Die Zukunft besitzen, den Fortschritt und die Entwicklungsrichtung der Geschichte verkörpern: So brachten Liberale im frühen 19. Jahrhundert ihre Vorstellungen auf den Punkt. Theodor Mundt, eine der prominentesten Figuren des Jungen Deutschland, definierte den Begriff Liberalismus 1834 wie folgt: »Der Liberalismus will nichts als die Zukunft der Geschichte.«[1] Und nicht weniger emphatisch äußerte sich wenige Jahre später der Hallenser Student Rudolf Haym in einem Streit um den Begriff Liberalismus: »Wir eben sind die Zeit!«[2]

In einer seit der Französischen Revolution und den Kriegen Napoleons von tiefgreifenden Umbrüchen gekennzeichneten Epoche sprach aus diesen Äußerungen ein ungebrochenes Vertrauen. So gewährte der Liberalismus den Zeitgenossen eine politisch-konkrete und eine universell-historische Orientierung. Die Berufung auf ihn gab der eigenen Gegenwart einen Ort im historischen Fortschrittsprozess, sie wies dieser Gegenwart eine positive Entwicklungsrichtung zu und vermittelte eine suggestive Trennlinie zwischen rückschrittlicher Vergangenheit und verheißungsvoller Zukunft. Aus dem Gegensatz zwischen Rückschritt und Fortschritt ließ sich der eigene geschichtliche Standort ableiten. Der Liberalismus, so eine zeitgenössische Auffassung der 1830er Jahre, schreite »in demselben Maße fort, wie die Zeit selbst, oder ist in dem Maße gehemmt, wie die Vergangenheit noch in die Gegenwart herüber dauert«[3].

Etwas mehr als 120 Jahre später konnte von diesem Optimismus keine Rede mehr sein. Denn auf dem Gründungstreffen der Freien Demokratischen Partei im Dezember 1948 stellte Theodor Heuss die Frage, ob sich das Etikett »liberal« überhaupt noch zur Benennung einer Partei eigne, die nach ihrem Selbstverständnis in der historischen Tradition des Liberalismus stehe. Die Namenswahl »Freie Demokratische Partei« drückte, so Heuss, den verbreiteten Zweifel daran aus, »ob das Wort ›Liberalismus‹, in dem ein Stück geschichtlichen Erlebens des 19. Jahrhunderts steckt, noch und wieder fruchtbar werden kann, oder ob es diese Gegenwart vielleicht belastet mit der Erinnerung an die Zeit, da ein Teil der ›Liberalen‹ im Kampf gegen Kirchlichkeit sich übte, oder an die Epoche, da von dem ›Manchestertum‹ kein Weg zu einer eigenmächtigen Sozialpolitik führte«[4].

Zwischen beiden Diagnosen stand mindestens aus deutscher Sicht eine fundamentale Krise des Liberalismus im frühen 20. Jahrhundert, die Thomas Mann in seinem Roman »Der Zauberberg« thematisierte. Hier ließ der Schriftsteller aus dem Blick von 1924 zurück die Vorkriegsepoche des Liberalismus verhandeln. Aus dem skeptischen Rückblick der 1920er Jahre auf das lange 19. Jahrhundert inszenierte Mann einen Streit darüber, aus welchen Traditionslinien jenes Europa hervorgegangen sei, das für den Schriftsteller durch den Erfahrungsbruch des Ersten Weltkrieges schon Teil der Vorvergangenheit geworden war. Repräsentierte Ludovico Settembrini als Renaissancehumanist und unverbesserlicher Anhänger des Vernunftsoptimismus die bürgerliche Fortschrittsidee, so stand Leo Naphta für Jesuitentum und kommunistische Apokalypse. Schon die nur auf den ersten Blick widersprüchliche Mischung dieser Kennzeichen verriet etwas über den Umbruch der ideologischen Werte und Positionen. Während sich Settembrini zur Fortschrittsgeschichte Europas bekannte, die mit der Renaissance ihren Ausgang genommen habe und ohne die es weder Humanismus noch Sittlichkeit, weder Aufklärung noch Freiheit, die bürgerlichen Revolutionen so wenig wie den modernen Staat habe geben können, hielt Naphta dem eine unterkühlte Logik entgegen: Das »heroische Lebensalter« sei längst vorüber. Die Revolution der Zukunft gehe nicht mehr um liberale Ideale, sondern ruhe auf Disziplin, Opfer und Ich-Verleugnung. Für den wollenden Menschen könnten bürgerliche Freiheit und humanistische Gerechtigkeit nur Lähmung, Schwäche und die Nivellierung aller Gegensätze bedeuten. Man sei »gerecht gegen den einen Standpunkt oder gegen den anderen. Der Rest war Liberalismus, und kein Hund war heutzutage mehr damit vom Ofen zu locken«.[5]

