Eine kleine Küche mit großer Geschichte Weibliche Nischen in der Nachkriegsukraine
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich die Ukraine in einem Zustand umfassender Zerstörung und anhaltender Knappheit. Verwüstete Städte und Dörfer, Wohnungsnot, Nahrungsmangel und fehlende existentielle Lebensgrundlagen waren Teil der alltäglichen Realität von Millionen Menschen. Die Auswirkungen auf den Alltag betrafen alle Bereiche des Daseins, traten jedoch besonders deutlich im Raum der Küche hervor – bescheiden in ihrer Größe, aber bedeutend in ihren Funktionen. Die architektonische »Kleinheit« des Küchenraums stand im Kontrast zu seiner sozialen und kulturellen Relevanz: Hier wurden Überlebensaufgaben bewältigt – vom Kochen über familiäre Freizeitgestaltung und Kindererziehung bis hin zu Festen und Ritualen. So wurden kleine Küchen zu Nischen des (vor allem) weiblichen Alltags, in denen eigene Strategien der Anpassung und Selbstbehauptung entstanden – oft unsichtbar für die offizielle Geschichtsschreibung.
Die Küche als Nische ist zugleich Zuflucht, Labor und Bühne. Aufgrund dieser Vielschichtigkeit ist die Küche ein besonders interessantes Forschungsobjekt. Aus architektonischer Perspektive ein primär zweckmäßiger Ort – provisorisch, eng, nicht zur Repräsentation bestimmt – wurde die Küche indes zur zentralen »Nische der Alltäglichkeit«, in der sich emotionale, soziale und kulturelle Energie von Frauen konzentrierte. Diesem Beitrag liegen Memoiren, mündliche Zeugnisse, Archivdokumente und visuelle Quellen zugrunde, die es ermöglichen, die Küche nicht nur als Nische, sondern auch als Bühne zu rekonstruieren – als Ort, an dem sich Geschichte im Alltag verdichtete und durch scheinbar nebensächliche Gesten und Routinen Gestalt annahm.
Die Küche als Forschungslabor
Die Untersuchung stützt sich auf einen interdisziplinären Ansatz, der Gender-Theorie, kulturelle Geografie und Alltagsforschung verbindet. Der Küchenraum wird als soziale und symbolische Nische verstanden, in der materielle Bedingungen, kulturelle Codes und Formen weiblicher Agency zusammenlaufen.
Gender wird als historisch und kulturell geprägte Kategorie begriffen, die durch alltägliche Praktiken wie Fürsorge, Kochen und Organisation performativ hergestellt wird.[1] Die unsichtbare weibliche Arbeit – emotional, reproduktiv, organisatorisch – wird als zentrale, aber institutionell marginalisierte Ressource analysiert.[2] Die Küche erscheint nicht als bloßer Raum, sondern als sozial konstruierte Arena[3], durchdrungen von Macht, Identität und Erinnerung. Alltagspraktiken wie Improvisation und Vorratshaltung sind hier auch Taktiken der Resilienz und des verdeckten Widerstands.[4]
Im ukrainischen Kontext sind die Arbeiten von Iryna Zherebkina und Lidiya Artyukh zentral, da sie die Küche als Ort weiblicher Subjektivität, kultureller Reproduktion und emotionaler Erinnerung rekonstruieren. Oksana Kis[5] erweitert ihn um eine Perspektive auf den Alltag als Erfahrungsraum im 20. Jahrhundert.
Die Analyse weiblicher Alltagsnischen in der Nachkriegsukraine stützt sich auf eine breite Quellenbasis. Im Zentrum stehen drei Materialgruppen: Archivdokumente, persönliche Zeugnisse und Presseerzeugnisse der damaligen Zeit. Besonders wichtig sind zentrale und lokale Archivmaterialien (Kyjiw, Izmail), darunter Berichte, Beschwerden und hygienische Vorschriften. Sie dokumentieren staatliche Versuche, den Alltag zu regulieren, und offenbaren zugleich Spannungen zwischen normativer Ordnung und gelebter Realität.
Ergänzt werden diese Materialien durch persönliche Quellen: Memoiren, Tagebücher, Interviews und mündliche Erzählungen von Frauen, die zwischen den 1940er und 1960er Jahren ihren Alltag gestalteten und in der häuslichen Küche aktiv waren. Digitale Archive wie »Prozhito«, Memuarist.com und das Oral-History-Archiv des Ukrainischen Instituts für Nationales Gedenken bieten Zugang zu emotionalen Landschaften und körperlich verankerten Erinnerungen an Küchenarbeit.
