Ein deutsches Jahrzehnt? Der deutsche Identitätsdiskurs als ein Happy End unter Vorbehalt

Von Eunike Piwoni

Der Flaggentaumel zur FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 2006 versetzte alle in Erstaunen – und ein wenig auch in Ehrfurcht. Schließlich wohnte man einem historischen Moment bei: dem der »Normalwerdung« der Deutschen. Was sich hier ereignete, war nichts Geringeres als die Enttabuisierung des Nationalen im öffentlichen Raum und – damit einhergehend – im Diskurs.

Bis dato waren positiv-emotionale Bekenntnisse zur Nation durch eine aus dem Tätertrauma erwachsene nationale Identität »ex negativo«[1] blockiert und im öffentlichen Diskurs konsequent stigmatisiert worden. Martin Walser brachte diese Blockade auf den Punkt, als er 1998 die (rhetorische) Frage stellte: »Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein normales Volk, eine gewöhnliche Gesellschaft?«[2] Noch 2001 hatte Bundesumweltminister Jürgen Trittin ebendiese Frage, wenn man so will, beantwortet, als er dem CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer die »Mentalität eines Skinheads«[3] bescheinigte, weil dieser bekundet hatte, stolz darauf zu sein, Deutscher zu sein.

Dass das deutsche Sommermärchen als Moment der »Normalisierung« ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingehen konnte, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Deutungen der oben beschriebenen Art während der WM 2006 weitestgehend ausblieben. Genau genommen war die Patriotismusdebatte genau das nicht: eine ernsthafte Debatte. Selten war der Konsens zwischen den Eliten und der Bevölkerung einerseits und den verschiedenen intellektuellen Lagern der Republik andererseits so groß wie 2006. Auch wenn man sich nicht sicher war, ob das Feiern der Menschen auf den Straßen nur als Partyotismus oder doch als Patriotismus zu deuten war: Der Flaggentaumel wurde allenthalben begrüßt, und weder das eine – Partyotismus – noch das andere – Patriotismus – wurde von den Feuilletonisten der Welt oder der taz angesichts der deutschen Geschichte als Problem konstruiert.

Wie sehr sich das Meinungsklima gewandelt hatte, zeigen gerade die Reaktionen auf die wenigen Versuche einer Kritik am unbedarften Umgang mit nationalen Symbolen […]

Anmerkungen:

[1] Bernhard Giesen, Die Intellektuellen und die Nation. Eine deutsche Achsenzeit, Frankfurt a.M. 1993, S. 238.

[2] Martin Walser, Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede. 11.10.1998, in: Frank Schirrmacher (Hg.), Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation, Frankfurt a.M. 1999, S. 7–17, hier S. 13.

[3] O.V., Schröder schaltet sich ein, in: Spiegel Online, 14.03.2001, URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,122479,00.html [eingesehen am 10.08.2017].

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2017 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017