Karl Marx, der Übervater der Arbeiterbewegung, der Begründer einer welt-umspannenden politischen Idee, der in den Wirtschaftskrisen der jüngsten Zeit revitalisierte Kritiker des Kapitalismus als Vertreter einer verlorenen Generation? Lässt sich ein solcher Zugang zur Person Marx vertreten? Wie sehr es auf den Blickwinkel ankommt, zeigt ein Beispiel. »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern«, lautet die 11. These von Karl Marx in seiner Auseinandersetzung mit Ludwig Feuerbachs Arbeiten zur Religionskritik.[1] Diese einprägsame Behauptung ist nicht nur Marx-Experten bekannt, sondern in einer breiteren Öffentlichkeit im Bewusstsein verankert, von vielen sogar Marx zuorden- bar. In der Humboldt-Universität zu Berlin findet sich die These – nach langen Diskussionen – immer noch an zentraler Stelle im Hauptgebäude Unter den Linden. Sie hat überlebt, ist lebendig geblieben, hat zu Kontroversen angeregt. Doch im Jahr 1845, als Karl Marx diesen Satz niederschrieb, war er Teil eines umfangreichen Konvoluts von Notizen, Entwürfen und Exzerpten, die nie das Licht der Öffentlichkeit sehen sollten – fürs Erste vergessen und verloren. Nun ist das Vergessen und die Bedeutungslosigkeit niedergeschriebener eklektizistischer Überlegungen eher ein generelles Problem von Intellektuellen denn eine auf eine bestimmte Generation einzuengende Erfahrung. Deutlich wird an diesem Beispiel allerdings, dass die Charakte- risierung von Generationen und ihren geistigen Erzeugnissen situativ und vom Standpunkt des Betrachters aus wahrgenommen wird. »Verlorenen« Generationen können zu verschiedenen Zeitpunkten ganz unterschiedliche Attribute zugeschrieben werden.

Karl Mannheim hat mit seinem Aufsatz »Das Problem der Generationen« versucht, dem fluiden Begriff der Generation klarere Konturen zu geben. Nach seiner Meinung »konstituiert sich ein Generationenzusammenhang durch eine Partizipation der derselben Generationslagerung angehörenden Individuen am gemeinsamen Schicksal und an den dazugehörenden, irgendwie zusammenhängenden Gehalten. Innerhalb dieser Schicksalsgemeinschaft können dann die besonderen Generationseinheiten entstehen«.[2] Eine prägende Rolle kommt dabei nach Meinung Mannheims – jedoch keineswegs nur auf diese Phase im Lebenslauf beschränkt – den Lebensjahren im Übergang zum Erwachsenenstatus zu, werden hier doch Weichen für das spätere Leben gestellt.

Marx’ Jugend verlief zunächst in den bildungsbürgerlichen Bahnen einer angesehenen Rechtsanwaltsfamilie in Trier. Er besuchte das Gymnasium, schloss es mit der Reifeprüfung ab und begann 1835 in Bonn ein Jurastudium. Marx besuchte regelmäßig Seminare und Vorlesungen, hatte aber genauso viel Zeit für Trinkgelage, Raufereien und Kneipengespräche mit seinen Kommilitonen. Diese Freizeitvergnügen eines »unpolitischen Spätadoleszenten«[3] stellten gängige Sozialisationsmuster und gemeinsame Erfahrungen unter den Erstsemestern dar, die der künftigen Karriere keineswegs schaden mussten – die Mitgliedschaft in der richtigen Burschenschaft oder einer anderen studenti- schen Vereinigung konnte sogar von Vorteil sein. Eine zwingende generationelle Prägung ließ sich daraus jedenfalls nicht ableiten, wenn auch – wie im Fall von Karl Marx – das sorglose Studentenleben vom Elternhaus mitunter scharf kritisiert wurde. In einem Brief von Ende Februar/Anfang März 1836 betonte Heinrich Marx seinem Sohn gegenüber, er habe gehofft, »daß Du einst Deinen Geschwistern eine Stütze seyn könntest«. Dessen war sich der Vater angesichts Karls Lebenswandels aber nicht mehr sicher.[4]