Frauenzeitschriften wie »Rabotnitsa« oder »Krestjanka« vermittelten ein klar ideologisch geprägtes Bild der Frau im sowjetischen Alltag: als produktive Arbeitskraft, als Vorbild im Kollektiv, als Heldin des Haushalts. Neben Berichten über Produktionsvorkämpferinnen und Musterbäuerinnen enthielten sie auch praktische Tipps – etwa zur Seifenherstellung oder Körperpflege, – die den Mangel der Nachkriegszeit adressierten und zugleich das Interesse der Leserinnen wachhalten sollten.
Diese Quellenvielfalt erlaubt es, die Küche nicht nur als Ort der Arbeit, sondern als kulturellen Speicher zu begreifen – als Raum, in dem Rituale, Wissen und Erinnerungen weitergegeben und weibliche Agency unter Bedingungen des Mangels ausgehandelt wurden.
Ruinen als Ausgangspunkt
Bei Kriegsende lag nahezu ganz Europa in Trümmern: Kampfhandlungen und alliierte Luftangriffe hatten ganze Stadtviertel zerstört, die Infrastruktur war vielerorts zusammengebrochen. Vorrangig galt es, die Ruinen zu beseitigen, Hungernden Nahrung und Obdachlosen eine Unterkunft zu verschaffen. Die Hauptlast der ersten Nachkriegssorgen trugen überall in Europa die Frauen. Sie waren es, die zwischen den Ruinen zerbombter Städte Kartoffeln pflanzten und mit bloßen Händen Schutt und Steine wegräumten, um Platz für den Wiederaufbau zu schaffen. »Trümmerfrauen« wurden sie in Deutschland genannt.[6]
Die Ukraine gehörte zu den am stärksten vom Krieg betroffenen Regionen der Sowjetunion. Nach Schätzungen sowjetischer Behörden waren landesweit fast fünfzig Prozent des Vorkriegswohnungsbestands zerstört, über zehn Millionen Menschen hatten ihr Zuhause verloren. Besonders betroffen waren Großstädte, Industriezentren und Frontgebiete. So verlor Kyjiw infolge von Bombardements, Explosionen, Bränden und Kämpfen um die Stadt zwischen 1941 und 1943 etwa vierzig Prozent seines Wohnraums. Insgesamt wurden in Kyjiw 940 große Wohn- und Verwaltungsgebäude zerstört, über 200.000 Menschen blieben ohne Obdach.[7] In Charkiw waren bis zu siebzig Prozent der Wohngebäude, insbesondere in Arbeiterquartieren und im Stadtzentrum, der Zerstörung anheimgefallen. In Odessa und Mykolajiw waren die Schäden weniger massiv, umfassten jedoch immer noch dreißig bis vierzig Prozent, vor allem im Hafen und in der Altstadt. Das tatsächliche Maß an Wohnraum pro Kopf in ukrainischen Städten sank auf ein katastrophales Niveau. Etwa ein Drittel der Stadtbevölkerung (31,8 %) lebte auf weniger als fünf Quadratmeter pro Person.[8]
In den ersten Nachkriegsjahren mussten Menschen in halbzerstörten Häusern, Kellern, Erdhütten sowie in verlassenen Lager- oder Produktionsräumen leben, die völlig ungeeignet für ein menschenwürdiges Dasein waren. Der Wiederaufbau des Wohnraum verlief stockend und bei Weitem nicht in dem Umfang, der notwendig gewesen wäre. Anfang 1947 lebten in der Ukraine 23.400 Familien (über 80.000 Menschen) in Erdhütten, über 80.000 Familien (rund 260.000 Menschen) wohnten in fremdem Wohnraum oder in Nebengebäuden.[9]
Der Wiederauf- und Neubau von Wohnraum war mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, insbesondere durch den Mangel an Baumaterialien und qualifizierten Arbeitskräften. Dies führte häufig zu minderwertiger Bauqualität, wie aus Archivdokumenten hervorgeht.[10]
Trotz dieser schwierigen Verhältnisse wurden diese Jahre im sowjetischen Geschichtsbewusstsein zum »Leben als Fest« und »Leben als Märchen« – einem Idealbild ohne Spannungen und Konflikte. In der Realität zeigten sich jedoch die Widersprüche: anhaltende Repressionen, fehlende Demokratie, Arbeitslosigkeit und mangelhafte Lebensbedingungen.
