In zahlreichen westlichen Ländern findet gegenwärtig ein sozialer Wandel statt, der »neofeudale« Privilegien für vermögende Klassen etabliert, während prekarisierte soziale Gruppen mit Pauperisierung und Exklusion konfrontiert sind. Zur Erklärung dieser neuen Form der Polarisierung der Sozialstruktur wird in der aktuellen Forschung von einer ständischen Verfestigung sozialer Ungleichheit gesprochen, die allen modernen Versprechen von gesellschaftlichem Ausgleich und sozialer Mobilität widerspricht.[1] Der Aufstieg des Finanzmarktkapitalismus hat offensichtlich Muster in der Verteilung von Wohlstand, Lebenschancen und Macht mit sich gebracht, die an vormoderne Zeiten erinnern. Mit Bezug auf ein analytisches Konzept, das in seiner Studie zum »Strukturwandel der Öffentlichkeit« einst von Jürgen Habermas[2] eingeführt worden ist, lässt sich dieser drastische Wandel sozialer Ungleichheit als »Refeudalisierung« des modernen Kapitalismus beschreiben. Die Analyse von Refeudalisierungsprozessen entschlüsselt eine gesellschaftliche Dynamik der Gegenwart, in der sich Modernisierung als Bruch mit den Prinzipien einer modernen Sozialordnung vollzieht – ein paradoxer Modus sozialer Transformation, der im Zuge eines neoliberalen Umbaus von Wirtschaft und Gesellschaft überwunden geglaubte vormoderne Sozialformen und Rangordnungen wieder entstehen lässt. […]

Anmerkungen:

[1] Vgl. Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014.

[2] Vgl. Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1990 [1962].

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, Sonderheft-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016