Herr Rödder, die 1980er Jahre sind ein Jahrzehnt, das erst langsam ins Bewusstsein der Wissenschaft rückt. Wofür steht diese Dekade, was sehen Sie in ihr?

Die 1980er Jahre sind eine der beiden großen Phasen, auf die sich unsere Gegenwart in historischer Perspektive beziehen lässt. Das sind zum einen die 1970er und 1980er Jahre des 20. Jahrhunderts sowie zum anderen die Zeit der ersten Globalisierung vor dem Ersten Weltkrieg. Wir erleben einen Paradigmenwechsel im gegenwärtigen Verständnis unserer Gegenwart. Der klassische Bezugspunkt des Zeitalters der Weltkriege, des Ost-West-Konflikts, der Gewalterfahrung der Diktaturen und der Unterdrückung tritt zunehmend zurück und unsere Gegenwart definiert sich sehr viel mehr über Globalisierung und beschleunigten Wandel. Und da gehören die 1980er Jahre ganz er-heblich mit dazu – mit ihrem raschen technologischen Wandel, einem Wandel der politischen Ökonomie und der Finanzmärkte und, damit verbunden, einem grundlegenden Wandel der politischen Kultur.

Oftmals werden Jahrzehnte ja spezifisch charakterisiert. Die 1920er Jahre gelten als „golden“; Gerd Koenen hat die 1970er als „rotes Jahrzehnt“ bezeichnet. Was wäre denn so eine Signatur der 1980er Jahre?

Jedenfalls eine ganz andere Signatur, als man zeitgenössisch gedacht hat. Damals meinte man, die 1980er Jahre seien die „windstillen Jahre“, in denen nicht viel passiere und in denen sich eine behagliche Gemütlichkeit der Ära Kohl breitmache. Im Nachhinein sehen wir, dass die 1980er Jahre das Jahrzehnt sind, in dem sich der Durchbruch der Globalisierung angebahnt und vorbereitet hat.

Wo sehen Sie die wichtigsten Veränderungsschübe, welche diesen Charakter unterstreichen?

Die entscheidende Zäsur liegt in den frühen 1970er Jahren, zugespitzt: im Jahr 1973, als der Nachkriegsboom abrupt zu Ende ging. Das bedeutete nicht nur einen ökonomischen Einschnitt, sondern auch einen politisch-kulturellen, indem nämlich die planungsgläubige und zukunftseuphorische Modernisierungsideologie der 1960er zu Ende ging. Diesem Umbruch Anfang der siebziger Jahre folgte zunächst eine Zeit der Suche, der Desorientierung. Die siebziger Jahre wurden daher als Krise wahrgenommen, die nicht zuletzt in der zweiten großen Konjunkturkrise und dem Wettersturz in den Ost-West-Beziehungen Ende der 1970er sowie dem Aufkommen der neuen sozialen Bewegungen zum Ausdruck kam. Dieses Krisenbewusstsein wurde im Laufe der 1980er Jahre von einem neuen Zukunfts- und Modernisierungsoptimismus abgelöst, der von der sich durchsetzenden Computerisierung, der sich anbahnenden Internationalisierung, einer günstigen Konjunkturentwicklung und dem heraufziehenden Ende des Ost-West-Konflikts getragen wurde. Insofern sind die 1980er zum Ende hin offen, weil sie einen katalytischen Moment in der Durchsetzung der Globalisierung darstellen, die sich dann nach dem Ende des Ost-West-Konflikts noch einmal massiv verstärkte.

Die 1980er also als ein sehr langes, irgendwie ausfaserndes Jahrzehnt?

Ja. Wobei man aufpassen muss, dass man dieses Denken in Jahrzehnten nicht zu eng fasst. Irgendwann klebt man nur noch Labels auf. Aber die 1980er sind das Transformationsjahrzehnt hin zu den Entwicklungen, die uns bis in die Gegenwart hinein massiv beschäftigen. Und insofern ist es natürlich offen.

Gegensätze traten gleichzeitig auf den Plan: kulturell zum Beispiel die Yuppies auf der einen und die linksalternativen Milieus auf der anderen Seite; politisch die politischen Großprojekte, die mit Thatcher und Reagan auf der einen und Mitterand auf der anderen Seite verbunden sind. Sind die 1980er also geprägt von einem Aufeinanderprallen von Gegensätzen, wie wir es, zumindest in den Jahren seitdem, nicht mehr gesehen haben?