Wohnraum wurde unter diesen Umständen zu einem zentralen Faktor sozialer Hierarchie. In ländlichen Gebieten waren es meist private Häuser, in den Städten kommunale und individuelle Wohnungen. Die Kommunalwohnung – die sogenannte Kommunalka – war eines der sozialtechnischen Experimente der sowjetischen Machthaber, das sich in der Praxis als besonders destruktiv erwies. In Wohnungen, die zuvor von einer einzigen Familie bewohnt worden waren, wurden mehrere neue Familien einquartiert, wobei jede von ihnen lediglich ein Zimmer erhielt. In einem solchen Zimmer lebten häufig vier bis fünf Personen auf etwa zehn Quadratmetern – oftmals wurden in einer Wohnung vier bis zehn Familien untergebracht. Später schrieb Wladimir Wyssozki in seiner Ballade über die Kindheit:
»Alle wohnten gleich, bescheiden, -
Nach dem Korridorsystem,
Auf achtunddreißig Zimmerchen -
Eine einzige Toilette.«
In der sowjetischen Presse wurden Kommunalwohnungen als »neue Formen des sozialistischen Alltags« und »Schulen des Kollektivismus« beschrieben, die Kameradschaft fördern, zum Teilen erziehen und das Leben in der Gemeinschaft lehren würden. Doch hinter den wohlklingenden Berichten verbarg sich eine andere Wahrheit: ständige Konflikte, fehlender persönlicher Raum, nachbarlicher Diebstahl in den Küchen, Warteschlangen und Streitigkeiten um die Möglichkeit, Essen zuzubereiten oder sanitäre Einrichtungen zu nutzen. Für die Mehrheit wurde das Leben in der Kommunalwohnung zu einer endlosen Front, bei der der Feind der Nachbar hinter der Zimmerwand war. Dadurch war die Kommunalka nicht nur ein Wohnraum – sie war ein kleines Gesellschaftsmodell, in dem der Mensch täglich um das Recht kämpfen musste, er selbst zu sein.
Architektur und materielle Kultur der Küche
Je nach architektonischem Kontext, sozialem Status und Region lassen sich drei Formen typischer Küchen unterscheiden, von denen jede ihre eigene Nische weiblicher Alltäglichkeit formte.
In den Nachkriegsstädten lassen sich mehrere typische Küchenformen unterscheiden. Besonders verbreitet war die Form der Küche in der Kommunalwohnung. Hier fungierte die Küche als Nische erzwungener Nähe, als Ort der Verhandlungen und des Überlebens. Die Küche war das Herzstück der Kommunalka. Hier wurde alles entschieden: Wer bekommt den Herd, wer den besten Platz, wer darf zuerst Wasser aus dem Hahn nehmen? Frauen wurden zu den Hauptdarstellerinnen dieser Bühne. Sie kochten, versteckten Lebensmittel, stritten, belauschten Nachbarinnen und tauschten sich über Gerüchte und private Geschichten aus.
»In der Küche war alles gemeinsam – der Herd, der Tisch, sogar die Luft. Wir standen um fünf Uhr morgens auf, um Brei zu kochen, bevor die Nachbarn wach wurden. Lebensmittel versteckten wir in Koffern, Salz in einem Kopfkissenbezug, und Tee in einer alten Cremedose. Dort, in der Küche, habe ich gelernt zu schweigen, wenn man eigentlich schreien möchte.«[11]
Die Küche in der Kommunalwohnung war Schlachtfeld und Verhandlungsraum zugleich. Wie die Macher des Films »Frauen der Kommunalkas der UdSSR: Die ganze Wahrheit über Schmutz, Enge und den ewigen Kampf um den Herd«[12] treffend bemerkten, war die Kommunalka für Frauen eine besondere Herausforderung: Sie hielten alle Fäden in der Hand – die Kinder, den Haushalt, die Nerven des Ehemanns, die Streitereien mit den Nachbarn. Alles stand unter ihrem Kommando. Sie wussten: Jeder Tag bedeutete eine neue Schlacht. Die weibliche Subjektivität war in solchen Küchen eingeschränkt, aber nicht ausgelöscht: Frauen entwickelten Taktiken des Rückzugs, der Improvisation und der symbolischen Aneignung des Raumes – durch Vorhänge, Regale, eigene Formen der Vorratshaltung. Man könnte sagen: Die Kommunalküche war für die Frau eine Nische, in der sie als Generalin und Diplomatin zugleich agierte.
