Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen darf als die Grundmatrix der conditio humana erachtet werden. Als denkendes, mithin erinnerndes, aber auch planendes Wesen lebt der Mensch stets im Vergangenen, komplementär dazu jedoch auch aufs Zukünftige ausgerichtet. Die sogenannte Gegenwart erlebt er immer als unauflösbares Spannungsverhältnis zwischen dem Angetrieben-Sein durch das bereits Erfahrene und der Anziehungskraft des Bevorstehenden. Hoffnung oder Angst vor dem künftig Anstehenden sind nicht minder Teil seines Gegenwärtigen als die (wie auch immer konnotierten) Auswirkungen von bereits Erlebtem. Er lebt zwischen dem, was er nicht mehr ist, und dem, was er noch nicht zu sein vermag.

Dieses Grundverhältnis herrscht nicht nur im einzelmenschlichen Dasein, sondern kennzeichnet auch menschliche Kollektive. Die Geschichte eines Gemeinwesens bestimmt nicht nur seine materielle Wirklichkeit in der Gegenwart, sondern formt auch die Grundkoordinaten seiner Ausrichtung: Seine sogenannte Identität erweist sich zumeist als Melange aus real Erfahrenem, mythisch beseelten Sinnwelten und ideologisch geformten, zum hegemonialen Konsens geronnenen Glaubenssätzen und Doktrinen. Der Fall des aus dem Zionismus hervorgegangenen modernen Israels sei hier als ein Paradebeispiel erörtert. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, Sonderheft-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016