Herr Dr. Hasler, Ihr Buch trägt den Titel »Neuromythologie – Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung«. Worin besteht für Sie die Anmaßung, die Aufschneiderei der Hirnforschung? Was haben die Neurowissenschaften versprochen, was haben sie geleistet und wo stießen sie an Grenzen ihrer Erklärungskraft?

Die Neurowissenschaften sind doch heute zur Zentralinstanz für die Beantwortung nicht nur medizinisch-biologischer, sondern auch gesellschaftlicher Fragen geworden. Man spricht schon von einer »Theologie des Gehirns«. Prominente Hirnforscher erklären, wie Kinder »gehirngerecht« lernen sollen, dass sich die Rechtsprechung an den Erkenntnissen der Hirnforschung orientieren müsse oder dass das Rebellieren von Teenagern nur das Symptom unvollständiger Hirnreifung sei. Zur Legitimierung solch großkalibriger Aussagen würde man eigentlich beinharte empirische Daten erwarten. Doch genau diese gibt es kaum. Fast alle dieser Aussagen beruhen entweder auf Hypothesen – sind also bloße Behauptungen – oder auf der geradezu akrobatischen Überinterpretation spärlicher und kaum reproduzierbarer Hirnforschungsergebnisse. Die dünne neurowissenschaftliche Datenlage verwundert eigentlich auch nicht – denn Synapsen und Neuronen kennen weder Kunst noch Moral oder Freiheit. Solche Konzepte sind kulturelle Errungenschaften und keine biologische Gegebenheiten. Das Gehirn ist womöglich einfach der falsche Ort, um danach zu suchen. Besonders störend ist dann natürlich die überzogene Selbstsicherheit, mit der einige – aber selbstverständlich nicht alle – Hirnforscher solche Thesen in der Öffentlichkeit vertreten. […]

Das Interview führten Matthias Micus und Katharina Rahlf.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 4-2012| © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2012