Der Wiederaufbau individuellen Wohnraums, insbesondere in neuen Mehrfamilienhäusern, führte zur Entstehung einer zweiten Form: Küchen als private Nischen. Auch wenn er oftmals lediglich sechs bis acht Quadratmeter maß, wurde dieser kleine Raum als Symbol von Autonomie und Kontrolle wahrgenommen. Hier »testeten« Frauen neue Kochtechniken unter Bedingungen begrenzter Ressourcen: Sie bereiteten vertraute Gerichte aus ungewohnten Zutaten zu – Grießbrei ohne Grieß, »Frikadellen« aus Brot und Zwiebeln, Torten ohne Eier und Butter. Sie »erfanden« neue Methoden zur Lebensmittelaufbewahrung – Einsalzen ohne Salz, Trocknen auf der Heizung, Lagern in Einmachgläsern. Da praktisch sämtliche Küchengeräte wie Fleischwolf, Backofen oder Mixer fehlten, »konstruierten« Frauen Küchenutensilien aus verfügbaren Materialien. Sie führten »Experimente« zur Optimierung des Tagesablaufs durch – neue Putzpläne, Kochorganisation, Aufgabenverteilung unter den Kindern – eine Art »Haushaltsmanagement«. In der Küche wurden auch Erziehungspraktiken »implementiert«: Kinder lernten Verantwortung, halfen beim Kochen, hörten den Gesprächen der Erwachsenen zu und verinnerlichten soziale Normen. So wurde die Küche zu einer Art »weiblichem Labor« des Alltags – einem Raum für soziale Mikroexperimente.
In der Nachkriegsukraine bedeutete der Erhalt einer eigenen Wohnung nicht nur eine Verbesserung der Wohnverhältnisse, sondern markierte auch einen sozialen Übergang, verbunden mit dem Zugang zu Privatheit, Autonomie und symbolischem Status. Solche Wohnungen wurden, insbesondere im Rahmen der Wohnungsvergabe durch staatliche Institutionen, meist Fachkräften und Angehörigen der Bildungselite zugeteilt – Wissenschaftler:innen, Ingenieur:innen, Ärzt:innen, Lehrkräften; Parteikadern, Militärs und Verwaltungsangestellten.
Küchen in diesen Wohnungen wurden zu privaten Nischen, in denen Frauen nicht nur den Alltag organisierten, sondern auch Räume der Autonomie, Fürsorge und Sinnstiftung formten, wie Iryna Zherebkina treffend formuliert: »Die Küche wird zu einem Ort, an dem die Frau aus sich selbst heraus sprechen kann – und nicht im Namen der Ideologie.«[13]
Nach dem Tod Stalins und dem Beginn der »Tauwetterperiode« wurde die private Küche in einer eigenen Wohnung zu einer Nische des Andersdenkens. Gerade hier – in relativer Ruhe und Sicherheit – konnten heimlich die »feindlichen Stimmen« gehört werden: Radio Liberty, BBC, Voice of America – oft leise, bei geschlossenen Fenstern. Swetlana Alexijewitsch bringt diese Funktion der Küche auf den Punkt: »Alles Wichtige geschah in der Küche – dort sprach man die Wahrheit, dort hatte man keine Angst.«[14]
In Wohnungen gebildeter städtischer Schichten wurden Küchen häufig zu Orten der Diskussion über Samisdat-Literatur und dissidentische Ideen. Manchmal wurden Küchen zu informellen Nischen für Begegnungen und Gespräche – Orte jenseits offizieller Kontrolle, an denen Alltagserfahrungen und Meinungen geteilt wurden. In den sogenannten Küchengesprächen wurden Themen angesprochen, die im öffentlichen Raum tabuisiert waren: Repressionen, Zensur, Krieg, Religion, nationale Identität.
So wurde die Küche zu einer Nische innerer Freiheit, in der Frauen und Männer »ohne Protokoll« sprechen konnten, Zweifel teilten und alternative Sichtweisen entwickelten. Hier entstand die Küchen-Nische einer intimen Politisierung – nicht in Form offenen Protests, sondern durch Gespräche, Lektüre, Zuhören und Infragestellen. Für Frauen war dieser Raum besonders bedeutsam: Sie erfüllten weiterhin ihre vertrauten Rollen der Kümmerin und der Köchin, wurden aber zugleich zu Hüterinnen von Erinnerung, Sinn und kritischem Denken. Die Küche verwandelte sich in eine Nische doppelter Agency – sowohl als Ort der Arbeit als auch als Bühne intellektuellen Widerstands.
