Seit etwa zwei Jahrzehnten beobachten wir wieder eine verstärkte Tendenz zur Konformität, zur gesteigerten Anpassungsbereitschaft an gesellschaftliche Normen. Erstaunlich ist dies vor allem dort, wo – wie im aktuellen Regime des Neoliberalismus – die Erfüllung gesellschaftlicher Normen eine Vielzahl von Subjekten schädigt, zu Erschöpfung und Überforderung führt und mit massiven Ungerechtigkeiten einhergeht. Umso problematischer ist die Neigung zur unhinterfragten Akzeptanz neoliberaler Spielregeln. Zwar betätigen sich viele Mittelschichtbürger heute als Kritiker der Marktgesellschaft; doch hindert sie das im konkreten Alltagsgeschäft nicht daran, sich an die gegebenen Bedingungen mitunter vorbehaltlos anzupassen. Kaum einer fragt, welchen Interessen diese dienen. Wer nicht mithalten kann, dem sind die Wege in die Kritik verbaut, da sich Misserfolge jeder selbst zuzuschreiben hat. Provokante Subkulturen gibt es, so auch die aktuelle Sinus-Jugendstudie[1], kaum mehr. »Mainstream« sei bei den meisten Jugendlichen kein Schimpfwort, sondern vielmehr ein Schlüsselbegriff im Selbstverständnis junger Menschen. Viele Jugendliche wollten so sein »wie alle«.[2]

Wie ist die »Wiederkehr der Konformität«[3] zu erklären? Wieso regt sich so wenig Widerstand, warum wird nicht im Interesse aller daran gearbeitet, den Druck zu lockern? Warum nicht einfach mal wieder nonkonform sein, so wie damals bei den 68ern? Doch so einfach ist das nicht. Wirksame Formen der Nonkonformität und des Nonkonformismus gedeihen nur unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen und stehen nicht in der Verfügungsmacht des Einzelnen. Konformität ist die Kehrseite der Zugehörigkeit, denn sie ist der »Preis«, den man für soziale Anerkennung zu entrichten hat. Und Konformitätsbestrebungen intensivieren sich mit der Verknappung von Lebenschancen und Aufstiegsmöglichkeiten, da unter verschärfter Konkurrenz stets auch die Anforderungen hochgeschraubt werden. Denn nur solche Gruppen, die sich profilieren, d. h., die sich nach außen abgrenzen, können Außenseiter wirkungsvoll daran hindern, in die Machtzentren aufzuschließen. In der Soziologie sprechen wir von »sozialer Schließung«. Doch wer dazu gehört, unterliegt einer scharfen Beobachtung. Nonkonformismus kann unter bestimmten Voraussetzungen ein wirkungsvoller Widerstand gegen derartige Schließungstendenzen sein. Dieser muss nicht zwangsläufig als aufklärerischer Protest von links, er kann ebenso – etwa als autoritäre Revolte – von rechts erfolgen. Betrachten wir das im Einzelnen.

Soziale Schließung ist der Versuch gesellschaftlicher Gruppen, den privilegierten Zugang zu begehrten Gütern oder Lebenschancen gegenüber anderen Gruppen zu verteidigen oder auch zu vergrößern.[4] Soziale Zugehörigkeiten begründen eine spezifische Form der Wertschätzung, die Max Weber als »soziale Ehre«[5] bezeichnet und die mit der kulturellen Lebensführung korrespondiert. Aus der Gruppenzugehörigkeit lassen sich daher nicht nur soziale Vorteile und Lebenschancen, sondern auch Identitätsansprüche generieren. Zugehörigkeiten konstituieren sich durch Grenzziehungen, durch welche die eigene Wir-Gruppe nach innen begünstigt und nach außen abgehoben wird. Das häufigste Muster ist die Etablierten-/Außenseiter-Figuration[6], in der sich Alteingesessene gegen die Aspirationen neu Hinzukommender schützen. Daraus resultieren selektive Bevorteilungen und Konkurrenzvorteile für die Etablierten.

Seite ausdrucken Download als pdf

Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016