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Editorial

Schwerpunkt

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Franz Walter

Mangel an Glut, aber institutionell kalkulierbar Amtskirchen in Deutschland

Franz Walter liefert mit seiner Darstellung eine eindrückliche Zusammenschau der Kirchenentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland. Wie hat sich Kirchlichkeit verändert? Welche Reaktionsstrategien wählten die Kirchen? Inwiefern wandelte sich darüber im Zeitverlauf die amtskirchliche Rolle? Besonders bemerkenswert ist bei allen Indizien kirchlich-religiöser Einfluss- und Prägungsverluste die unverändert gewichtige Rolle der christlichen Kirchen in Deutschland – auch, aber nicht nur mit Blick auf die sogenannten Passageriten des Lebens.

Hans Joas

»Wenn Kirchen sich politisch einmischen, dürfen sie nicht vorgeben, unpolitisch zu sein« Ein Gespräch mit Hans Joas über Kirchen, Politik und Moral

Im Interview mit INDES widmet sich Hans Joas zum einem dem Problem des Spannungsverhältnisses zwischen dem Bekenntnis zu einer universalistischen Moral und der Bindung an ein partikulares politisches Gemeinwesen, das für das Agieren der Kirchen – gerade auch für die staatsnahe Evangelische Kirche – ein besonderes Problem darstelle. Außerdem plädiert er dafür, dass die Kirchen, die in der Öffentlichkeit meist als rigide Moralagenturen wahrgenommen werden, mehr auf Begeisterung, Inspiration setzen sollten. Dafür müsse sich insbesondere die Katholische Kirche von überkommenen Dogmen etwa im Bereich der Sexualmoral und der Rolle der Frau innerhalb der Kirche lösen. Die Amtszeit von Papst Franziskus biete hierfür eine einzigartige Gelegenheit.

Reiner Anselm

Moralagenturen Die Bedeutung der Kirchen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Reiner Anselm fragt in seiner Analyse nach der Bedeutung der Kirchen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das Christentum als Religion der Weltgestaltung habe kirchliche Institutionen begründet, die als Moralagenturen der Gesellschaft fungierten, also derjenige Funktionsbereich der Gesellschaft seien, der sich um die Normen des Zusammenlebens kümmere. Mithin sei es die spezifische Aufgabe und besondere Leistung der Kirchen, den verbindenden gesellschaftlichen Konsens zu thematisieren und auszudrücken.

Thomas Großbölting

Luthergedenken – Kirchenkrise – Islamophobie Zeithistorische Beobachtungen zum religiösen Feld in Deutschland

Thomas Großbölting identifiziert insbesondere drei gegenwärtige Religionsdiskurse: Zum einen konstatiert er ein hohes Maß an kultureller Bedeutung, „Religion als Kulturfaktor“, was sich anlässlich des 500. Reformationsjubiläums besonders stark zeige. Zudem lasse sich parallel dazu ein teils apokalyptischer Krisendiskurs um die Gegenwart und die Zukunft der Konfessionskirchen ausmachen. Zum anderen komme ein Diskurs hinzu, wonach der Islam eine Bedrohung für den Frieden und das „christliche Abendland“ darstelle.

Gerd-Rainer Horn

Der Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils Möglichkeitsräume kirchlicher Reformen

Mit der Geschichte des Linkskatholizismus im Allgemeinen und dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Speziellen befasst sich Gerd-Rainer Horn. Der Geist des Vaticanum II sei schnell über das eigentliche Konzil hinausgewachsen und habe die Interpretation der grundsätzlich durchaus gegensätzlich deutbaren konziliaren Kompromisse geprägt. Eng damit verbunden seien Terraingewinne einer Auslegungspraxis des katholischen Glaubens gewesen, die als Linkskatholizismus bezeichnet worden sei und sich auch selbst so bezeichnet habe. Der Geist des Konzils habe die Idee des kirchlichen Engagements in der Welt befeuert und sei als Anstoß zu Reformen und als Aufforderung zur Erneuerung verstanden worden – jedenfalls von den reformgeneigten Progressiven, die eine neuartige Offenheit der Kirche für Innovationen und Kritik als gegeben angesehen hätten.