Politische und universelle Erlösungshoffnungen und vorzeitige Nachrufe, aber auch programmatische Neuerfindungen und Häutungen bilden ein Leitmotiv der Geschichte des Liberalismus. Hinter der vermeintlichen Vagheit und Konturlosigkeit steht eine Pluralität von Definitionen, stehen Skepsis und Kritik, die das Phänomen schwer fassbar zu machen scheinen. Insofern gilt Friedrich Nietzsches Diktum, demzufolge definierbar nur sei, was keine Geschichte habe, für den Liberalismus in ganz besonderer Weise.[6] Aber gibt es überhaupt so etwas wie eine einzige historische Erzählung des Liberalismus? Oder muss man das historische Phänomen vielmehr aus seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit heraus verstehen, die sich von seinen ganz unterschiedlichen Erfahrungs- und Handlungsräumen ableiten? Oder anders gefragt: Ist die oben angedeutete Niedergangsgeschichte eine gesamteuropäische oder ist sie nur den Erfahrungen im deutschen Katastrophenjahrhundert geschuldet?

Wer nach verbindlichen Deutungen sucht, der wird am ehesten in der klassischen Ideengeschichte fündig. Hier markiert der Liberalismus einen der wichtigsten Traditionszusammenhänge, aus denen die moderne westliche Demokratie entstanden ist. Dazu zählen sowohl der gewaltenteilige Verfassungs- und Rechtsstaat als auch die parlamentarische Demokratie westlichen Typs. Wer sich auf diese Perspektive einlässt, wandert häufig auf den Höhenkämmen der Geistesgeschichte und politischen Theorie von Hobbes, Montesquieu und Locke bis zu Rousseau und Kant. In der Logik des Rückblicks liegt die Konstruktion einer universell bestimmbaren Ideengröße mit einem scheinbar verbindlichen Kanon politischer, sozialer oder ökonomischer Wertvorstellungen, eben ein europäischer Liberalismus. Der Umstand, dass dessen Ursprünge in dieser Sicht vor die Epochenwende des Jahres 1789 und jedenfalls vor die eigentliche Entstehung des Begriffes Liberalismus in der politischen und sozialen Sprache fallen, erklärt die Vielzahl liberaler Urväter und Geburtsstunden von Sokrates bis Max Weber. Vor dem Hintergrund einer solchen ideengeschichtlichen Kanonisierung gerät der Liberalismus dann auch zum Geburtshelfer der Modernisierung unter bürgerlichen Vorzeichen: Menschen- und Bürgerrechte, Gewaltenteilung, Parlamente, Verfassungen, Gewerbefreiheit und Freihandel sind seine Synonyme, und die Geschichte des Liberalismus verwandelt sich in eine scheinbar geradlinige Vorgeschichte der Gegenwart.