In ländlichen Gebieten und privaten Stadthäusern war die dritte Form von Küchen am weitesten verbreitet. Die Küche wurde Teil eines erweiterten häuslichen Raumes, der Ofen, Vorratskammer, Sommerküche und Hof umfasste. Hier blieben Elemente der traditionellen Kultur wie Rituale, Rezepte und feiertägliche Gebräuche erhalten.
Lidiya Artyukh, die sich mit Ernährungstraditionen beschäftigt, bemerkt:
»In einem ländlichen Haus war die Küche kein separater Raum, sondern Teil des gemeinsamen Bereichs, in dem der Ofen stand, Krüge hingen, Kräuter getrocknet und Getreide gelagert wurden. Hier wurde Borschtsch gekocht, Paljanyzja gebacken, Kutja für Feiertage zubereitet. Die Küche war das Herz des Hauses – ein Ort der Wärme, der Düfte und der Erinnerung«.[15]
Die weibliche Agency war hier stärker ausgeprägt, hing jedoch ebenfalls von Ressourcen, Status und Familienstruktur ab. Trotz tiefgreifender gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Umbrüche blieben in diesen Küchen zentrale Elemente der Alltagskultur erhalten. Küchen dieser Kategorie lassen sich als Nischen der Resilienz und des Rituals charakterisieren, in denen materielle und symbolische Praktiken miteinander verwoben und weibliche Praktiken mit dem jahreszeitlichen Rhythmus, der familiären Struktur und kulturellen Traditionen verflochten waren.
In den Küchen ländlicher Haushalte blieben trotz äußerer Veränderungen beständige Traditionen der Nahrungszubereitung erhalten: das Kochen auf dem Holzofen, die Verwendung von Ton- oder Gusseisentöpfen sowie die Herstellung von Milchprodukten im eigenen Haushalt. Die räumliche Organisation solcher Küchen war nahezu unverändert – mit Sommerküche oder überdachtem Außenbereich und einem Vorratskeller zur Lagerung. Hier wurden Rituale und Bräuche bewahrt, etwa die Zubereitung festlicher Speisen zu Weihnachten und Ostern sowie ein Speiseplan nach dem agrarischen Kalender – Fastenzeiten, Ernte, Schlachtung. Im Unterschied zu städtischen Küchen waren diese Räume stärker mit religiöser Praxis und ritueller Ordnung verbunden, was sich sowohl in der Auswahl der Lebensmittel als auch im Rhythmus des Alltags niederschlug.
Im Kontext kommunalen Wohnens verwandelte sich die Küche häufig in einen »halböffentlichen« Raum. Hier wurde die Küche zur Arena nicht nur der Nahrungszubereitung, sondern auch der Grenzziehung zwischen dem »Eigenen« und dem »Fremden«. Im Gegensatz dazu wurden private Küchen zu Symbolen von Eigenständigkeit, Autonomie und der Wiederherstellung von Kontrolle über den Alltag.
Die Küche als eine »Nische weiblicher Stärke« im Alltag
Die Kücheneinrichtung und ihr gegenständliches Inventar bilden eine weitere wichtige Analyseebene. Der Ofen, der Petroleumkocher, selbstgebaute Möbel, Einmachgläser, Geschirr – all dies sind nicht nur Gebrauchsgegenstände, sondern Zeichen einer Epoche, die den Grad der Ressourcenzugänglichkeit, technischen Einfallsreichtum und ästhetische Vorlieben widerspiegeln. Unter den defizitären Bedingungen der instabilen Nachkriegszeit wurden gerade »kleine« Gegenstände – Tischdecken, Vorhänge, Kalender, Ikonen, Gläser – zu Stützen des Alltags. Sie schmückten die Küche nicht nur, sondern strukturierten Zeit, Raum und die emotionale Landschaft.
Tischdecken – oft handgemacht, bestickt oder mit Spitze versehen, als Erbstücke weitergegeben – markierten das Zentrum der Küche, versammelten die Familie, verdeckten Risse im Tisch und symbolisierten Fürsorge. Sie standen zugleich für eine gewisse Ordnung – trotz oder gerade angesichts des umgebenden Chaos, wie das folgende Zitat zeigt: »Mama bügelte die Tischdecke, als wäre es ein Feiertag. Auch wenn es nichts zu essen gab – die Tischdecke musste sauber sein.«[16]
Vorhänge – oft aus Mull oder Baumwolle, manchmal mit Blumenmuster verziert – vermittelten Geborgenheit und Schutz. In Kommunalkas wurden sie häufig genutzt, um den Herd oder die Badewanne abzuschirmen.
