Editorial

Von Matthias Micus  /  Marika Przybilla-Voß

Widerstand – für die meisten derjenigen, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einer stabilen Demokratie leben, klingt dieses Wort wie selbstverständlich nach grundlosem Krawall, demokratiefeindlicher Revolte, im besten Fall: halbstarkem Aufruhr. Freilich: In der Antike galt zahlreichen Denkern ebensolcher Widerstand als ein Instrument, mit dem sich eine demokratischere Ordnung, wie es so schön heißt, proaktiv herbeiführen ließ. Und da seinerzeit Macht durch die Figur des singulären Herrschers personifiziert wurde, ist der Urtypus der Widerstandshandlung zur Beendigung einer Gewaltherrschaft der Tyrannenmord. So wird die Tötung Hipparchos im Jahre 514 v. Chr. für gewöhnlich zugleich als klassischer Widerstandsakt und als Gründungsmythos der Athenischen Demokratie klassifiziert.

Widerstand ist also einerseits ein Relationsbegriff, der erst durch die Bestimmung der Herrschaftsform, gegen die er sich richtet, Bedeutung und Inhalt gewinnt. Als solcher ist ein fundamentaler, gegen die Grundlagen der bestehenden Ordnung gerichteter Widerstand in einer Demokratie, in der Kritik und Widerspruch nicht nur möglich, sondern als parlamentarische Opposition in den gesetzgebenden Körperschaften institutionalisiert und in Form des Widerstandsrechtes im deutschen Grundgesetz juristisch fixiert sind, zweifellos mit weitaus gravierenderen Plausibilisierungsnotwendigkeiten und Begründungsschwierigkeiten konfrontiert als in anderen Regierungssystemen.

Andererseits ist Widerstand insofern ein Gegenbegriff zu Herrschaft. Er bezeichnet ein Handeln, das den Herrschenden – und hiermit können sowohl konkrete Personen als auch überindividuelle Parteien, Institutionen und Strukturen gemeint sein – die Legitimität abspricht und infolgedessen die Gefolgschaft verweigert. Das ist, noch einmal, in Diktaturen etwa oder absolutistischen Monarchien erheblich leichter zu argumentieren als in Demokratien, die auf dem gleichen und geheimen Wahlrecht basieren, in denen sich Regierungs- und Machtwechsel unblutig bewerkstelligen lassen und überhaupt Elitenkritik weithin nicht nur akzeptiert, sondern vielfach respektiert und in breiten Kreisen sogar gewünscht wird.

Nun mag die herrschaftskritische Haltung die Widerständler über alle Zeit und jeden Raum hinweg verbinden, in der Wahl der Mittel wie auch in den angestrebten Ziele unterscheiden sie sich jedoch. Mal erfolgt der Widerstand kollektiv, mal individuell. Er ist von Gewalt geprägt oder gewaltfrei und als ziviler Ungehorsam deklariert, verläuft spontan oder gründlich geplant.

Auch die Beiträge des vorliegenden Heftes thematisieren Widerstand als Tyrannenmord wie im Fall Friedrich Adlers – wobei der von ihm attackierte Tyrann gar nicht so tyrannisch war – ebenso wie als legitimen, ja demokratiekonstituierenden Akt, so in den Beiträgen von Dieter Thomä und Markus Pausch. Wie unter einem Brennglas mithin zeigt sich in den Beiträgen dieses Heftes, dass es den einen und einzigen Weg des Widerstands nicht gibt. Widerstandshandlungen sind facettenreich und vielschichtig, ebenso mannigfaltig wie ihr Gegenüber.

Die einzige Konstante des Widerstands ist und bleibt letztlich eben die genannte Gegnerschaft zum Bestehenden – mit dem Gegenspieler als den etablierten Eliten und Verhältnissen, der geltenden Ordnung, dem bestehenden (politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen etc.) System. Ansonsten überwiegt die Variation. So kann Widerstand eine Veränderung oder einen Umsturz bewirken wollen, sich als systemimmanente Opposition oder als umstürzlerische, eine grundstürzende Transformation anstrebende Dissidenz äußern.

Der Bezugspunkt von Widerstand ist dabei durchaus entgegen der gängigen Erwartung und einem weitverbreiteten Wortgebrauch prinzipiell eine – als gut und besser gedachte – frühere Ordnung des Zusammenlebens, die von einem despotischen Führer, von korrupten Machtgruppen oder einem diktatorischen Regime verdorben wurde und deren Wiederherstellung angestrebt wird. Revolutionär und vorwärtsdrängend ist Widerstand also recht eigentlich nicht. Dies ganz im Gegensatz zum Selbstverständnis zahlreicher Akteure, die in Vergangenheit und Gegenwart wie selbstverständlich den Widerstandsbegriff für ihr Tun reklamieren, ja bisweilen exklusiv für sich reservieren zu können meinen und sich selbst auf dem Pol linker Radikalität verorten.

Jedenfalls: Widerstand regt sich, er wird geleistet – mal friedlich, mal gewaltsam. Er wird erwartet, er wird ignoriert, gegen ihn wird vorgegangen. Es wird zum Widerstand aufgerufen, mal wird er vermisst, mal als unerträglich empfunden. Er kann von Individuen, Gruppen oder der Gesellschaft ausgeübt werden, dabei zwecklos oder fruchtbar sein.

Im Erkennen des Gegenspielers, gegen den er sich richtet, liegt schon die erste Hürde, zumindest angesichts einer zunehmend sich globalisierenden Weltgesellschaft mit anonymisierten Herrschaftsstrukturen jenseits des gewohnten und überschaubaren nationalstaatlichen Rahmens. Daran schließt sich die Frage nach der Motivation und den Kapazitäten der ausübenden Akteure an.

Der Ruf nach Widerstand hallt durch die Gesellschaft – und scheint zu verpuffen. Woran mag das liegen? Wie kann Widerstand erfolgen? Was zeichnet Widerstand aus? Und ist er überhaupt möglich?

Noch weitere Fragen drängen sich auf: Übt der Andersdenkende oder der Andershandelnde per se Widerstand aus? Ist Widerstand gegen eine demokratisch gewählte Person legitim? Muss Widerstand im Sinne des Gemeinwohls geschehen – oder kann er auch Selbsthilfe sein?

Die vorliegende Ausgabe der Indes widmet sich im Schwerpunkt dem Thema »Widerstand und Dissidenz«, um den aufgeworfenen Fragen nachzuspüren und zu versuchen, das komplexe Thema der Widerständigkeit in seinem Perspektivenreichtum zu erfassen. Im Vordergrund steht dabei vor allem das Spannungsverhältnis von Demokratie und Widerstand. Leitend ist die Frage nach den Beweggründen widerständiger Individuen und Kollektive. Wir wünschen viel Vergnügen bei der Lektüre.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. -2018 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2018