Daniel Bax

Hauptsache, es geht gegen den Islam Über die Rückkehr des Abendlandes

Mit dem Erstarken des Rechtspopulismus erlebt der Begriff des Abendlandes derzeit eine neue Konjunktur – was insofern erstaunlich ist, als sowohl die AfD als auch die »PEGIDA«-Bewegung, die sich dieses Topos bedienen, ein sehr schwieriges Verhältnis zur Kirche haben. Daniel Bax skizziert die Geschichte des Abendland-Begriffs, der bereits in der Reformationszeit als ein politischer Kampfbegriff genutzt wurde. Er zeigt, dass es ein einheitliches christlich-jüdisches Abendland, wie es von den Islamfeinden skizziert wird, in Wirklichkeit nie gegeben hat.

Klaudia Hanisch

National-klerikales Bollwerk Die Katholische Kirche in Polen

Die Katholische Kirche und Polen scheinen eine besondere Verbindung zueinander zu haben. Eine solche Verbindung scheint auch zwischen der aktuellen polnischen Regierungspartei PiS und der Kirche zu bestehen, die einer Symbiose gleicht. Die Politikwissenschaftlerin Klaudia Hanisch analysiert diese Verzahnung und weist dabei auf die überdies bestehenden Ambivalenzen dieser Beziehung hin, um die Bedeutung der Nation und des Katholizismus für die Identität der Bevölkerung herauszuarbeiten.

Hubertus Halbfas

Die Verdrängung des historischen Jesus Ist die Katholische Kirche reformierbar?

Hubertus Halbfas geht in seinem Beitrag der Frage nach, ob die Katholische Kirche reformierbar ist. Dabei kritisiert er die »Ausklammerung des historischen Jesus« im Apostolischen Glaubensbekenntnis. Eben deswegen würden sich seit Langem modernes Denken und Glaube voneinander entfernen – mit der Konsequenz eines zunehmenden Glaubensverlusts. In Halbfas’ Verständnis ist das, was Jesu Jünger Evangelium nannten, keine Lehre, sondern ein Lebensmodus, der nicht argumentativ bewiesen werden muss, weil er seine Überzeugungskraft aus sich selbst bezieht. In diesem Sinne sieht er die Kirchen vor die Aufgabe gestellt, ihre eigentliche Identität im Licht des jesuanischen Ursprungs und einer von dorther reflektierten Geschichte erst noch zu finden.

Horst Groschopp

Verkünder einer allgemeinen Moral? Der Bedeutungsverlust der Kirchen und seine gesellschaftlichen Folgen

Allerorten befänden sich Kirche und deren inhaltlich lang gepflegte Positionen weltanschaulich und rechtlich auf dem Rückzug, so Horst Groschopp in seinem Debattenbeitrag zum Bedeutungsverlust der Kirchen und zu dessen gesellschaftlichen Folgen, ohne dass deren Privilegien ernsthaft in Gefahr gerieten, aber auch ohne dass die stetig anwachsenden heterogenen »Konfessionsfreien« sich selbst als »Weltanschauungsgemeinschaften« mit eigenen Rechten hätten etablieren können.

Martin Ohst

Zerstrittene Nähe oder friedliche Distanz? Zum Verhältnis der Konfessionen 500 Jahre nach Luther

Für die einen Geburtsstunde, für die anderen Urkatastrophe – und doch versuchen im 500. Jubiläumsjahr der Reformation die Evangelische und Katholische Kirche in Deutschland eng zusammenzurücken. Zu eng, wie Martin Ohst in seinem die historischen Tiefenschichtdimensionen der Trennung der beiden Kirchen nachspürenden Essay befindet und den Kirchen in einem leidenschaftlichen Plädoyer die Akzeptanz der Verschiedenartigkeit anempfiehlt – nicht zuletzt auch, weil hierin womöglich ein Schlüssel liegen kann für den Umgang mit »anderen Konstellationen religiös-weltanschaulicher Diversität«.

