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Editorial

David Bebnowski  /  Katharina Rahlf

Editorial

Generationen verbinden: Wenn man von einer Generation spricht, bedeutet dies stets, dass man zumindest eine vage Vorstellung von den Gemeinsam­keiten einer bestimmten Gruppe von Menschen hat und diese artikulieren möchte. So konstruiert man gemeinsame Berührungspunkte und einende Verbindungen, um daraus ein Identifikationsangebot für sich oder andere Menschen bereitzustellen. Dem Mensch als sozialem Wesen ist schließlich nur wenig wichtiger als der Bezug auf eine Gemeinschaft … weiterlesen

Schwerpunkt

Porträt Jürgen Schmidt

Open-Access

Jürgen Schmidt

Frühes Scheitern, später Ruhm

Karl Marx und die verlorene Generation der Junghegelianer und 1848er

Karl Marx als Vertreter einer verlorenen Generation? Das kommt ganz auf die Perspektive an, so stellt Jürgen Schmidt auf seiner Suche nach einem Generationen-Zugang zur Biographie des Übervaters der Arbeiterbewegung fest. Marx’ erste Jahrzehnte waren von familiären Zerwürfnissen, finanzieller Not und persönlichen Enttäuschungen gezeichnet, aus denen sich kaum zwingend eine generationelle Prägung ableiten lässt. Und doch teilte er – im Übergang vom unbefriedigenden Akademikerdasein zum Journalismus – durchaus die Erfahrung des persönlich empfundenen Scheiterns mit den Junghegelianern, mit deren Schicksal sich auch Marx’ späterer Lebensweg eng verband.

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Porträt Ulrike Jureit

Ulrike Jureit

»Eigentlich geht es um Strahlkraft«

Über Generationen

Was sind Generationen, welche populären und wissenschaftlichen Zugriffsmöglichkeiten gibt es bezüglich des Generationenbegriffs? Wie sehr rekurriert der Begriff auf »die Jugend«, wie wird er im internationalen Diskurs verwendet und was lässt Generationen als verloren erscheinen? Ulrike Jureit vollzieht im Gespräch eine tour d’horizon der Generationenforschung und lenkt hierbei den zeitgenössischen Blick auf soziale Erfahrungen.

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Porträt Loïc Wacquant

Loïc Wacquant

Regio non grata

Städtische Verwüstung und symbolische Verunglimpfung im Hypergetto

Detaillierte Feldforschungen über den Einfluss räumlicher Stigmatisierung von sozial schwachen Bevölkerungsgruppen erscheinen in fortgeschrittenen westlichen Gesellschaften zwingend notwendig, so Loïc Wacquant in seinem Essay über urbane Verwahrlosung und symbolische Verunglimpfung im Hypergetto, der zugleich ein Aufruf ist, diese Forschungslücke zu schließen und Möglichkeiten aufzeigt, wie dies umzusetzen ist.

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Porträt Romina Spina

Romina Spina

Die vergessene Generation

Wie Italiens 30- bis 40-Jährige verloren gingen

Romina Spina schildert nachdrücklich den Abstieg und die Verlusterfahrung der dreißig- bis vierzigjährigen Italiener. Aufgrund struktureller Probleme und alter Privilegien - so die These der Autorin, lebt diese »vergessene Generation« desillusioniert in befristeten Arbeitsverträgen von einem Einkommen, dass lediglich für das Notwendigste ausreicht. In dieser Situation entschlössen sich viele Junge, die nicht mehr jung sind, entweder zur Auswanderung oder verzichteten aufgrund der Unsicherheiten auf Familie und Kinder – was schließlich zu einer weiteren Verschärfung der demographischen Problematik in Italien führt.

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Porträt Margarita Tsomou

Margarita Tsomou

»Ich aber werde bleiben!«

Krisen-Perspektiven aus griechischer Sicht

Nach mehr als drei Jahren Eurokrise und angesichts explodierender Arbeitslosenzahlen dreht sich auch die gesellschaftliche Debatte in Griechenland immer um den Begriff einer »verlorenen Generation«, die symbolisch und begrifflich steht für das Heer an jungen Arbeitslosen im europäischen Süden. Margarita Tsomou macht sich auf die Suche nach den Gefährdungen der Demokratie in Europa, die aus dieser Krisenlage entstehen, und zeigt auf, dass es gerade das vermeintlich so klar trennende Bild von den Krisenschuldigen auf der südlichen und den haftbar gemachten Gesellschaften im Norden ist, das ein zusammenwachsendes Europa im Kern erschüttern könnte. Positiv abzugewinnen sei allerdings dennoch, dass diese vermeintlich »verlorenen Generationen « mit zwar gutem Bildungsstand, aber trüben Arbeitsmarktaussichten zu einem Gemeinschaftsgefühl zusammen geschlossen würden, das wiederum zu autonomen Selbstorganisationserfahrungen führen könne. Wer und welche Seite am Ende dann wirklich »verloren « ginge, sei nach Tsomou noch nicht ausgemacht.

