Die 1950er waren miefig und verstaubt, die 1960er standen für Aufbruch und Revolte, in den 1970ern kamen bereits frühe Reformmüdigkeiten und Tendenzwenden auf, die während der 1980er Jahre indes nicht so kraftvoll durchschlugen, wie von den einen erhofft oder den anderen gefürchtet worden war, da weder nassforsche Yuppies noch linkslibertäre Grüne für altbackene geistig-moralische Wenden zu haben waren.

Tücke der Periodisierung

Dergleichen Sichtweisen, hier und da auch anders modelliert, sind populär-, aber auch universitätswissenschaftlich weit verbreitet. Bücher, die dem (Zeit-)Geist eines Jahrzehnts auf die Spur zu kommen versprechen, finden verlässlich ihren Markt. Historiker müssen solchen Trends von Beruf und Ethos halber mit Fragezeichen begegnen. Denn die wissenschaftlichen Erkunder der Geschichte wissen, wie unendlich wichtig lang währende Sozialentwicklungen und tief verwurzelte Mentalitäten sind, die sich nicht an Geburts- und Todestage von Jahrzehnten halten, auch nicht an geschichtsbiologische Beginn- und Schlusspunkte von Jahrhunderten. Was man für das Typische eines Jahrzehnts oder eines Jahrhunderts nimmt, hat in der Regel den formativen Ausgang weit früher und zieht sich oftmals noch nach den Silvesternächten fort, die eine neue Dekade, ein Centennium oder gar Millennium einzuläuten pflegen. Im Unterschied zu, sagen wir, Politologen, denen es vollauf genügt, als Autoren von circa 25 ihrer Fachkollegen zur Kenntnis genommen zu werden, zielen Historiker doch gerne auf eine größere Leserschaft ihrer Werke. Und dieses Lesepublikum orientiert sich nicht ungerne an bekannten, konventionellen Periodisierungen, wozu Jahrzehnte und Jahrhunderte naturgemäß gehören. Um wissenschaftliche Einsicht wie Skrupel hier und Publikumsbedürfnisse dort verträglich zu verknüpfen, bedienen sich Historiker infolgedessen des eleganten Kunstgriffs, ihre Darstellungen unter dem Rubrum der bekannten und formalen Zeiteinteilungen zu stellen, diese aber, unter streng sozial- und kulturgeschichtlicher Perspektive, qualitativ zu dehnen oder zu kürzen. Und so ist nunmehr eben das 20. Jahrhundert (oft in den Zeitraum 1914/17 bis 1989 gebannt) ein kurzes, das 19. Jahrhundert gilt mehrheitlich als langes; den 1950er Jahren wird ebenfalls eine lange Dauer (bis 1963 oder 1966) attestiert, während – wie es scheint – die 1980er Jahre verblüffenderweise tatsächlich mit dem Schlussjahr, also 1989, eine fundamentale Zäsur erlebten und somit einen zeitlich formalen wie überdies zumindest politikgeschichtlich substanziellen Abschluss fanden.

Ansonsten aber sind die qualitativen gesellschaftsgeschichtlichen Differenzen zwischen den Jahren 1961 und 1959 oder dem Jahr 1971 im Vergleich zu 1969 und so weiter nicht sonderlich gravierend. Die großen, tragenden sozialen Prozesse, Einstellungsmuster und politischen Konstellationen verbanden die Jahrzehnte, zogen keine scharfen Grenzen. Und doch schauen auch wir hier in diesem Heft auf ein Jahrzehnt in seiner zeitformalen Terminierung, auf die 1990er Jahre. Denn, nochmals, sich der eigenen Biografie, gerade im Blick auf die prägenden Sozialisationsjahre mit ihrer Musik, dem Kleidungsverhalten, dem Jargon, den Abgrenzungen gegenüber Vorgängerkohorten, über die dafür konstitutiven Jahrzehnte zu vergewissern und sie zu deuten, entspricht einer weitverbreiteten Neigung. Überdies: In den 1990er Jahren, nach dem Sturz von Mauer, Regimen und Ideologien, begann wirklich etwas grundlegend Neues, dessen Aus- und Nachwirkungen noch im Jahr 2015 von erstaunlichem Belang sind.

