Von Krise ist in der inzwischen fast siebzigjährigen Geschichte des Projektes »Europäische Einigung« oft die Rede gewesen. Aber keine Krise hat seinen Fortgang in der Vergangenheit wirklich aufgehalten. Es gab Verzögerungen, es gab mindestens einen großen Richtungswechsel – als das Vorhaben einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft 1954 scheiterte, wurde durch die Römischen Verträge drei Jahre später der Gemeinsame Markt geschaffen. Aber auf Verlangsamung folgte regelmäßig Beschleunigung; so etwa als de Gaulle sich in den 1960er Jahren widerständig zeigte oder in den 1980er Jahren das Wort von der Eurosklerose die Runde machte. Unter den Integrationsenthusiasten konnte die Sentenz zum geflügelten Wort werden, letztlich habe noch jede Krise das europäische Projekt weitergebracht. Diese Sentenz ist nicht mehr zu hören. Die Krise der Gegenwart wird in einer Tonlage diskutiert, die wir aus der bisherigen Geschichte des europäischen Projektes nicht kennen. Der Ton ist düster, Ratlosigkeit herrscht allerorten. Das Referendumsvotum für den Austritt im zweitgrößten Mitgliedsland hat ein dramatisches Ausrufungszeichen hinter die europäischen Zukunftsängste gesetzt. Noch nie erschiender Fortgang des Projektes so ungewiss. Sein Scheitern wird nicht nur rhetorisch für möglich gehalten.

Ist das Scheitern wirklich möglich geworden? Und wenn ja, warum nach sieben Jahrzehnten, die man doch als beispiellose Erfolgsgeschichte erzählen könnte und auch oft erzählt hat? Der Versuch einer Antwort wird zunächst den Augenschein, das Oberflächenbild der Krise, so wie es uns in den Nachrichten des Tages vorgestellt wird, zur Kenntnis nehmen müssen. […]

Seite ausdrucken Beitrag bestellen

Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, Sonderheft-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016