In den 1950er Jahren hatten die deutschen Sozialdemokraten ein Problem: Ohne die katholischen Wähler war die Mehrheitsfähigkeit der SPD eine bloße Utopie. Die Partei wäre in der westdeutschen Nachkriegsrepublik auf Dauer der Hegemonie der Unionsparteien ausgeliefert gewesen, ohne jede Chance auf die Regierungsübernahme in Bonn. In ihrem 1992 veröffentlichten Buch »Die SPD. Klassenpartei – Volkspartei – Quotenpartei« schildern Peter Lösche und Franz Walter die hartnäckigen Versuche der sozialdemokratischen Parteiführung, ihr Verhältnis zum Katholizismus zu verbessern. Sie wollte die ideologischen Vorbehalte einer vom Freidenkertum und Antiklerikalismus geprägten sozialdemokratischen Tradition überwinden. Lösche und Walter formulieren das so: »Mitte der sechziger Jahre wollte die SPD mit aller Energie und Entschlossenheit heraus aus der Oppositionsohnmacht und hinein in die Regierung. Einen Kulturkampf konnte sie sich nicht leisten, die Katholiken brauchte sie aber.« Wobei es natürlich nicht um das katholische Episkopat ging, sondern um die katholischen Wähler: »Und so setzten sie unbeirrt und zielstrebig ihren Umschmeichelungs- und Umarmungskurs gegenüber der katholischen Kirche fort.«[1]

Verzicht auf letzte Wahrheiten

So trafen sich im Januar 1958 auf einer Tagung erstmals in der Geschichte führende Sozialdemokraten und Katholiken zum Thema »Christentum und Sozialismus«. Lösche und Walter beschreiben die Erwartungen, welche die Sozialdemokraten damit verbanden – nämlich die Anerkennung der für die Partei so bedeutsamen Veränderung ihres Selbstverständnisses, auch wenn das legendäre Godesberger Programm erst ein Jahr später beschlossen werden sollte […]

Anmerkungen:

[1] Peter Lösche u. Franz Walter, Die SPD. Klassenpartei – Volkspartei – Quotenpartei, Darmstadt 1992, S. 307.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, Sonderheft-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016