Wer versucht, sich über das religiöse Feld im Deutschland des Jahres 2017 einen Überblick zu verschaffen, der wird mit einem in sich höchst diversen Befund konfrontiert: In den Feuilletons, in der Kulturszene und auch im politischen Diskurs ist Religion hoch präsent. Das ist in diesem Jahr vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, Martin Luther und dem 500. 2Reformationsjubiläum zu verdanken. Als Playmobilfigur, als Filmheld, als Stoff für zahlreiche Biografien, aber auch als Aufhänger für politische Reden: Dem Reformator entkommt man in diesem Jahr nicht.

Der hohen Aufmerksamkeit für die Religion als Kulturfaktor und -event steht ein zweites Moment entgegen. In den großen Religionsgemeinschaften selbst, sprich: in der katholischen und der protestantischen Kirche, dominiert seit Jahrzehnten ein Krisendiskurs, der – je nach Temperament und (kirchen-)politischer Ausrichtung des Sprechers – in beruhigende oder apokalyptische Farben getaucht wird: Abbruch, Erosion, Veränderung. »Kirche schafft sich ab« titelte noch Ende Januar 2017 der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Religionsthemen betraute Redakteur Daniel Deckers und provozierte mit seinem Kommentar ein lebhaftes Leser-Echo.[1] Zumindest in den Ingroups der Kirchen, so lässt sich daran wie auch an zahlreichen weiteren Beispielen zeigen, ist die Krisenwahrnehmung weitverbreitet.

Diese merkwürdige Diskrepanz von kultureller Beachtung und interner Krisenrhetorik in den zwei Konfessionskirchen wird gerahmt von einem dritten Religionsdiskurs, in dem nicht die christlichen Großkonfessionen im Vordergrund stehen, sondern der Islam. Die individuelle Bindung an das Überzeitliche wird hier als Bedrohung für die Gesellschaft skizziert und diese vor allem »außen« verortet. Der Islam gilt als Gefahr, die den gesellschaftlichen Frieden infrage stellt. Dass dieser Gefährdungswahrnehmung von Teilen des Rechtspopulismus das »christliche Abendland« als politische Zielvision und Abwehrmechanismus entgegengehalten wird, ist auf den ersten Blick ein verwirrender Befund, schließt aber – so lässt sich bei genauerem Hinsehen zeigen – durchaus an die anfänglichen Beobachtungen an.

Wer die Gegenwart verstehen will, muss die Vergangenheit kennen. Was einem Historiker als gern zitierter Werbespruch frommt, soll zur Maxime der folgenden Ausführungen werden: Der Blick auf ihre Genese lässt die religiöse Konstellation von heute weniger verwirrend erscheinen, erklärt den Ist-Zustand und kann für die (religionspolitischen) Herausforderungen der Zukunft sensibilisieren. […]

Anmerkungen:

[1] Siehe Daniel Deckers, Kirche schafft sich ab, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2017.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.&1nbsp;-2017 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017