Dass der Liberalismus in die Defensive geraten ist, ist schwer zu übersehen. Die Deutungsmuster sind vielfältig und sehr von der Brille abhängig, durch die der Beobachter auf dieses Krisenphänomen blickt. Im Folgenden entscheide ich mich für die Perspektive eines »politischen Ökonomen«, was zweierlei bedeuten soll: Zum einen will ich das Skalpell des Volkswirtes nutzen und nehme dabei die klassische Sicht der political economy ein, die sich erst seit dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts hin zur economics verengt hat; zum anderen verbinde ich mit dem Bild des politischen Ökonomen auch die Vorstellung, dass der Volkswirt die politische Praxis nicht nur nicht scheut, sondern ganz gezielt den Kontakt und Dialog mit ihr sucht. Liberalismus und Ökonomik sind durch die Ideengeschichte über lange Strecken als enge Verwandte, bisweilen fast als Zwillinge, marschiert – wenn man die Ökonomik als eine frühe gesellschaftliche Theorie der Selbstorganisation sieht, ist das nicht verwunderlich. Deshalb verspreche ich mir von einer solchen Warte sowohl eine zutreffende Diagnose als auch eine Therapie, die für den Liberalismus wie für die Ökonomik gleichermaßen einen Schub auslösen können.

Denn auch die Ökonomik steckt in einem ziemlichen Schlamassel und sieht sich mit wesentlichen Legitimationsproblemen konfrontiert – bis hin zur Feststellung vom »Bankrott der Ökonomen«[1]. Diese Krise wurde im Zuge des »jüngsten Methodenstreits« im Jahr 2009 ausgiebig diskutiert, zunächst hitzig in der Presse und anschließend sachlicher in der Fachliteratur.[2] Zentral für die folgende Analyse ist die Beobachtung, dass sich Teile des Faches zwei Versäumnisse vorwerfen lassen müssen: Sie haben erstens das »Denken in Ordnungen« ad acta gelegt und zweitens über längere Zeiträume die Mahnung des Kieler Doyens Herbert Giersch in den Wind geschlagen, demzufolge Ökonomen gegenüber der Gesellschaft eine »Bringschuld« haben. Beides an sich und besonders in Kombination hatte in den vergangenen Jahrzehnten gravierende Konsequenzen. Zum einen sind die Erkenntnisfortschritte über die Funktionsweisen der Wirtschaftsordnung oft in einer eigenartigen Abkapselung und auf Kosten der Analysen über die Interdependenzen mit den anderen gesellschaftlichen Teilordnungen erfolgt. Im Hinblick auf das zweite Versäumnis sind zum anderen die Bezüge zu den »Kunden« des Faches – Studenten, benachbarte Wissenschaften, Medien und nicht zuletzt die Bürge – vielfach sträflich vernachlässigt worden. Für den Liberalismus war und ist dieser blinde Fleck verheerend: Die filigrane Idee der Freiheit, welche in ihrer Geschichte oft gerade von Ökonomen mit besonderer Eleganz weiterentwickelt wurde, verlor an wissenschaftlichem Halt. Oder, noch schlimmer, sie wurde von »Ökonomisten« verteidigt – eine Figur im Denken des liberalen Ökonomen Wilhelm Röpke, die Simplifikateure bezeichnet, die ausschließlich die Logik des Marktes verinnerlicht haben und diese ohne jede Sensitivität imperialistisch auf jegliche Bereiche der Gesellschaft übertragen.

Damit aber genug des Lamentos. Die Erschütterungen des Faches durch die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise sowie die Katharsis des »jüngsten Methodenstreits« haben verschiedene zarte Pflänzchen aufkommen lassen. Eine davon erscheint mir für die Zukunft des Liberalismus besonders vielversprechend, da sie das Zeug hat, die alte Liaison zwischen Ökonomik und Liberalismus wiederzubeleben: die Neue Ordnungsökonomik. Ihr gilt der verbleibende Teil dieses Beitrages: Welcher Notwendigkeit sie entspringt, was ihre Wurzeln und vor allem ihre Entwicklungspotenziale sind.

Sich sozialwissenschaftlich mit Ordnungsbegriffen zu befassen, ist gleichzeitig verlockend und vertrackt. Die brillante Analyse Andreas Anters zeigt eindrücklich, welche jahrhundertealten mannigfachen Ladungen, Paradoxien und Unwägbarkeiten »Ordnung« mit sich bringt – aber auch wie zentral der Topos der Ordnung für das abendländische Denken ist.[3] Wenn man sich Anter anschließt und Ordnung als Distinktionsprinzip auffasst, durch das es erst möglich wird, Grenzen zu ziehen und Sphären voneinander zu scheiden, so kann die Wirtschaftsordnung als diejenige Sphäre der heutigen Gesellschaft eingegrenzt werden, die durch individuelle freiwillige Tauschprozesse auf Märkten charakterisiert ist.

Zwar kann man dem »Denken in Ordnungen« einen altmodischen Klang attestieren, aber auch gleichzeitig Sympathie für eine Ökonomik empfinden, die gerade diese Figur in den Mittelpunkt stellt. Als Ordnungsökonomen bezeichne ich demnach Denker, welche die Gesetzmäßigkeiten des Marktes erkennen wollen, dies aber stets unter Bezugnahme auf die komplexen Verbindungen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft tun. Prominente Beispiele aus der länger zurückliegenden Theoriegeschichte wären Adam Smith, Karl Marx, John Stuart Mill oder Max Weber, während im weiteren 20. Jahrhundert Denker wie Walter Eucken, Friedrich August von Hayek, Wilhelm Röpke, James Buchanan oder Elinor Ostrom zu nennen sind.

Der zeitgenössische amerikanische Ökonom Peter Boettke bezeichnet diese Ordnungsökonomen als Vertreter einer mainline economics, die er den Vertretern einer mainstream economics gegenüberstellt, in deren Reihen etwa David Ricardo, die in der Nachfolge Alfred Marshalls entstandene Neoklassik sowie die keynesianische Makroökonomik zu verorten wären.[4] Der Unterschied ist ein doppelter: Während die zur mainline gehörenden Ordnungsökonomen erstens auf das qualitative Verstehen der Wirtschaftsordnung setzen und zweitens diese in ihren Bezügen zu anderen Teilordnungen sehen, kappen die zum mainstreamgehörenden isolierenden Ökonomen gerade diese Bezüge und fokussieren sich auf das quantitative Erklären.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016