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Editorial

Schwerpunkt

Porträt Thomas Welskopp

Thomas Welskopp

Zeitzünder

Die frühe Sozialdemokratie und die »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen«

Thomas Welskopp betrachtet die frühe Arbeiterbewegung als eine „Verarbeitungsmaschine des ‚Ungleichzeitigen‘“, die in ihren verschiedenen Strömungen auch den strukturellen Anachronismus abbildet, der dem Entwurf der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen immanent ist. Am Gebrauch und an der Ausgestaltung der Begriffe „Revolution“ und „Organisation“ in der frühen Sozialdemokratie weist Welskopp den hybriden Charakter der Gleichzeitigkeitskonzeption nach. Vormoderne Kategorien, aber eben auch zukunftsweisende Konzepte wurden miteinander verwoben, wodurch – und an dieser Stelle verwirft Welskopp Ernst Blochs Grundlegung – mobilisierende alternative „Erzählungen der heraufziehenden Moderne“ formuliert werden konnten.

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Porträt Peter Graf Kielmansegg

Peter Graf Kielmansegg

Europäische Ungleichzeitigkeiten

Versuch einer Deutung der Krise des europäischen Projektes

Ist das Scheitern der Europäischen Union wirklich möglich geworden? Und wenn ja: Warum nach sieben Jahrzehnten, die man doch als beispiellose Erfolgsgeschichte erzählen könnte und auch oft erzählt hat? Die europäische Krise skizzierend, nach deren Kern fragend und sie historisch einordnend, entwirft Peter Graf Kielmansegg einen Ansatz jenseits des „Projektes Europäische Einigung“ im bisherigen Stil.

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Porträt Thomas Schmid

Thomas Schmid

Lob des Stückwerks

Plädoyer für ein Europa ungleichzeitiger Vielfalt

„Wir alle sind Ungleichzeitige“, konstatiert Thomas Schmid in seinem Beitrag und verweist damit auch auf die in seinen Augen dem Konzept der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen innewohnende Banalität. Doch bemerkt Schmid davon ausgehend, dass sich etwas verändert habe: Die Zeit sei nicht mehr das Kriterium. Die technologisch und digitale Revolution habe sie eingeebnet. Auch die Möglichkeiten, Unterscheidungen überhaupt vorzunehmen, seien nicht mehr in einem Ausmaß vorhanden wie früher. Alles ist immer gegenwärtig. Schmid schreibt: „Die Welt ist so mit koexistierender Gegenwärtigkeit vollgestopft, dass schwerfällt, dieses für gut, jenes für schlecht […] zu erklären.“ Am Gegenstand Europas und der Europäischen Union bringt der Autor in der Folge die Idee der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zum Test. Er entwirft ein recht pessimistisches Bild: „Es kann nicht Gutes aus der EU werden, wenn sie diese Unterschiedlichkeit für ein Defizit hält, das es zu beheben gilt.“ Europa bestehe aus vielen Ungleichzeichtigkeiten, die man nicht begradigen solle, sondern auf die institutionell reagiert werden müsse. Dies sei überhaupt erst die Voraussetzung, um sich sodann Fragen des Fortschritts und der Entwicklung zuzuwenden.

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Porträt Franziska Augstein

Franziska Augstein

Die unverstandene Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Was Chronos mit Putins Russland zu tun hat

Franziska Augstein rückt »die Zeit« ins Zentrum ihrer Betrachtung. Sie schaut dabei zum einen auf verschiedene politisch-gesellschaftliche Momente der jüngeren Vergangenheit, in denen die Zeit das Tempo wechselte, und entwirft überdies entlang etlicher Verweise auf die Literatur und Philosophie ein überaus ambivalentes Bild der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen hinsichtlich des Faktors Zeit. Es mache »Freude, wenn man sie philosophisch betrachtet oder einfach in einer Welt der Phantasie. In der internationalen Politik hingegen ist sie ein Faktum, das zu bedenken ist«, resümiert Augstein.

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Porträt Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Der Fall Israel

Moshe Zuckermann beschreibt in seinem Text, wie Religion und Politik im modernen Staat Israel zusammenspielen. Insbesondere geht er der Frage nach, wieso und auf welche Weise der ursprünglich areligiöse Zionismus religiös aufgeladen wurde bzw. werden konnte.

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Porträt Sighard Neckel

Sighard Neckel

Der Vertigo-Effekt

Refeudalisierung und die paradoxen Bewegungsformen des gesellschaftlichen Wandels

Der Begriff Feudalismus stellt eine vormoderne Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung dar, Karl Marx zufolge die Vorstufe des Kapitalismus. Feudalisierung und Modernisierung bilden insofern einen Gegensatz. Nicht so für Sighard Neckel, der die gesellschaftliche Dynamik der Gegenwart durch „Refeudalisierungsprozesse“ gekennzeichnet sieht. Modernisierung, so Neckel, vollziehe sich mittlerweile als Bruch mit den Prinzipien einer modernen Sozialordnung. Der aktuell vorherrschende Modus sozialer Transformation lasse im Zuge des neoliberalen Umbaus von Wirtschaft und Gesellschaft überwunden geglaubte vormoderne Sozialformen und Rangordnungen entstehen.

