Die Zeit ist vielleicht das schönste und rätselhafteste aller Konzepte, die der Mensch ersonnen hat, um sich in seiner Welt einzurichten. Man kann sie nicht anfassen und es erfordert gewisse Kunst, sie bewusst zu konsumieren,sofern man sie nicht gleich totschlägt. Weil sie wie sonst nur das Universum nicht im Geringsten beeinflussbar ist, wird an ihr ideell herumgedoktert ohne Ende. Die Erfindung der Eisenbahn: Sie wurde auch als ein Eingriff in den bis dato überschaubaren, mählichen Fluss der Zeit wahrgenommen (anders als in Filmen rannten Pferde damals selten im Galopp). Die Erfindung des Kinematografen: verhalf zu der Kraft, zumindest im Nachhinein die Dinge, je nach Gusto, mal langsamer, mal schneller vonstattengehen zu lassen.

Was die Menschen von den Tieren unterscheidet, ist nicht zuletzt der Umstand, dass die instinktbegabten Tiere ganz ohne Zeitgefühl auskommen. Sie langweilen sich nie und sind nur auf der Flucht in Eile. Aber zum Wegrennen, Wegkrabbeln und Wegfliegen braucht man kein temporales Sensorium. Den Fortgang der Zeit wahrnehmen: Das ist zumeist ein lästiges Phänomen, das sich einstellt, wenn man nicht mehr viel Zeit hat. Umso dringlicher schien den Menschen seit jeher, sich auf die Zeit einen Vers zu machen; und dabei half ihnen kein Gott, nicht einmal der dafür im Abendland zuständig erklärte Chronos. Es lohnte sich nicht, die Personifikationender Zeit ausführlich anzubeten.

Im Lauf der Jahrhunderte teilten sich die Geister […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, Sonderheft-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016