Als Symptom unserer gegenwärtigen Zeitläufe wird oftmals ein Mangel an Utopien beklagt. Dabei wird freilich gerne die ursprüngliche Hauptfunktion von Utopie vergessen. Insbesondere dem Gründervater der Gattung, Thomas Morus, ging es darum, den zu seiner Zeit bedenkenlos als natürlich hingenommenen soziopolitischen Verhältnissen ein gedanklich außerordentlich Anderes entgegenzusetzen. Nichts jedenfalls, was sofort im Sinne des synchron erwachenden, modernen bürgerlichen »Könnens-Bewusstseins« (Christian Meier) interpretiert werden musste. Das Bestreben von Morus ging dahin, das alltäglich eingewöhnte Immer-Daseinde mit einem anderen Möglichkeitsspektrum zu konfrontieren – mit widerspruchsfrei denkbaren Optionen. Die durchaus in der Wirklichkeit auch real sein ko(e)nnten. Allerdings in erster Linie nur: Somewhere over the rainbow.[1]

Utopie war insofern von Beginn an hoch modern. Zumindest dann, wenn man […]

Anmerkungen:

[1] Eine immer noch glänzende Darstellung dazu bei Arnhelm Neusüss, Hythlodeus oder Die Entbehrlichkeit utopischen Denkens in der Moderne, in: Ders. (Hg.), Utopie. Begriff und Phänomen des Utopischen, Frankfurt 1986, S. 447–466 sowie ders., Das utopische Zeitalter. Versuch, einen Rückblick vorauszusehen, in: Düsseldorfer Debatte, H. 10/1987, S. 29–34 und H. 11/1987, S. 38–43. Allerdings verweisen Dath u. Kirchner (Dietmar Dath u. Barbara Kirchner, Der Implex. Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee, Berlin 2012) zu Recht auf eine damit neu in Gang kommende Dynamik: »Die im Namen ›Utopie‹ enthaltene Ausrede ›Das geschieht nirgends‹ war fürs erwachende Gestaltungsbewusstsein einer Klasse, die eben erst zu sich kam und lernte, wie man Geschichte macht […], allerdings bald zu quietistisch; statt ›Das geschieht nirgends‹ wurde daher bald behauptet: ›Das wird geschehen‹.«

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2012| © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2012