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Porträt Frank Lübberding

Frank Lübberding

Politik und Religion

Rückblick und Ausblick. Oder was uns die Geschichte des Verhältnisses von Sozialdemokratie und Katholizismus heute

Im Blick zurück und nach vorn geht Frank Lübberding, das Verhältnis von Sozialdemokratie und katholischer Kirche in der Nachkriegssozialdemokratie zum Ausgangspunkt nehmend, der Frage nach, was dieses Verhältnis heute klärend beitragen kann im Hinblick auf den Umgang mit dem Islam in der Bundesrepublik, in einer Zeit, in der es zwar nie ein größeres Desinteresse an der Religion gegeben habe, als dies heute der Fall sei, so Lübberding, Religion aber trotzdem in aller Munde ist – sobald es den Islam betrifft.

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Porträt Karin Priester

Karin Priester

Dschihad und Apokalypse

Zur Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen

Karin Priester zeigt, dass die Pluralisierung religiöser Angebote nicht notwendig – wie von führenden Aufklärern theoretisch erwartet – in eine weltanschaulich abgerüstete, tolerante und liberale Religionspraxis münden muss. Ebenso gut wie eine tendenzielle Vergleichgültigung religiöser Inhalte kann diese Entwicklung das diametrale Gegenteil in Form messianischer Erlösungsreligionen hervorbringen. Desgleichen bestehen apokalyptische Erwartungen in der vernunftbasierten Moderne als ihre irrationale Schattenseite fort, seit den 1970er Jahren sogar verstärkt. Struktur, Wirkungen und Brisanz des Spannungsfeldes zwischen Messianismus, Moderne und Apokalyptik analysiert der vorliegende Beitrag am Beispiel des islamischen Fundamentalismus.

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Porträt Christian Starck

Christian Starck

Rechtssetzung und Rechtsanwendung

Notwendige Ungleichzeitigkeit

Christian Starck analysiert in seinem Beitrag die Setzung sowie Anwendung von Recht, die er durch das Zusammentreffen von abstrakter Norm und konkreter Wirklichkeit charakterisiert sieht. Die in der gesetzten Norm verkörperten Gebote und Verbote sollen in Zukunft die Wirklichkeit bestimmen. Die Gesetzesanwendung ist insofern stets ungleichzeitig zur Gesetzgebung. Denn die Gesetzesnorm muss erst in Geltung gesetzt und damit bekannt sein, bevor sie angewendet wird. Im Hinblick auf Normsetzung und Normanwendung bedeutet Ungleichzeitigkeit darüber hinaus, und zwar je länger desto mehr, Verlässlichkeit und Gleichheit in der Zeit.

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Porträt Elmar Wiesendahl

Elmar Wiesendahl

Parteien und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Wie Parteien dem Wandel unterliegen

In der Parteienforschung wird im Kontext von party change zumeist von einer linearen Entwicklung ausgegangen. Elmar Wiesendahl erläutert, wie sich die »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« gewinnbringend für die Politikwissenschaft einsetzen lässt, um den Wandel von Parteien zu erklären. Denn Neues löse Altes nicht einfach ab, vielmehr bestünde beides gleichzeitig fort. Zudem illustriert der Autor die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in gegenwärtigen Parteien anhand der Parallelität von Mitglieder- und Berufspolitikerpartei.

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Porträt Frank Decker

Frank Decker

Volksgesetzgebung im parlamentarischen System

Ein Beitrag zum Problem institutioneller Ungleichzeitigkeit

Warum denken wir in Deutschland bei direkter Demokratie eigentlich vorzugsweise an „Volksgesetzgebung“? Frank Decker geht dieser Frage nach und sieht die Antwort in der historisch gleichzeitigen, jedoch institutionell ungleichzeitigen Durchsetzung einer parlamentarischen Demokratie und weitreichender unmittelbarer Volksrechte im Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik am Ende des Ersten Weltkrieges gegeben. Ein zentrales Problem der Debatte um die direkte Demokratie in Deutschland liegt für ihn darin, dass es den Protagonisten in Abhängigkeit zu dem damals eingeschlagenen Entwicklungspfad an der Bereitschaft mangelt, die Unhaltbarkeit des mit der Volksgesetzgebung gegebenen Demokratieversprechens im Rahmen der parlamentarischen Regierungsform offen zuzugeben.

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