Das galt gewiss zuerst für den Osten des seit 1990 vereinten Deutschland. Mitte Dezember 2014 führte der Zeit-Journalist Patrik Schwarz die Genese der »Pegida«-Demonstrationen in Dresden auf die frühen 1990er Jahre zurück. Während im Westen Deutschlands nach dem großen weltpolitischen Bruch von 1989 zunächst das Leben im Großen und Ganzen wie zuvor weiterzugehen schien, rutschte den Bürgern der früheren DDR der Boden in »diesen Trümmerjahren ihrer Identität«[1] nahezu vollständig unter den Füßen weg. Die Produktion in den maroden Betrieben war überwiegend nicht fortzusetzen. Ganze Regionen verarmten, boten schlagartig kaum noch realistische Hoffnungen für die Zukunft. Die erlernte Semantik der Jahrzehnte bis 1989 war wertlos, ja schädlich; man hatte sie schleunigst zu verlernen. Importeliten aus dem Westen, nicht selten herrisch und arrogant im Auftritt, gaben nun den Takt vor. System und Institutionen, die im Gesundheitsbereich, in der Bildung und Ausbildung, in der sozialen Sicherung etc., vertraute Strukturen gebildet hatten, wurden binnen Kurzem liquidiert. In der Tat, Erzählungen über diese Primärerfahrungen aus der Sattelzeit des Vereinigungsprozesses, tauchen in Ostsachsen bei den Aktivisten von Pegida bevorzugt auf.[2]

Transformation und Rückkehr

Große Transformationen und fundamentale Emanzipationsvorgänge lassen Opfer, Geschädigte, sodann verbitterte Feinde zurück. Denn: Der Akt der ungestümen, weitreichenden Erneuerung weckt oft ältere, fast schon für überwunden gehaltene Ordnungsmuster von Individuen und Kollektiven auf. Jedenfalls, Anfang der 1990er Jahre kehrte zurück, was man zwischen den 1960er und 1980er Jahren als eingedämmt betrachtet hatte. Auf die neuen Flüchtlingsströme folgten Antworten, die mehrere Interpreten an die Weimarer Jahre erinnerten: Misstrauen, Ablehnung, Stigmatisierung, Verfolgung. Anschläge auf Asylheime brannten sich seither in die Erinnerungen an die frühen neunziger Jahre ein. Und bei aller Vorsicht gegenüber hurtigen Parallelisierungen kann man die düstere Atmosphäre in Deutschland der Jahre 1991/92 in Bezug auf die damals hoch virulente Asylfrage und den Umgang mit Ausländern nun in den Wintermonaten 2014/15 ein wenig wiedererkennen, wenngleich die wirtschaftlichen Probleme in der Vereinigungskrise vor einem Vierteljahrhundert gewiss weitaus belastender waren, zumindest so empfunden wurden, als dies derzeit (noch) der Fall ist.

Dazu kam in den frühen 1990er Jahren die Koinzidenz von mehreren neuen Problemen im alten Antlitz. Kriege und Bürgerkriege kehrten nach Europa zurück, nationalistische Leidenschaften reaktivierten sich; geopolitische Begründungsstränge für außenpolitisches Handeln gewannen neue Attraktivität. Und die Religion, deren Bedeutung für das Denken und Tun im Westen Europas sich über die Jahre mehr und mehr verschlissen hatte, bot in anderen Teilen der Welt eine Quelle, aus der zur Kräftigung von Identität, Selbstbewusstsein oder gar Sendungsbewusstsein nun besonders eifrig geschöpft wurde. Schließlich war auch das mit Verblüffung zu konstatieren: wie zäh sehr alte Ideologien und Spiritualitäten die Zeitläufe und modernen Heilsbotschaften überdauert hatten; wie wenig hingegen die linksrevolutionären Formationen, die sich im 20. Jahrhundert in Teilen der Welt mit unerbittlicher Energie und umfassenden Durchdringungsanspruch die politische Macht okkupiert hatten, nachhaltig Neues hatten konstituieren können.[3]