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Porträt Jens Gmeiner

Jens Gmeiner

Brandflecken in Bullerbü

Über den Aufruhr in Schwedens Vorstädten

In Schweden ist zwar nicht alles anders, aber vor allem in Bezug auf den Wohlfahrtsstaat und die sozialstaatlichen Ausgleichs- und Absicherungsmechanismen vieles besser. Mit diesem weit verbreiteten Vorurteil über das skandinavische Land räumt Jens Gmeiner gründlich auf. Er analysiert anschaulich, wie in Schweden in den letzten Jahren die Unterschiede zwischen armen und reichen Bevölkerungsteilen rapide angewachsen sind und dass Abkopplung und Marginalisierung auch hier soziale Unruhen verursachen können.

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Porträt Said Boluri

Said Boluri

Die Kinder der Revolution

Verlorene Generationen im Iran

Der Iran leidet an verschiedenen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Symptomen, die sich insbesondere auf eine neue, junge Generation auswirken. Die gut ausgebildete Jugend findet keine Perspektive im Land. Wer die jetzige politische Situation verstehen will, kommt an den Anfängen und Dynamiken der iranischen Revolution 1979 nicht vorbei, schreibt Said Boluri und beschreibt ausgehend davon die Lage der jüngeren Generationen im Iran. Sie verlangen zwar wirtschaftliche und politische Liberalisierung, sind gebildet und wollen Arbeitsplätze. Sie rebellieren für persönliche, politische Freiheit, ja sie leisten Widerstand. Doch mangele es ihnen an Vorbildern im Protest, resümiert Boluri.

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Porträt Nils C. Kumkar

Nils C. Kumkar

Explodiertes Unbehagen

Die Generation Occupy Wall Street

In den Protesten von Occupy Wall Street artikulierte sich der Unmut einer Generation, stellt Nils C. Kumkar fest, der von Brooklyn bis Oakland Gespräche mit Unterstützern von Occupy Wall Street geführt hat. Am Ende ihres oft sündhaft teuren Ausbildungsweges stehen nicht nur unsichere, sondern oft genug gar keine Aussichten auf ein erträgliches Auskommen. Das Gefühl, betrogen worden zu sein, eint eine Generation, nicht nur – aber insbesondere – in den USA. Dabei glaubte diese doch, eigentlich alles richtig gemacht zu haben.

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Porträt Oliver Neun

Oliver Neun

Die »letzten Intellektuellen«

Generationsverortung und Generationenkonflikte der New York Intellectuals

Die prägenden Erlebnisse der New York Intellectuals waren die Depression und die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren. Sie führten zu einer Radikalisierung und einer Beschäftigung der New York Intellectuals mit sozialistischen und marxistischen Ideen. Denker und Schriftsteller dieses intellektuellen Zirkels wie Richard Hofstadter, Irving Kristol, Alfred Kazin, Lewis Coser, Seymour Martin Lipset, Norman Podhoretz und Daniel Bell begriffen sich selbst als Generation und verwendeten den Begriff auch in ihren Werken. Oliver Neun analysiert, was die Gruppe ausmachte, welchen politischen Einfluss sie besaß, welche Rolle die Stadt New York dabei spielte und weshalb es auch heute noch lohnt, Schriften der New York Interellectuals zu lesen.

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Porträt Katharina Rahlf

Katharina Rahlf

Generation »Lost«?

Die Pariser Exilliteratenbohème der zwanziger Jahre

Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald, T. S. Eliot: Nur wenige Literaten werden von einem nur annähernd mythischen Charme umweht wie diese Bohème junger Amerikaner im selbstgewählten Pariser Exil der 1920er Jahre. Bis heute sind sie Gegenstand und Inspiration von Büchern und Filmen, scheint ihr teilweise prekäres Leben zwischen hedonistischem Luxus und Gelegenheitsjobs als Blaupause exzentrischer Künstlerexistenzen zu gelten. Was aber lässt diese einflussreichen Romanciers und Chronisten zur »Lost Generation« werden? Katharina Rahlf beschreibt eine Generation auf ständiger Gratwanderung.

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Porträt Michael Lühmann

Michael Lühmann

Als Generationenprojekt nachhaltig gescheitert

Wie FDP und Börsenboomer sich aus den Augen verloren

Die Jahre des Börsenbooms haben in Deutschland eine ganze Generation junger Menschen geprägt, die ihr Heil und Glück nicht in einem besseren Morgen oder einen glänzenden Zukunft suchten, sondern vielmehr im Hier und Jetzt am scheinbar kontrollierbaren, immer weiter in den Himmel schießenden ökonomischen Wachstum teilhaben wollten. Apologet dieser Generation war Guido Westerwelle, er lebte diese Attitüde zwischen Guidomobil und TV-Containern vor. Bis Ende 2009 verzeichnete die FDP in der Generation der Börsenboomer, den heute zwischen Dreißig- und Vierzigjährigen, die höchsten Zustimmungswerte. Im Angesicht der andauernden Dreifachkrise von Banken, Euro und Umwelt und ganz ohne Aussicht auf einen neuen Börsenrausch kehrte diese allerdings in großer Zahl den Freidemokraten den Rücken und übersiedelte zu den Grünen. Offenbar hat es zwischen 2009 und 2013 einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Mentalitätswandel gegeben, der diesen Weg kurzzeitig ebnete, die Grünen zur Partei der Stunde machte. Welche Gründe hierfür sprechen, ob und wie stabil diese Entwicklung ist, untersucht Michael Lühmann in seinem Beitrag.