Es ist kein Zufall, dass man auf solche historischen Erzählungen immer wieder zurückgegriffen hat, weil sie erfolgreiche Pioniere im Westen Europas und in Nordamerika von Nachzüglern und Verlierern in Mittel- und Osteuropa unterschieden. So zitierte man die erfolgreichen Revolutionen von 1776 in Nordamerika und 1789 in Frankreich als Auftakt eines bürgerlichen Jahrhunderts – so wenig diese Revolutionen bürgerliche Revolutionen gewesen waren. Großbritannien geriet zum Modell ebenso erfolgreicher wie gewaltloser liberaler Reformen seit 1689. Die Whig interpretation of history bot dabei im 19. Jahrhundert eine ungemein suggestive Selbstdeutung der eigenen nationalen Geschichte als permanenter Kampf um die Verteidigung der politischen Freiheit an: die Erzählung einer kontinuierlichen Erfolgsgeschichte, in der ökonomische und politisch-konstitutionelle Modernisierung stets parallel verliefen und die den verglichen mit Kontinentaleuropa so ganz anderen Entwicklungspfad Großbritanniens in die Moderne erklärte.

Vor diesem Hintergrund der erfolgreichen westlichen Modelle konnte der mittel- und osteuropäische Liberalismus nur als Defizit- und Niedergangsgeschichte begriffen werden. Der »Sonderweg« Deutschlands, seine Anfälligkeit gegenüber der totalitären Herausforderung, schien die historisch notwendige Folge eines schwachen Liberalismus zu sein, der seine Ideale nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 dem Machtstaat Bismarcks geopfert habe. Wer die Entwicklung des Liberalismus in Deutschland betrachtete, geriet allzu schnell auf die abschüssige Bahn einer bloßen Defizitgeschichte des Bürgertums. Dahinter verbarg sich das Denken vom historischen Ergebnis her, die Geschichte reduzierte sich zur bloßen Vorgeschichte der Gegenwart. Angesichts der Erfahrungen der totalitären Diktaturen im 20. Jahrhundert und des Ost-West-Konflikts nach 1945 ließen sich solche Vorstellungen zur anglo-amerikanischen liberalen Tradition verdichten, die man auch »dem Westen« zuschreibt.[7]

So suggestiv diese Vorstellung von westlichen Modellen mit erfolgreichen Revolutionen – egal ob 1689, 1776 oder 1789 – und einer langen Defizitgeschichte von Nation und Nationalstaat in Deutschland auch ist: Sie greift in dieser Einseitigkeit nicht. Denn bei näherem Hinsehen erweisen sich sämtliche Modelle als durchaus ambivalent. Zur britischen Erfahrung gehörten die denkbar illiberalen Praktiken in seinem Kolonialreich und die Krisen in Irland. In Frankreich spaltete das Erbe der Revolution von 1789 die französische Gesellschaft lange in Les deux France, sodass der Liberalismus hier mit jedem neuen der vielen Regimewechsel im 19. Jahrhundert neue Ausrichtungen erhielt. In den Vereinigten Staaten verdeckte die Unabhängigkeit von 1776 viele Konflikte, die wie die Sklaverei im Bürgerkrieg der 1860er Jahre wieder blutig hervortreten sollten.

Demgegenüber geht die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts nicht im Diktum einer Gesellschaft ohne erfolgreiche Revolutionen auf, mit einem schwachen, vielfach gespaltenen bürgerlichen Liberalismus, der nach 1918 dem aufstrebenden Nationalsozialismus nichts entgegenzusetzen gehabt habe. Der Nationalstaat von 1871 war um 1900 viel mehr als ein autoritärer Machtstaat: Er war auch ein Fortschrittsmodell als Rechts-, Verwaltungs- und Sozialstaat sowie als Gehäuse einer Wissensgesellschaft, die ein hohes Maß an globaler Vernetzung kennzeichnete. Und all diese Errungenschaften lassen sich ohne bürgerliche Modernitätsansprüche und das Erbe des Liberalismus nicht erklären.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016