Das politische Porträt als Kultbild Zur symbolischen Funktion von Bildnischen

Von Andreas Pribersky

Mit der architektonischen Moderne ist die Nische seit Beginn des 2. Jahrhunderts zusehends aus der Gestalt der Gebäude verschwunden. Der damit einhergehende Bedeutungsverlust der Nische für die Gliederung von Fassaden oder Wänden dürfte wohl die aktuelle Wortverwendung zur Bezeichnung von etwas Randständigem beeinflusst haben. Da aber auch zeitgenössische politische Institutionen häufig in historischen Gebäuden residieren, sind der politischen Repräsentation zahlreiche, mehr oder minder prominente Nischen bis heute erhalten geblieben. Im historischen Zusammenhang erscheint die Nische – neben ihrer ornamentalen Funktion – vor allem als Bildträger: von der in ihr platzierten Skulptur an der Fassade religiöser Bauten über die Gestaltung von Fensternischen mit Glasmalerei bis zum Ort der Hängung eines Tafelbildes, das mittels dieser architektonischen Rahmung hervorgehoben wird. Die Nische blieb aber nicht bloß als historisches Stilelement politischer Repräsentationsbauten und -räume sichtbar, sie wird mitunter auch zur Ausstellung aktueller Bildwerke genutzt. Die räumliche Vertiefung dient damit paradoxerweise als ein Arrangement, das die Sichtbarkeit erhöht.1 Es sind wohl auch deshalb vor allem Personenbildnisse, zu deren Hervorhebung die Nische historischer Repräsentationsbauten genutzt wird. BILDWECHSEL IN DEN NISCHEN DES WEISSEN HAUSES … Es sollte nicht überraschen, dass auch bei der Gestaltung von Amtssitz und Residenz der US-Präsidenten, des Weißen Hauses – eines neoklassizistischen Baus von ca. 18 – Bildnischen vorgesehen wurden. Zwei davon sind besonders prominent platziert, nämlich im Grand Foyer des White House State Floor, durch das man von der Eingangshalle am Haupteingang über die Grand Staircase als Repräsentationstreppe unter anderem zum Oval Office gelangt. Traditionellerweise sind diese beiden Bild­nischen den Porträts der beiden unmittelbaren Vorgänger eines amtierenden Präsidenten vorbehalten.2 Diese Tradition gründet in den 1960er Jahren, als die White House Historical Association – auf Anregung

der damaligen First Lady Jackie Kennedy – damit begann, Porträts der scheidenden Amtsinhaber und First Ladies für die Gemäldesammlung des Weißen Hauses in Auftrag zu geben sowie historische Porträts aller früheren Amtsinhaber zu akquirieren, um diese im Weißen Haus auszustellen.3 Die Aufnahme des Obama-Porträts (Abb. 1) verdeutlicht die räumliche Situation einer dieser Bildnischen, auf die auch ein Kandelaber und die darunter stehende Sitzbank den Blick lenken.4 Die Porträts des amtierenden Präsidenten Donald Trump brechen indes aus zweierlei Gründen mit dieser Tradition: Nicht nur, weil er als erster US-Präsident gleich zu Beginn seiner Amtszeit eigene Porträts in Auftrag gab und ausstellte, sondern auch, weil seit April 20 eines davon in ebendieser Nische des Grand Foyer das Obama-Porträt ersetzt.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.4-2025 | ©Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2025