Wandkalender mit Abbildungen von Landschaften und Tieren vermerkten orthodoxe Feiertagen und markierten den jahreszeitlichen Rhythmus, besonders in ländlichen Küchen, wo Saisonalität zentral war. »Am Kalender wussten wir, wann gesät wird, wann Fastenzeit ist, wann Namenstag. Er hing neben der Ikone – wie ein zweiter Kompass.«[17]
Ikonen und bestickte Tücher – vor allem in privaten Häusern und ländlichen Küchen – erfüllten eine Schutzfunktion, verbanden Generationen und boten spirituelle Orientierung. »Großmutter sagte: ›Der Ofen wärmt den Körper, die Ikone die Seele‹«.[18]
Gläser und Geschirr – etwa Gefäße mit Kompott, Gurken, Marmelade – waren nicht nur Vorratsbehälter, sondern materielle Chroniken. Jedes Glas stand für eine Saison, Arbeit, Fürsorge. Diese Gegenstände formten die weibliche Nische der Resilienz, besonders im Kontext kommunalen Wohnens oder ländlicher Jahreszeitenfolge. Diese Dinge wurden zu Erinnerungsträgern und Zeitmarkern. Schließlich war die Küche eine Nische der Improvisation und Erfindungskraft. Frauen entwickelten selbstgebaute Küchengeräte, funktionierten Möbel um und verwendeten untypische Materialien – all dies zeugt von einem hohen Maß an Kreativität unter restriktiven Bedingungen. Petroleum- und Gaskocher wurden häufig manuell überarbeitet: Frauen tauschten Düsen aus, passten sie an verschiedene Brennstoffe an, fertigten Schutzgehäuse aus Konservendosen. In vielen Haushaltsküchen fanden sich improvisierte Backöfen – gebaut aus Metallkisten, mit Ziegeln ummauert.
Gesten, Gerüche, Geschichten: Die Küche als Gedächtnis
Im ukrainischen Nachkriegsalltag erscheint die Küche somit nicht bloß als häuslicher Raum, sondern als weibliche Nische der Alltäglichkeit – ein Ort, an dem Fürsorge, Improvisation, kulturelle Resilienz und emotionale Erinnerung miteinander verschmolzen. Architektur und materielle Kultur bildeten die Rahmenbedingungen dieser Nische, setzten Grenzen, eröffneten aber zugleich Spielräume für Anpassung und Kreativität. Folglich diente die Küche war nicht nur der Nahrungszubereitung, sondern war auch ein Ort, an dem die Frau ihre Rolle als »Hausherrin« im konkretesten Sinne verwirklichte. Männliche Figuren waren hier meist episodisch: »Gast«, »Reparateur«, »gelegentlicher Helfer« – dieser Raum gehörte nicht zu ihrem alltäglichen Territorium. Die Küche blieb unter weiblicher Kontrolle und Verantwortung.
Ein Großteil der weiblichen Arbeit in der Küche blieb unsichtbar. Diese Arbeit wurde in der offiziellen Statistik nicht erfasst, nicht als wirtschaftliche Tätigkeit anerkannt und erhielt keine institutionelle Würdigung. Dennoch war es gerade diese Arbeit, die die Reproduktion der Familie, die Stabilität des Alltags und die Bewahrung von Rhythmus und Erinnerung sicherte. Die Küchennische wurde zu einem Raum, in dem die Frau nicht nur arbeitete, sondern das Zuhause zusammenhielt – emotional, logistisch, symbolisch. »Ich stopfte, schrieb, fütterte, heilte. Die Küche war mein Kommandopunkt: alles begann und endete hier.«[19]
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Funktion der Küche als kulturelles Gedächtnis – als Raum, in dem Fähigkeiten, Rezepte, Rituale und Familiengeschichten weitergegeben wurden. Hier fand die generationenübergreifende Vermittlung weiblichen Wissens statt: Großmütter lehrten ihre Enkelinnen, Teig zu kneten, Gurken einzulegen, Marmelade zu kochen, Lebensmittel entsprechend der Jahreszeiten zu bewahren und zuzuteilen. Dieses Wissen wurde nicht schriftlich festgehalten – es wurde durch Gesten, Tonfall, Wiederholung und körperliche Erinnerung weitergegeben.