Insofern erschienen die neunziger Jahre in vielerlei Hinsicht als ein Jahrzehnt der Rückkehr, gewissermaßen als das glatte Gegenteil der sechziger Jahre, des glorifizierten Aufbruchjahrzehnts. Damals setzte mit enormer Schubkraft ein tief greifender Wertewandel ein, indem die Individuen sich aus tradierten Zusammenhängen, Normen, Milieus und Vergemeinschaftungen lösten, ihre eigene Freiheit verlangten, Autonomie sicherten, die Selbstentfaltung an die Stelle von Ordnung und Disziplin stellten. Das setzte sich in den siebziger und achtziger Jahren fort, wirkte in Gestalt der Grünen gar parteibildend und verdichtete sich zu einem damals viel und hoffnungsvoll zitierten rot-grünen Generationenprojekt. Zu den Paradoxien, welche die Geschichte von Menschen und Gesellschaften üppig bereithält, gehörte, dass das rot-grüne Projekt (1998) an die Macht kam, als die gesellschaftliche Strömung, die sie zuvor getragen hatte, bereits deutlich abebbte. Für Soziologen sind die 1990er Jahre ein Jahrzehnt des Wandels des Wertewandels.[4] Die Deutschen drängten nicht mehr nach weiteren Optionen und Freiheitsräumen, waren vielmehr der multiplen Möglichkeitsmomente und heterogenen Rollenangebote überdrüssig, vermissten nach den Jahrzehnten des Auszugs aus den Vergemeinschaftungen die Wärme von Bindungen in Familien oder anderen Assoziationen, suchten nach Ankern im permanenten Fluss der Betriebsamkeit und Herausforderungen. Die Pathologien der entstrukturierten Freiheit gerieten in den Mittelpunkt. Die Klagen über Erschöpfungen begannen in diesem Jahrzehnt. Sicherheits- und Ordnungsbedürfnisse wurden nun nicht mehr belächelt oder als borniertes Spießertum verächtlich gemacht. Besonders junge Männer, von der Sorge um das Scheitern im Beruf, Liebesleben und Partnerschaft geplagt, schätzten vermehrt verlässliche Haltepunkte, Konventionen und stabilisierende Routinen. Die fortschreitende Mehrung postmaterieller Einstellungen stoppte signifikant. Der Pendel des Wertewandels schien zurückzuschlagen, zumindest auszusetzen, zu pausieren. Der Soziologe Stefan Hradil fand dafür den Begriff der Modernisierungs-»Zeitlupe«[5]. Auch die forcierte Bildungsexpansion seit den späten 1960er Jahren kam erkennbar zum Stillstand, kehrte sich für die Kinder sozial schwacher Familien gar wieder um. Die Progressivität von 1968ff. büßte erheblich an Resonanz und fast ganz an Aura ein. Die Linkslibertät jener Jahre geriet in mehrerer Hinsicht in eine Art Rollback, da nun auch Grüne und frühere Liberale in Fragen der Sexualität, des Strafrechts, des individuellen Genusslebens auf Verbote, Kontrollen, schärfere Gesetze insistierten. Und über alledem thronte bis in den Herbst 1998 hinein der Kanzler Helmut Kohl, der in der Rezeption leitkultureller Deuter ebenfalls nicht als Fortschrittsdynamiker, sondern als provinziell-statische Verkörperung eines dominanten gesellschaftlichen Stillstands figurierte.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 1-2015 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2015