Im Vergleich zu solch individuellem Tadel erwiesen sich die Studienbedingungen für Marx und seine Alterskohorten als prägender. Ein Studium der Rechtswissenschaften öffnete zwar zahlreiche Berufsmöglichkeiten, andererseits bot der öffentliche Dienst den Absolventen nicht genügend Stellen. Ein klarer Karriereweg war nicht vorgezeichnet. Wer in den Staatsdienst eintrat, musste mit einem unbezahlten Referendariat beginnen und die Übernahme in eine besoldete Anstellung war danach alles andere als sicher. Die jungen Männer blieben über Jahre von ihren Familien abhängig.[5] Hinzu kam, dass Marx und seine Altersgenossen ihr Studium begannen, als ein erster Sättigungsgrad an akademischen und staatlichen Stellen bereits erreicht worden war. Zwischen 1819 und 1830 waren die Studentenzahlen an deutschen Universitäten von rund 8.300 auf 16.000 rasant angestiegen, da nach den Befreiungskriegen und den staatlich-gesellschaftlichen Reformen akademischer Nachwuchs benötigt wurde.[6] Dieser Arbeitsmarkt war nun seit Mitte der 1830er Jahre weitgehend geschlossen. Karl Marx hatte sein Studium also zu einem ungünstigen Zeitpunkt begonnen.

Als sich Marx 1836 entschloss, seine akademische Ausbildung in Berlin fortzusetzen, verband sich damit beim Vater die Hoffnung, dass sich der Sohn fern der Heimat und seiner Saufkumpanen mehr auf sein Studium konzentrieren würde. In gewisser Weise trat diese Konzentration auch ein, doch nicht in dem von Heinrich Marx gewünschten Sinn. Statt für die Rechtswissenschaften begeisterte sich Karl Marx immer mehr für die Philosophie, speziell für die von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. »Ein Vorhang war gefallen, mein Allerheiligstes zerrissen und es mußten neue Götter hineingesetzt werden«, schrieb Karl Marx enthusiastisch seinem Vater im November 1837 über sein philosophisches Erweckungserlebnis.[7] Die väterliche Fundamentalkritik folgte kurze Zeit später. Der Sohn verschwende sein Talent beim nutzlosen Philosophieren, lege keine Prüfungen ab, in seiner beruflichen Laufbahn seien weder Ordnung noch Fortschritt zu erkennen: »Und hier in dieser Werkstätte unsinniger und unzweckmäßiger Gelehrsamkeit sollen die Früchte reifen, die Dich und Deine Geliebten erquicken, die Erndte gesammelt werden, die dazu diene heilige Verpflichtungen zu erfüllen!?«[8] Heinrich Marx traf damit einen doppelt wunden Punkt bei seinem Sohn. Der Vater stellte sowohl die Männlichkeit des Sohnes in Frage als auch dessen Fähigkeit, die seit Jahren bestehende Verlobung mit Jenny von Westphalen in eine eheliche Beziehung umzuwandeln. Marx lebte zwar nicht ökonomisch prekär, aber doch am Rande dessen, was als bürgerlicher Status galt.[9]

Aber auch diese familiär-finanziellen Scharmützel blieben auf einer indi- viduellen Ebene. Sie weiteten sich jedoch zu einem grundsätzlichen, keines- wegs Marx allein treffenden Problem. Denn Marx’ philosophische Begeiste- rung für Hegel verlief ebenso antizyklisch wie sein Studienstart. Hegel, der 1831 gestorben war, strahlte Ende der 1830er Jahre längst nicht mehr am Phi- losophenhimmel. Seine Philosophie hatte in dieser Phase ihren Zenit über- schritten. Der preußische Kultusminister Karl vom Stein zu Altenstein hielt zwar bei Berufungsverhandlungen noch seine schützende Hand über einige Hegel-Schüler. Doch mit Karl vom Steins Tod 1840 und dem Regierungsan- tritt von Friedrich Wilhelm IV. konnte besonders die Friedrich-Wilhelms-Uni- versität in Berlin als »hegelfreier« Raum gelten. Hinzu kam, dass dort 1839 der Philosophie-Professor und Hegel-Schüler Eduard Gans, erst 42 Jahre alt, an einem Schlaganfall gestorben war. Gans hatte Hegels Philosophie eine »Linkswendung« gegeben, sich mit Verfassungsfragen beschäftigt, er hatte die französischen Frühsozialisten rezipiert und im akademischen Umfeld be- kannt gemacht. Jonathan Sperber urteilte in seiner jüngst erschienenen Bio- grafie, Gans wäre der ideale Doktorvater für Karl Marx gewesen und mögli- cherweise hätte Marx’ Leben unter seiner Obhut »eine ganz andere Wendung genommen«.[10] Womöglich hätte sich ihm eine akademische Laufbahn eröffnet. So aber geriet Marx stärker in den Einflusskreis der sogenannten Junghe- gelianer, einer Gruppe Intellektueller, die ihren Lehrmeister Hegel neu und radikal interpretierten. In Berlin, dem Zentrum dieser Gruppierung, zähl- ten zu dieser Gruppe unter anderem David Friedrich Strauß (1808–1874), die Brüder Bruno (1809–1882) und Edgar Bauer (1820–1886), Max Stirner (1806–1856) sowie Ludwig Feuerbach (1804–1872). Gemeinsam war den Junghegelianern – allesamt ausgebildete Philosophen und Theologen, orga- nisatorisch angesiedelt an der Schnittstelle zwischen Verein und informel- len, privaten Akademikerzirkeln – eine mehrfache Radikalisierung, die im politischen Bereich mit einem Schwenk von rechts nach links einherging. In der Verfassungsfrage wurden demokratische Staatsmodelle diskutiert und Edgar Bauer entwarf das Bild einer »freien Gemeinschaft« anstelle des Staa- tes.[11] Mochten sich diese Diskussionen langfristig für das Denken von Karl Marx als zentral erweisen, steckte diese philosophische Peergroup dennoch in einer Sackgasse. Hegel und eine Auseinandersetzung mit seinem Werk waren an den auf restaurativen Kurs gebrachten Universitäten nicht mehr gefragt und mit ihrer radikalen Religionskritik eckten ihre Vertreter in der Bildungs- und Kultusverwaltung eher an, als dass sie sich damit für Stellen an der Berliner Universität profilieren konnten.

