Nennt man jemanden einen Utopisten, dann will man ihn in aller Regel süffi sant tadeln, als Menschen ohne Realitätssinn bespötteln. Die deutsche Gesellschaft der letzten Jahre ist stolz auf ihren Pragmatismus. Utopien sind ihr Sache von weltfremden Exzentrikern, die sich den Wirklichkeiten nicht fügen mögen, die verblasenen Träumereien anhängen, mit einem spekulativen Modell die nüchterne Empirie vergewaltigen wollen. Utopie ist keine Sache des Mainstreams, ist nicht Anliegen der großen, vernünftigen gesellschaftlichen Mitte.

Denn »Mitte« bedeute Maß, Abwägung und Balance. Die Mitte neigt nicht zur Transzendenz. Sie jagt keinen fantastischen Zielen hinterher. Sie bleibt dem Boden verhaftet, auf dem sie steht. »Mitte« und »Utopie« scheinen sich also kategorisch auszuschließen. Allein, ein utopisches Versprechen hat sich fest im Zentrum der Mitte eingenistet, ist nahezu konstitutiv für die Energien, aus denen die Mitte ihre Kraft für den Alltag und eine erstrebenswerte Zukunft schöpft: Es ist die Utopie der meritokratischen Gesellschaft. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2012| © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2012