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Porträt Birte Schohaus

Birte Schohaus

Träumende Fantasten oder knallharte Pragmatiker?

Eine junge Generation zwischen Erwartungen und Realität

Alles ist machbar! Das ist – folgt man Birte Schohaus – die Prämisse unter der die Jugendlichen zwischen Mitte bis Ende Zwanzig aufgewachsen sind. Aus einer anschaulichen Binnenperspektive heraus beschreibt die Autorin, wie die jungen Menschen zwischen Ambitionen bezüglich der Gestaltung ihres Lebensweges sowie den zu wählenden Optionen in den Sphären Familie, Beruf und Freizeit unter Stress geraten. Demnach wird Druck an die Jugend nicht nur von außen herangetragen, sondern scheint von ihr mindestens ebenso selbst verursacht zu sein: Angespornt durch den ständigen Vergleich mit den Altersgenossen und befeuert von der Erwartungshaltung an die individuelle Leistungsfähigkeit befinden sich die Endzwanziger gegenwärtig in einem ständigen »Rat Race«, wie Schohaus pointiert herausstellt.

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Porträt Martin Gloger

Martin Gloger

»Generation P«

Jung, gut ausgebildet, unterbezahlt

Die »Generation Praktikum« ist ein Phänomen, welches als Begriff so oder ähnlich in fast allen europäischen Gesellschaften in der Diskussion der vergangenen Jahre zu finden ist: dass viele junge Menschen keine feste Position im Arbeitsleben finden, sondern sich gut ausgebildet und schlecht bezahlt von Kurzzeitengagement zu Kurzzeitengagement hangeln. Aber ist dies tatsächlich ein historischer Sonderfall – oder nur vor dem Hintergrund der Ausnahmeprosperität der Nachkriegsjahrzehnte bemerkenswert? Denn die Debatte um Jugendgenerationen ist auch eine fortwährende Geschichte von begrifflichen Suchbewegungen; ob daraus aber ein tragendes generationelles Gemeinschaftsgefühl wird, ist dabei lange nicht ausgemacht. Anhand eines Überblicks über verschiedene Jugendgenerationen und einer Analyse der gegenwärtigen Situation überprüft Martin Gloger, ob man derzeit von einer »Generation« der prekär beschäftigten Jungen sprechen kann.

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Autoren-Porträt

Andrea Lange-Vester  /  Christel Teiwes-Kügler

Die prekäre Welt der Wissenschaft

Verlorene Generation oder verlorene Milieus?

Wie sich eine gesamte Wissenschaftsgeneration inmitten von wettbewerbsorientierten und nach wirtschaftsliberalen Leistungs- und Erfolgskriterien strebenden Universitäten bewegt, beschreiben Andrea Lange-Vester und Christel Teiwes-Kügler. Hier bringen große Teile des Mittelbaus Disziplin, Askese und Motivation wie selbstverständlich auf und arbeiten nichtsdestotrotz unter prekären Bedingungen. Die Autorinnen zeigen, wie beim Durchlaufen des »Flaschenhalses«, den der Weg durch das akademische System nach oben oft darstellt, neben Leistung auch Geschlechtszugehörigkeit, Zufall und Vetternwirtschaft eine Rolle spielen. In Anschluss an die Theorie Bourdieus werfen sie einen Blick auf Milieuzugehörigkeit und Habitus und stoßen dabei mitunter auf eine »Generation von sozial ungleichen Wissenschaftlerinnen«.

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Porträt Franz Walter

Franz Walter

Tusk, der Jugendführer

Tragisches Idol des Heroismus der Verlorenen

Die frühen 1920er und 1930er Jahre, das waren in Deutschland Jahre tiefer ökonomischer Depression und hoher Arbeitslosigkeit, Zeiten eines Sinnvakuums gerade für die Jugend, kurz: Zeiten wie gemalt für charismatische politische Führer. Ein solcher war unzweifelhaft Eberhard Köbel, genannt tusk, der Charismatiker der Bündischen Jugend. Obwohl Spross einer wohlhabenden bürgerlichen Familie, war er doch ein typischer Repräsentant der verlorenen jungen Generation, die Ziel radikaler Politingenieure wurde. Franz Walter widmet sich einem faszinierenden politischen Irrlicht, das gerade auf das, was es ablehnte, angewiesen war.

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Perspektiven

Porträt Richard Biernacki

Richard Biernacki

Konstruieren statt Kodieren

In den amerikanischen Sozialwissenschaften ist das Kodieren zu einem dominanten Forschungsinstrument avanciert. Richard Biernacki erläutert, weshalb ein humanistischer Interpretationsansatz überlegen ist, dessen Standards jedoch durch Kodieren unterminiert werden.

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