Emanzipativ, avantgardistisch, angefeindet – und verschwunden Die ARD-Jugendradiosendungen der 1970er Jahre
Im Radio des 2. Jahrhunderts sind sie sehr selten geworden: die Nischen. Am ehesten existieren sie im Spät- oder Nachtprogramm. Mitunter am Leben gehalten von Redakteur:innen, die ihrer Pensionierung entgegensehen und denen die Chefetagen deshalb noch ein befristetes Gnadenbrot zubilligen – darauf lauernd, den bald freiwerdenden Sendeplatz mit preiswerten und in ihren Augen zeitgemäßeren Formaten zu füllen. Vor fünfzig Jahren stellte sich die Szenerie anders dar: In den siebziger Jahren 1 Pickel im Programmgesicht. Themenheft der Zeitschrift Medium, H. 10/19. 2 Hörerbrief von Albert J. aus Neheim-Hüsten an den WDR Köln vom 2.1.19, WDR Historisches Archiv (künftig: »HA«) 104. 3 Vgl. Axel Schildt, Die 60er Jahre – eine Dekade im Schatten des Mythos von »68«, in: Monika Estermann & Edgar Lersch (Hg.), Buch, Buchhandel und Rundfunk. 19 und die Folgen, Wiesbaden 20, S. 9–2, hier S. 1. 4 Vgl. Richard Münchmeier, »Entstrukturierung« der Jugendphase. Zum Strukturwandel des Aufwachsens und zu den Konsequenzen für Jugendforschung und Jugendtheorie, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 31/19, S. 3–1, hier S. 4, sowie Trutz von Trotha, Zur Entstehung von Jugend, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, H. 2/19, S. 254–2, hier S. 2 f.
standen die Nischen prominent im Tagesprogramm. Sie wandten sich an die junge Zielgruppe und rückten dennoch in den Blickpunkt einer breiten politischen Öffentlichkeit: als »Pickel im Programmgesicht«1 oder auch als »Gipfel ordinärster Untergrund-Klassenkampf-Propaganda«2. DIE ENTDECKUNG EINER ZIELGRUPPE Freilich griffe es zu kurz, die damaligen Zielgruppensendungen für Jugendliche im ARD-Hörfunk lediglich als Folge von »1968« zu deuten. Offenkundig verlangte die Zeit nach einem derartigen Angebot – nicht nur weil im Jahr 19 ein knappes Drittel der Bundesbürger:innen jünger als zwanzig Jahre war.3 Schon lange hatte die Soziologie die Jugend als eigenständige Lebensphase erkannt.4 Dies traf sich mit dem Auftreten einer neuen Redakteursgeneration in den Funkhäusern. Ein Angehöriger dieser Generation fasste ihre Weltsicht 19 in Worte: Der BR-Redakteur Hanns Helmut Böck sprach Jugendlichen das Recht zu, mit ihren Anliegen – auch mit Fundamentalkritik – »genauso ernst genommen zu werden wie alle anderen gesellschaftlich relevanten Gruppen.« Ein Jugendprogramm könne helfen, dem einzelnen »seine Verantwortung gegenüber sich selbst und der Gemeinschaft bewußt zu machen und ihn zum Gebrauch seiner Urteils- und Kritikfähigkeit herauszufordern.« Man dürfe Jugendliche zwar nicht »unkritisch in Anti-Haltungen
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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.4-2025 | ©Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2025