Jens Gmeiner  /  Matthias Micus

Parallelgesellschaften und Religion Katalysatoren oder Hemmnisse der Integration?

Was ist von Herausbildung von Parallelgesellschaften im Hinblick auf gesellschaftliche Integration zu halten, fragen die Autoren und blicken dafür zunächst auf die Integrationsgeschichte der Hugenotten sowie der »Ruhrpolen« in Deutschland. Dabei unterstreichen sie u.a. die Bedeutung der Priester als führende Organisatoren und Vermittler zwischen »den Neuen« und der sogenannten Mehrheitsgesellschaft. Sie betonen: Die Leistung von Parallelgesellschaften, Selbstbewusstsein und Handlungsfähigkeit zu fördern, läuft ohne Übergänge und Brücken zur Gesamtgesellschaft ins Leere. Die Parallelgesellschaft der Muslime in Deutschland ist – anders als im Falle der Hugenotten und der »Ruhrpolen« – wenn überhaupt eine vergleichsweise defekte, schreiben die Autoren. Zu lange hätte man an einer Ruckkehroption ins Heimatland festgehalten. Imame seien überfordert, fungierten nicht als Brücken zur Mehrheitsgesellschaft, die ihrerseits sich rapide gewandelt habe – sozial, politisch, wirtschaftlich. Die muslimische Randständigkeit wurde darüber auf Dauer gestellt. Radikalisierungen wie beispielsweise die Hinwendung zu salafistischen Bewegungen ist insofern als ein Ausweg auf einer erfolglos verlaufenden Identitätssuche zu betrachten und eben nicht als logische Folge von Parallelgesellschaften.

Günter Vogler

»Die Zeit der Ernte ist da« Thomas Müntzers Ringen um eine andere Reformation

Günter Vogler widmet sich in seinem Beitrag dem auch im Reformationsjubiläum nur am Rande gewürdigten Ringen Thomas Müntzers für eine andere Reformation. Dabei zeigt er an Müntzers Beispiel nicht nur die Unterschiede zu Luthers Weg der Reformation auf, sondern zeichnet auch das Porträt eines unbeirrbaren Reformatoren, der das Evangelium als einzig gültige Norm anerkennend weit über Luthers machtkonforme Reformation hinausging. Müntzer dem Vergessen zu entreißen, heißt für Vogler dabei nicht zuletzt, aufzuzeigen, wie mit dessen Tod alternative, ja radikale Denkmuster der Reformation als grundlegend neue Ordnung frühzeitig an ihr Ende gelangten.

Michael Freckmann  /  Robert Mueller-Stahl  /  Florian Schmidt

Beharrliche Milieus Zwischen rigoroser Frömmigkeit und dynamischer Wirtschaftskraft

Drei Wissenschaftlicher begeben sich an drei Orte der Beständigkeit. Sie inspizieren Trotzburgen, ja, gallische Dörfer mitten in der Bundesrepublik. Dort spüren sie nach, welchen Einfluss sowohl die Katholische als auch die Evangelische Kirche sowie der Glaube auf die Lebensführung und Mentalität der Bewohner haben. Hier zeigt sich die bis heute andauernde Verwobenheit von Kirche, Politik und Gesellschaft

Perspektiven

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Bernhard H. Bayerlein

Das geheime Winogradow-Treffen im Februar 1933 Wie Moskau die Gegner Hitlers im Stich ließ

Am Vorabend der Errichtung der NS-Diktatur im Jahr 1933 sondierten zwei Sozialdemokraten die Chancen einer Einheitsfront aus SPD und KPD; doch nach dem Treffen mit dem sowjetischen Diplomaten Winogradow zerschlug sich ihre Hoffnung – die Sowjetunion verweigerte sich kategorisch jeglicher Intervention. Denn in Moskau versprach man sich von der Hitlerregierung eine Zerschlagung des Kapitalismus in Deutschland. Vor diesem Hintergrund plädiert Bernhard H. Bayerlein für eine kritische Beleuchtung der »Narrative, Thematiken, Forschungsergebnisse und Hypothesen« im Kontext des »Deutschland-Russland-Komplexes«.

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