Kurz vor seinem Tod hatte Karl vom Stein den Linkshegelianer Bruno Bauer noch als Privatdozent an der Bonner Universität untergebracht. Bauer und Marx kannten sich schon aus Berliner Zeiten. Bei Bauer hatte Marx seine Hegelstudien vertieft, stand mit dem knapp zehn Jahre Älteren auch in per- sönlichem Kontakt. Noch einmal öffnete sich für einen Moment die Tür zu einer akademischen Karriere. Nach Abschluss von Marx’ Dissertation über die Naturphilosophie bei Demokrit und Epikur, die er angesichts der anti- hegelianischen Stimmung nicht mehr in Berlin verteidigen konnte, sondern nach Jena ausweichen musste, holte Bauer Marx nach Bonn und stellte ihm einen Lehrauftrag in Aussicht. Doch statt sich für seinen Schützling einset- zen zu können, geriet Bauer selbst mehr und mehr ins Abseits. Er vertrat eine atheistische Anschauung und pochte darauf, an der Universität Bonn eine Professur für protestantische Theologie zu besetzen. Weitere Invektiven machten Bauer untragbar und 1842 verlor er seine Privatdozentur.

Marx’ Akademikerlaufbahn war damit ebenfalls zu Ende; zu eng waren seine Berufsaussichten in Bonn mit Bauer verbunden gewesen. Zahlreichen anderen Jung- und Linkshegelianern ging es nicht anders. Auch Arnold Ruge (1802–1880), Adolf Rutenberg (1808–1869) und weitere Vertreter dieser philo- sophischen Richtung mussten mit diesem Bruch zurechtkommen.[12] Vermut- lich wollte ein Teil von ihnen auch gar nicht unbedingt eine Laufbahn an der Universität anstreben. Dennoch trifft für diese von dem Bedeutungsverlust der Hegelschen Philosophie betroffenen, im Vormärz politisch, gesellschaft- lich und intellektuell sozialisierten Akademikern die Beschreibung einer »ver- lorenen Generation« durchaus zu.[13] Das »parallele Erleben von Geschichte« verdichtete sich zu einer kontingenten Erfahrung.[14] Unter diesem Aspekt des persönlich erlebten Scheiterns gehörte Marx einer verlorenen Philosophen- generation an. Marx stand zu diesem Zeitpunkt mit 23 Jahren am Ende der nach Karl Mannheim prägenden Jugendphase zwischen 17 und 25 und be- nötigte einen beruflichen Neuanfang.[15]

Zum Glück funktionierte das Netzwerk der Junghegelianer und Marx gelang der Übergang in den Journalismus. Er schrieb für Arnold Ruges »Deutsche Jahrbücher« und verdiente durch die Mitarbeit für die Rheinische Zeitung sein erstes eigenes Geld. Dieses Journal war ein spannendes, höchst wider- sprüchliches Experimentierfeld: Liberal-fortschrittliche Kölner Aufsteiger aus dem Wirtschaftsbürgertum, die sich vom alten Kölner Klüngel rund um die Kölner Zeitung absetzten, finanzierten sich ein Presseorgan; der Früh-sozialist Moses Heß, der sich für die Abschaffung des Privateigentums ein- setzte, engagierte sich für die Zeitung und mehr und mehr Junghegelianer drängten als Autoren in das Blatt. Für einen Moment bestand die Möglich- keit, dass innerhalb eines kurzen Zeitraums aus der verlorenen Generation junghegelianischer Akademiker eine hoffnungsvolle Generation junghege- lianischer Journalisten werden könnte. Und Marx stieg gar zum Chefredak- teur der Rheinischen Zeitung auf. Er beschäftigte sich in seinen Artikeln mit klassisch liberalen Themen wie der Pressefreiheit, versuchte als Chefredak- teur das Blatt nicht zu sehr in ein links-kritisches Fahrwasser gleiten zu las- sen, um die Kölner Finanzgeber nicht zu verschrecken und sich die staatliche Zensur vom Leib zu halten. Gleichzeitig entdeckte Marx die soziale Frage als zentrales Thema und beschäftigte sich mit der sozialen Lage der Winzer und Bauern an der Mosel. Erneut stießen Marx und seine Mitstreiter an Grenzen. Trotz politischer Mäßigung wurde die Rheinische Zeitung bereits zum 1. April 1843 verboten.[16]

