Andere Räume Urbane Nischen in den 1920er Jahren als inszenierte und angeeignete Heterotopien
Nischen sind soziale Räume, in denen das Andere Platz findet. Sie werden durch vielfältige und oft gegenläufige soziale Praktiken produziert. In diesem Beitrag werden solche Nischen des prekären Lebens zu Zeiten der Weimarer Republik beleuchtet: Straßen, Brücken, Bahnhöfe waren öffentliche Orten, die mittel- und obdachlosen Menschen Rückzugsmöglichkeiten boten. Die Lebensverhältnisse in diesen Räumen können durch Zeitungsberichte rekonstruiert werden, da die massenhafte Armut, Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit der 1920er Jahre von einem gesteigerten Interesse an publizistischer Auseinandersetzung mit prekären Lebenswelten in Form von Sozialreportagen begleitet wurden. Dabei ging es nicht nur um soziale Befunde oder die Darstellung von Ungleichheiten, sondern auch um die Vermittlung bestehender Ordnungsvorstellungen – durch das Aufzeigen einer sozialräumlichen Unordnung. Im Folgenden werden die auf Michel Foucault und Henri Lefebvre zurückgehenden raumsoziologischen Begriffe Heterotopie und Isotopie verwendet. Während Isotopien eine gleichförmige Ordnung, sprich vermeintlich homogene und sozial kohäsive Räume beschreiben, bezeichnen Heterotopien eine sozialräumliche Unordnung oder die Räume sozial Anderer: von Obdachlosen, Sinti, Roma und weiteren als nicht gesellschaftsfähig angesehenen Menschen.1 Heterotopien bringen »an ein und demselben Ort mehrere Räume zusammen, die eigentlich unvereinbar sind«2, und zeichnen so ein Bild jener Orte, die jenseits des bürgerlichen Selbst liegen. Sie zeigen auf, »wo man nicht ist« – und doch wird man durch sie »gleichzeitig auf den Platz, den man tatsächlich einnimmt, verwiesen.«3 1 Vgl. Michel Foucault, Heterotopien/Der utopische Körper. Zwei Radiovorträge, Berlin 20; Henri Lefebvre, Das Recht auf Stadt, Hamburg 20, S. 9 f. 2
Im urbanen Raum definieren sich Heterotopien durch einen – städtebaulichen, diskursiven oder lediglich imaginierten – Kontrast zum gleichförmigen Raum: der Isotopie. Beide Raumtypen widersprechen sich und sind dennoch aufeinander angewiesen. Obwohl heterotope Nischen immer wieder problematisiert werden, sind sie insofern funktional, als jede Ordnung auf die Unordnung als Abgrenzungsgegenstand angewiesen ist. Das Andere, Abseitige oder das, was nicht sein darf (Heterotopie), bestätigt
[...]
Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.4-2025 | ©Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2025