Die Küche war zudem durch emotionale und kulturelle Codes geprägt. Am Tisch wurden Familiengeschichten erzählt, Verstorbener erinnert, Feiertage gemeinsam erinnert und vorbereitet, wichtige Entscheidungen getroffen. Feiertage, Geburtstage, Trauerfeiern – alles ging durch die Küche, selbst wenn die Gäste im Wohnzimmer saßen. »In der Küche erinnerten wir uns an Großmutter. Wir kochten ihren Borschtsch, stellten ihr Foto auf, sprachen mit ihren Worten. Das war unsere Art, bei ihr zu sein.«[20]
So wurde die Küche nicht nur zu einem Ort der Zubereitung, sondern zu einer Nische, in der Zeit Gestalt annahm, in der Erinnerung körperlich, geschmacklich und ritualisiert wurde.
Die kleine Küche, die alles trägt
Die Küchennische in der Nachkriegsukraine war weit mehr als ein häuslicher Funktionsraum – sie wurde zur verdichteten Nische weiblicher Erfindungskraft, Fürsorge und Erinnerung. Unter Bedingungen von Mangel, Enge und Zensur entwickelte sie sich zu einem Ort alltäglicher Politik, kultureller Kontinuität und emotionaler Stabilisierung.
Gerade die Vielgestaltigkeit der Küchenformen – privat, kommunal, ländlich – zeigt, wie jede Nische eigene soziale Dynamiken und Formen der Resilienz hervorbrachte. Diese Resilienz zeigte sich nicht nur in der Fähigkeit, unter widrigen Bedingungen zu improvisieren und Fürsorge zu organisieren, sondern auch im Erhalt von Alltagsrhythmen, Wissen und Beziehungen. Die Küche fungierte als Raum des Vertrauens, der Weitergabe von Wissen, der Organisation von Ritualen und der leisen Politisierung, aber auch des Konflikts in der erzwungenen Enge der Kommunalwohnung.
Perspektivisch bietet sich ein vielschichtiges Forschungsfeld: die vergleichende Untersuchung von Küchennischen – regional, transnational und diachron. Von Bessarabien bis zum Donbass, von ukrainischen Dörfern bis zu deutschen Mietwohnungen lassen sich Muster von Fürsorge, Resilienz und Erinnerung rekonstruieren und in ihrer gegenwärtigen Transformation reflektieren.
Ebenso wichtig ist die Reflexion über die heutige »post-küchliche« Transformation: das Verschwinden der Küche als autonomer Raum, ihre Verschmelzung mit dem Wohnzimmer, der Verlust von Ritualen und gegenständlicher Dichte. Die erneute Aufmerksamkeit für die Küche als Nische ist nicht nur ein historischer Akt, sondern auch der Versuch, jene Lebensformen wieder ins Bewusstsein zu rufen, in denen Fürsorge, Arbeit und Erinnerung untrennbar miteinander verbunden waren.
Liliia Tsyganenko ist Historikerin und seit 2010 Professorin am Lehrstuhl für Geschichte der Staatlichen Humanitären Universität Izmail (Ukraine). Sie ist Preisträgerin des Akademiker-P. Tronjko-Preises des Nationalen Verbandes der Heimatforscher der Ukraine (2021). Autorin von 260 wissenschaftlichen Arbeiten (Monografien, Lehrbücher, Artikel). Stipendiatin der Gerda-Henkel-Stiftung (2022–2024, Deutschland) sowie des Zentrums „Denkraum Ukraine“ (2025, Universität Regensburg, Deutschland).
[2] Vgl. Arlie Hochschild, The Managed Heart: Commercialization of Human Feeling, Berkeley 2003.
[3] Vgl. Henri Lefebvre, La production de l’espace, Paris 1974.
[4] Vgl. Michel de Certeau, L’invention du quotidien, Paris 1980.
[5] Oksana Kis, Ukrainky v HULAHu: vyzhyty oznachaje peremohty [Ukrainerinnen im Gulag: Überleben heißt siegen]. Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine, Institut für Volkskunde. Lwiw: Institut für Volkskunde, 2017.
[6] Michael Boizov & Irina Khromova, Poslevoennoe desjatiletie: 1945–1955 [Das Nachkriegsjahrzehnt: 1945–1955], Moskau 1999, S. 83.
