»Die Schächte der Untergrundbahn oder eine öffentliche Parkanlage«[1] Nischen des Alltags

Von Gloria Freitag

Meine Freundin B. ist in ein Betreutes Wohnen gezogen. Sie hat die Achtzig überschritten und gerade einen neuen Job angefangen. B. ist körperorientierte Psychotherapeutin, sie hat einen geräumigen, gut bestückten Methodenkoffer im Kopf, sie hat viel Erfahrung und all das ist heute sehr gefragt. Eigentlich braucht sie keine Betreuung, sie brauchte eine kleinere Wohnung. Es wird ihre letzte Wohnung sein, sagt. B., zufrieden, dass ich, ihr erster Gast, sie gut in ihrer neuen Behausung aufgehoben finde: »Das ist jetzt meine Nische!«

»Ausgangspunkt dieser Überlegungen«, notiert Roland Barthes im Vorwort der Mythen des Alltags, »war zumeist ein Unbehagen an der Natürlichkeit, die von der Presse, von der Kunst, vom gesunden Menschenverstand ständig einer Wirklichkeit zugesprochen wird, die […] eine durchaus geschichtliche Wirklichkeit ist.«[2] Ähnliches lässt sich für die Nischen des Alltags behaupten, die, ob zwar alltäglich, nicht natürlich, sondern geworden sind. Sie geben Aufschluss über bestimmte räumliche Strukturen und Ordnungsgefüge, von denen sie sich absetzen.

[...]

[1] George Perec, Träume von Räumen, Zürich 2013, S. 9.
[2] Roland Barthes, Mythen des Alltags, 2020, S. 11.
[3] Ders., Wie zusammen leben, Simulationen einiger alltäglicher Räume im Roman, Frankfurt a. M. 2007, S. 52.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.4-2025 | ©Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2025