Wenn Sie auf die gesellschaftlich-politischen Auseinandersetzungen schauen, insbesondere in der Bundesrepublik in den frühen 1980er Jahren, beispielsweise auf die Debatten um die Stationierung der atomaren Mittelstreckenraketen zu Beginn der 1980er, dann sind diese tatsächlich von Polarisierungen und Gräben gekennzeichnet – nicht zuletzt zwischen den sich selbst so nennenden bürgerlichen Kräften auf der einen Seite und den neuen sozialen Bewegungen auf der anderen Seite. Diese Gräben waren so unüberbrückbar tief, viel tiefer als heute, dass man sich im Jahr 1983 nicht hätte vorstellen können, dass es jemals zu einer schwarz-grünen Koalition in Hessen oder anderswo kommen würde. Dennoch gibt es, wenn wir etwas näher auf die 1980er Jahre schauen, natürlich immer Hauptströmungen und Gegenbewegungen. Wir haben als Überhang aus den 1970er Jahren Protestbewegungen und ein Krisenbewusstsein aus den frühen 1980ern – die Auseinandersetzungen an der Frankfurter Startbahn West, die Proteste gegen Kernenergie in Brokdorf, Wackersdorf oder Gorleben, bis hin zu den Auseinandersetzungen um die Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen. In diesen Zusammenhang gehört auch, sozusagen als Nachschlag zum Staatsinterventionismus der Nachkriegszeit, ein Modell wie die Sozialpolitik Mitterrands in den ersten zwei Jahren des Jahrzehnts. Und genau hier wird der Umschlag innerhalb der 1980er Jahre sichtbar: Nach zwei Jahren vollzieht Mitterrand eine scharfe Kehrtwende von einer wohlfahrtsstaatlichen Politik hin zu einer Konsolidierungspolitik. Der französische Fall spiegelt den allgemeinen Übergang der westlichen Industriegesellschaften hin zu einem neuen markt- und stabilitätsorientierten Konsens im Zeichen der sich durchsetzenden neuen Technologien, der sich in den 80er Jahren zunehmend breitmacht. Die USA und Großbritannien der Regierungen Reagan und Thatcher waren die Vorreiterländer, und andere Länder zogen nach. Das ist übrigens auch die Grundlage, auf der man sich überhaupt auf die Europäische Währungsunion hat einigen können.

Worauf schauen Sie, um eine solche Transformation greifbar zu machen?

Als Historiker fährt man immer ganz gut damit, zunächst einmal mit dem alten Schema von Max Weber zu operieren und nach Herrschaft beziehungsweise Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur zu fragen. Dann ist es sinnvoll, die zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Debatten und ihre Schwerpunkte zu sondieren und diese auf ihre historische Signifikanz hin zu befragen, sei es als empirische Aussagen, sei es als analytische Kategorien. Wenn man dies getan hat, hilft schließlich ein Schuss historischer common sense, um das Tableau abzurunden: die pragmatische Erwägung der Frage, was ist eigentlich plausibel und was ist historisch bedeutsam?

Vorstellungen von der Zukunft sagen ja oftmals auch etwas aus über die Befindlichkeiten und Gemütszustände der Gegenwart. Inwiefern sind dabei Zukunftsvorstellungen der 1980er als eine Art Stimmungsbarometer aussagekräftig, und was findet man dort generell an Zukunftsideen?

Wenn wir auf die Nachkriegsgeschichte blicken, dann sehen wir, wie sich in den späten 1950er Jahren und dann stark in den 1960er und frühen 1970er Jahren eine wissenschaftsgläubige, planungsorientierte Modernisierungsideologie ausbildet, die mit Hilfe von Mechanismen wie der „Globalsteuerung“, der „Reformplanung“ oder der Kybernetik meinte, Zukunft rational gestalten zu können. Das bricht mit der großen Zäsur um 1973 ab und macht einem Krisenbewusstsein Platz. Und wenn Sie auf die neuen sozialen Bewegungen der späten 1970er schauen, dann ist das vorherrschende Zukunftsbild im Grunde Zukunftsangst: die Angst vor dem atomaren Tod, sei es durch ein explodierendes Kernkraftwerk, sei es durch den Einsatz von Nuklearwaffen – und wenn nicht durch „das Atom“, dann durch den sauren Regen. Und diese sehr krisenhafte Gegenwartswahrnehmung und Zukunftsvorstellung schlägt im Laufe der 1980er in einen neuen Zukunftsoptimismus um, der mit den neuen Technologien heraufkommt und in den 1990er Jahren eine neue Form von Modernisierungsideologien freisetzt, die freilich weniger von staatlicher Steuerung ausgehen als in den 1960er Jahren, sondern von Marktkräften, Netzwerken und Selbststeuerung.

Lassen Sie mich hier einmal einhaken und fragen, wodurch kommt das eigentlich genau? Ist es allein die Technologiebegeisterung?

Am Anfang war die Krise des Wohlfahrtsstaates der Nachkriegszeit. Im Moment macht sich gerade in den Geschichtswissenschaften ein, wie ich finde, vereinfachtes Bild breit: Eine Lesart der Nachkriegsgeschichte, die besagt, dass sich in den 1950er und 1960er Jahren ein wohlfahrtsstaatlicher Nachkriegskonsens etabliert habe, der in den 1970er Jahren in den Neoliberalismus umgeschlagen sei, der dann seit den 1980er Jahren implementiert worden sei, Solidaritäten deformiert, Demokratien entkernt und geradewegs in die Krise von 2008 geführt habe – wobei der normative Unterton nicht zu überhören ist. Diese Lesart ist nach meinem Dafürhalten zu einfach, allein schon deshalb, weil man in den 1970er Jahren hat erkennen müssen, dass die Form des keynesianisch inspirierten Staatsinterventionismus schlicht und einfach nicht funktionierte. Insbesondere in Großbritannien, von wo diese Bewegung ja in starkem Maße ausging, herrschte in den 1970er Jahren kein Konsens mehr, sondern eine lähmende Krise. Wofür die 1980er Jahre dann stehen, ist eine Politik der Freisetzung von Marktkräften als Reaktion auf den nicht mehr funktionierenden Interventionismus der 1970er Jahre. Die 1980er sind aber nicht die neunziger und nicht die frühen 2000er Jahre, vielmehr haben sich Entwicklungen verselbstständigt, weil Nachregulierungen ausgeblieben sind. Das aber waren nicht die Jahre Margaret Thatchers, sondern Tony Blairs.

Das Interview führte Felix Butzlaff.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 1-2014 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2014