[7] Tamara Wronska u. a. (Hg.), Kyjiv u dni natsysts’koji navaly: Za dokumentamy radjanskych spetssluzhb [Kyjiw in den Tagen der nationalsozialistischen Invasion: Nach Dokumenten der sowjetischen Geheimdienste], Kyjiw/Lwiw 2003, S. 128.
[8] Nikolaj Semaschko (Hg.), Mediko-sanitarnye posledstvija vojny i meroprijatija po ich likvidacii. Trudy 2-j konferencii (17.–19. dekabrja 1946 g.) [Medizinisch-hygienische Folgen des Krieges und Maßnahmen zu ihrer Beseitigung. Beiträge der 2. Konferenz (17.–19. Dezember 1946)], Bd. 1, Moskau 1946, S. 100.
[9] Ljudmyla Kovpak, Socijal’no-pobutovi umovy žyttja naselennja v II–j polovyni XX st. (1945–2000 rr.) [Sozial- und Lebensbedingungen der Bevölkerung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (1945–2000)], Kyjiw 2003, S. 32.
[10] Zentralstaatliches Archiv gesellschaftlicher Vereinigungen der Ukraine, Kyjiw: Fond 1, ZK KP(b)U – Dokumente der Allgemeinen Abteilung (Sondersektor) des ZK der Kommunistischen Partei der Ukraine (geheimer Teil), Op. 30, Delo 3878, Bl. 170: Bericht des Statistischen Amts der UdSSR über die Durchführung des Plans für die Instandsetzung und den Wohnungsbau im Jahr 1953 sowie für das erste Quartal und die ersten neun Monate 1954; Angaben zur Wiederherstellung und zum Bau von Wohnraum in der UdSSR 1945–1953 (1954).
[11] Interview mit Zoja P. im Dokumentarfilm „Frauen in den Kommunalwohnungen der UdSSR: Die ganze Wahrheit über Schmutz, Enge und den ewigen Kampf um den Herd“, Reihe Geheimnisse des Archivs, 2025, tinyurl.com/indes254l1.
[12] Dokumentarfilm: „Frauen in den Kommunalwohnungen der UdSSR: Die ganze Wahrheit über Schmutz, Enge und den ewigen Kampf um den Herd“, Reihe Geheimnisse des Archivs, 2025.
[13] Irina Zherebkina, Gendernaja teorija i postsovetskaja identičnost’ [Gendertheorie und postsowjetische Identität], Charkiw 2000, S. 49.
[14] Swetlana Alexijewitsch, Vremja sekond chend. Konets krasnogo cheloveka [Secondhand-Zeit. Das Ende des roten Menschen], Moskau 2013, S. 92.
[15] Lidija Artjuch, Ukraïns’ka narodna kulinarija: tradyciji, zwyčaji, recepty [Ukrainische Volksküche: Traditionen, Bräuche, Rezepte], Kyjiw 1991, S. 113.
[16] Interview mit Marija Mucha (geb. Pereschtschuk), in: L. Tsyganenko u. a. (Hg.), Storinky pam’jati. m. Izmajil. Izmajil’s’kyj rajon [Erinnerungsbuch], Teil 1, Izmajil 2021, S. 48.
[17] Interview mit Ljubow Schyrokowa, in: L. Tsyganenko u. a. (Hg.), Storinky pam’jati. m. Izmajil. Izmajil’s’kyj rajon [Erinnerungsbuch], Teil 1, Izmajil 2021, S. 24.
[18] Interview mit Marija Borčanu (geb. Kucar), in: L. Tsyganenko u. a. (Hg.), Storinky pam’jati. m. Izmajil. Izmajil’s’kyj rajon [Erinnerungsbuch], Teil 1, Izmajil 2021, S. 31.
[19] Interview mit Kseniya Ardeljan (geb. Schelest), in: L. Tsyganenko u. a. (Hg.), Storinky pam’jati. m. Izmajil. Izmajil’s’kyj rajon [Erinnerungsbuch], Teil 1, Izmajil 2021, S. 41.
[20] Interview mit Walentyna Karajwanska (geb. Mijnowa), in: L. Tsyganenko u. a. (Hg.), Storinky pam’jati. m. Izmajil. Izmajil’s’kyj rajon [Erinnerungsbuch], Teil 1, Izmajil 2021, S. 45.
Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.4-2025 | ©Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2025