Nischen als Experimentallabore der Zukunft? Innovationssysteme im digitalen Panoptikum von Big Tech und geopolitischer Konfrontation

Von Petra Schaper Rinkel

In Nischen entsteht Neues. Damit Innovationen gesellschaftlich wirksam werden können, müssen sie jedoch den Schritt aus dem Experimentalsystem des Abseitigen in den Mainstream vollziehen. Dieses Narrativ ist der Innovationsforschung weitgehend selbstverständlich und prägt Analysen von Technologien und Praktiken wie etwa der Nanotechnologie oder nachhaltiger Energiesysteme. Partizipative Zukunftsprozesse – ForesightVerfahren – dienen auf nationaler und europäischer Ebene dazu, Innovationspfade zu antizipieren und die Verbreitung von Neuerungen aus den Nischen in die Breite zu begleiten. Die Etablierung globaler Märkte, regelbasierten Handel(n)s, internationaler Abkommen sowie supranationaler Regulierungen schuf, unterstützt durch vielfältige Fördermaßnahmen, eine scheinbar verlässliche, rational strukturierte Grundlage für den potenziellen Transfer von neuen Produkten und Verfahren aus der Nische in den Mainstream. Auch wenn immer nur wenige Ideen zu einer erfolgreichen wirtschaftlichen Umsetzung führen – und damit im Sinne von Schumpeter zu einer Innovation werden –, so bestand doch grundsätzlich die Annahme einer berechenbaren Entwicklung, die insbesondere im Hinblick auf die Förderung von Innovationen zugunsten sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit politisch unterstützt wurde. Dieses Innovationsmodell ist zunehmend unter Druck geraten. Zwei politisch miteinander verquickte Tendenzen bedrohen das Neue in den Nischen und das Transformative, das in den Nischen seinen Erprobungsraum hatte und braucht. Zum einen begrenzt die Macht der digitalen Big-Tech-Plattform-Unternehmen, die auf der Künstlichen Intelligenz des maschinellen Lernens beruhen, das Wachstum aus der Nische nicht nur in der digitalen Welt strukturell durch Aufkaufen, Integrieren, Imitieren oder Verdrängen, um radikale Neuerung zu verhindern. Zum anderen wird diese Dynamik der Plattformökonomie durch die autoritäre und protektionistische Politik der USA unter der zweiten Präsidentschaft

Donald Trumps verstärkt und auf den politischen Raum insgesamt ausgedehnt. Damit stellt sich die Frage, welche Folgen die Konstellation aus Plattformökonomie, Künstlicher Intelligenz und geopolitischem Wandel im Hinblick auf die Idee des Wachstums aus der Nische für die Innovationspolitik hat – und wie sich die Möglichkeiten verändern, Innovationen politisch zu fördern. DIE NISCHE ALS SCHUTZ VOR DEM NEUEN UND FÜR DAS NEUE In der Ideengeschichte der Innovationsmodelle wird dem Neuen mit Skepsis begegnet. Francis Bacon beschreibt in seiner Utopie »Neu-­Atlantis« im 1. Jahrhundert ein geheim gehaltenes, lineares Innovationssystem der Wissenschaften auf der fiktiven Südseeinsel Bensalem.1 Die Reisenden von dieser Insel – heute würden sie als Industriespione gelten – sammeln das Wissen der Welt und verbergen sowohl ihre Herkunft als auch die Existenz ihres Inselstaates. Auf Bensalem wird das Wissen bewertet, gefiltert und mit ihm hinter verschlossenen Türen experimentiert. Jede Neuerung ist verdächtig, jede Innovation muss sich bewähren. Lediglich das, was von dem linear und hierarchisch organisierten Wissenschaftssystem als gut befunden wird, darf bekannt werden, wird zu neuen Technologien und dient der Insel. Aus der Nische kommt das Neue in die Welt – wenn es für gut befunden wird. Die Nische schützt die Welt vor der vorschnellen Neuerung. Mit der Industrialisierung geht es nicht mehr um den Schutz der Gesellschaft vor der Neuerung, sondern um die Verbreitung sowie den Schutz des Neuen aus nationalstaatlichen Interessen. Nationalstaaten entwickeln Strategien, ihre infant industries in geschützten Märkten heranwachsen zu lassen. Nischen sind hier ökonomisch-politische Inkubatoren, um die Wettbewerbsfähigkeit im eigenen Land zu befördern. Die Hegemonie der neoliberalen Globalisierung beendete das Modell nationaler Abschottung. Für regionale, nationale und supranationale politische Akteure stellte sich fortan die Frage, wie sich vielversprechende Nischen identifizieren lassen und wie das, was in der Nische gedeiht, gefördert werden kann, um wirtschaftlich und gesellschaftlich relevant zu werden. Im Rahmen der Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik (FTI) wurden Programme und Anreizsysteme entwickelt, um die Nischen aufzuspüren und vielversprechende Nischenakteure auf ihrem Weg in die nationale, europäische oder auch globale Sichtbarkeit und Bedeutung zu 1

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.4-2025 | ©Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2025