Beim Nachdenken über die Frage der »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« erkenne ich, dass sie mich seit meinen frühesten Jugendtagen verfolgt. Und zwar von meinen trotzkistischen Teenagertagen an. Man neigt ja dazu, wenn man seine Jugend in leicht sektoiden K-Gruppen verbracht hat, später dem keine so große Bedeutung zuzumessen und all das, was man dort gelernt hat, oder die Prägungen, die man erfahren hat, zu unterschätzen.

Und wenn man älter wird, unterschätzt man die, die in Wirklichkeit Lehrer waren. Weil die Lehrer–Schüler-Verhältnisse vielleicht einerseits nicht so ganz eng waren – selbst wenn sie prägend waren; oder weil man sich auch recht schnell von dem Denken des Lehrers entfernt hat, wenngleich er einem schon ganz gehörige Teile der Denkwerkzeuge mitgegeben hat, die dann sogar – aus der Entfernung – recht praktisch waren.

In diesem Sinne war Ernest Mandel sicher so etwas wie ein ganz entscheidender Lehrer für mich. Ich weiß nicht, wie oft wir uns in den 1980er Jahren begegnet sind? Zwei Dutzend Male vielleicht. Zunächst bei internen Seminaren der Gruppe Revolutionäre Marxisten. Mandel trug über die Solidarnosc-Bewegung in Polen vor, dann über die langen Wellen des Kapitalismus. Der Tonfall, dieses perfekte Deutsch in belgisch-französischer Färbung. Mit vielen gezogenen Shhhh’s. »Das gute alte Chhharlchen«: Damit meinte er Karl Marx. Irgendwo in einer Lade muss ich noch die Tonbandkassetten mit den Aufzeichnungen der Vorträge liegen haben. Nur kurze Zeit hatten wir so etwas wie eine persönliche, freundschaftliche Beziehung. Wenn er in den späten 1980er Jahren nach Wien kam, ging sich immer zumindest ein gemeinsamer kleiner Brauner im Café Museum aus.

Er war damals übrigens oft in Wien, aus einem skurrilen Grund: Mandel, der vielleicht berühmteste Vertreter des lebenden Marxismus, war in einer engen Männerfreundschaft mit Herbert Krejci verbunden, dem damaligen Chef der österreichischen Industriellenvereinigung. Ja, sowas ist auch möglich: zwei kluge Leute, die unterschiedlicher Meinung sind, aber genug intellektuelle Offenheit besitzen, um Freunde sein zu können.

Irgendwann in den späten Achtzigern begann Mandel dann für mich ein wenig zum Faktotum einer untergegangenen Welt zu werden, gewissermaßen kommunistisches Paläozoikum. Ein letztes Mal bin ich ihm dann etwa 1992 in der Berliner Humboldt-Universität begegnet. Aber das war dann schon unbedeutend.

Seine Bücher habe ich natürlich alle verschlungen: die großen Werke, seine »marxistische Wirtschaftstheorie«; sein legendäres Hauptwerk »Der Spätkapitalismus«; alle seine politisch-aktuellen Schriften, vor allem aber die ökonomischen. Krachte irgendwo die Börse, studierte Mandel die detaillierten Basisdaten und versuchte das Geschehen im Rahmen einer Gesamtanalyse der kapitalistischen Entwicklung zu interpretieren. Das war Marxismus und Wissenschaft zugleich. Oder besser: zunächst mal Wissenschaft. Zunächst einmal das Eingraben in das Datenmaterial. Und dann die Interpretation im Kontext einer Theorie. Aber nie nur »Meinunghaben«.

Die Daten fand man beim Klassenfeind und seinen wissenschaftlichen Institutionen, in seinen Datensätzen und in den führenden Zeitungen der »Gegenseite«. Insofern hat mich Mandel bspw. mehr geprägt, als mir das später bewusst war. Ich erinnere mich, dass mir als Teenager wichtig war, dass die Kohle, die ich zur Verfügung hatte, für drei Dinge täglich reichte: ein kleiner Brauner, eine Packung Smart-Zigaretten und die tägliche Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung. Die Nachrichten aus dem Wirtschaftsteil wurden ausgeschnitten und nach Themen in Ordner eingeklebt.

Ach ja, für alle, die über Mandel nicht viel wissen: Mandel wuchs in einer sozialistischen Familie auf, seine Eltern waren Freunde etwa von Karl Radek. Ab 1937 engagierte er sich in Belgien in trotzkistischen Organisationen; 1941 ging er in den Untergrund und die Résistance; 1944 deportiert, wurde er 1945 aus dem KZ Flossenbürg befreit. Als Zentralfigur der Vierten Internationale nach 1945 war er ein wichtiger Vertreter des westlichen Marxismus, mit dem Aufstieg der Neuen Linken in den 1960er Jahren wurde er zu einem ihrer wichtigsten Repräsentanten: so wie Rudi Dutschke oder Tariq Ali oder Alain Krivine oder Paul Sweezy und andere.

Wann immer sich ein Sonnenstrahl der Revolution zeigte, war Mandel vor Ort, etwa bei der Nelkenrevolution in Portugal. Er war Organisator, Agitator, Wissenschaftler. Er unterrichtete an der Universität Brüssel, und als er an die Freie Universität Berlin berufen werden sollte, verhängte der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher ein Einreiseverbot. Wenn ich das recht im Kopf habe, sagte Genscher damals wörtlich, das Einreiseverbot »gelte nicht dem Wissenschaftler Mandel, sondern dem Revolutionär Mandel«. Und da man den nicht in zwei Teile zersägen konnte, musste leider auch der Wissenschaftler draußen bleiben.

Mandel war, trotz gewisser doktrinärer Tendenzen, nie ein Sektierer, nie einer, der, wenn die Wirklichkeit mit seiner Theoriewelt nicht in Übereinstimmung war, sagte: Dann zum Teufel mit der Wirklichkeit. Deshalb blieb er offen und damit auch bündnisfähig.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, Sonderheft-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016