken haben Archive meist kein Sammlungsprofil, anhand dessen wir auswählen, was wir erwerben möchten. Wir haben auch kaum Budget dafür. Stattdessen sind wir gewissermaßen der historische Arm der Verwaltung unseres Archivträgers, also des Landes Niedersachsen und seiner Vorgängerterritorien. Neben dem Bundesarchivgesetz hat jedes Bundesland ein eigenes Landesgesetz und in unserem Fall schreibt das Niedersächsische Archivgesetz allen Behörden Niedersachsens vor, dass sie uns sämtliche nicht mehr benötigte Unterlagen vor der Vernichtung anbieten müssen. Die sieben Abteilungen des Niedersächsischen Landesarchivs sind für unterschiedliche Regionen des Bundeslandes zuständig, wir für das südliche und östliche Niedersachsen. Und dann kommt so jemand wie ich in die betreffende Behörde, um die Unterlagen in Augenschein zu nehmen. Im Idealfall lasse ich mir vorher eine Liste mit Informationen zu dem Schriftgut schicken. Zunehmend Ein Gespräch mit Philip Haas
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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.4-2025 | ©Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2025