Marx und die Junghegelianer standen erneut als verlorene Generation da. Hatte der Bruch in der Bildungspolitik 1840/42 ihnen die akademische Karriere gekostet, fügte die politische Zensur ihnen nun einen weiteren Schlag zu. Erst verließen sie die deutschen Universitäten, nun verließen sie den Boden des Deutschen Bundes und gingen ins Exil: »In Deutschland kann ich nichts mehr beginnen. Man verfälscht sich hier selbst«, schrieb Marx an Arnold Ruge im Januar 1843.[17] Die Erfahrungen im Ausland waren alles andere als motivierend. Der Enthusiasmus einer deutsch-französischen Verständigung unter linken Intellektuellen zerstob schneller als gedacht. Die von Arnold Ruge und Karl Marx initiierten »Deutsch-französischen Jahrbücher« kamen über eine Doppelnummer nicht hinaus, die angeschriebenen französischen Schriftsteller, Journalisten und Intellektuellen verschlossen sich der Zusammenarbeit. Die finanzielle Misere, die dem Aus der »Jahrbücher« folgte, zerstörte die Freundschaft zwischen Ruge und Marx. Auch die schriftstellerisch-akademische Arbeit von Marx verschwand in den Jahren des Exils ungedruckt in der Schublade. Die »Ökonomisch-philosophischen Manuskripte« brach der Autor ab, weil er sich mit journalistischen Arbeiten über Wasser halten musste, die ihm aber auch keineswegs so flott aus der Feder flossen, wie es seine Ehefrau Jenny wünschte, die er 1843 endlich geheiratet hatte: »Bitte, lieb Herz, laß die Feder mal übers Papier laufen, und wenn sie auch mal stürzen und stolpern sollte und ein Satz mit ihr – deine Gedanke stehn ja doch da wie Grenadiere der alten Garde, so ehrenfest und tapfer«, schrieb Jenny 1844 ihrem Mann. Auch das umfangreiche Manuskript »Die deutsche Ideologie« blieb zum größten Teil unveröffentlicht. »Du siehst, allseitige Misère!«, schrieb Marx an Joseph Weydemeyer Mitte Mai 1846 über seine finanzielle Lage.[18]

Aus dem ersten »Trauma des Exils« (Hosfeld) im Vormärz befreiten die Ereignisse von 1847/48. Das »Kommunistische Manifest« – zwar kein Best- seller – weckte dennoch Zukunftserwartungen und wirkte mobilisierend. Die revolutionären Erhebungen im Februar und März 1848 in Frankreich und Deutschland schließlich eröffneten den Exilanten neue Möglichkeiten. Marx trat in der Revolution kaum als politischer Aktivist, sondern vor allem als Publizist auf. Es gelang ihm, mit der Neuen Rheinischen Zeitung – aus der Rückschau von heute – das »bei Weitem beste politische Blatt« der Revolution herauszugeben; doch blieb der Einfluss der Zeitung damals weitgehend auf das Rheinland beschränkt.[19] Überhaupt dominierte auf Seiten der Arbei-terschaft nicht der »Bund der Kommunisten« das organisatorische Gesche- hen, sondern die von dem Buchdrucker Stephan Born geleitete »Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung«. Und die Revolution 1848/49 selbst endete mit der sogenannten Reichsverfassungskampagne in den Worten Friedrich Engels in einer »blutigen Posse«: »Die ganze ›Revolution‹ löste sich in eine wahre Komödie auf, und es war nur der Trost dabei, daß der sechsmal stär- kere Gegner selbst noch sechsmal weniger Mut hatte.«[20]

Es folgten für Marx und viele andere 1848er-Kämpfer Jahre, in denen das »Trauma der verlorenen Revolution und des Exils« vorherrschte.[21] Bei Marx kamen zahlreiche weitere Ernüchterungen und Erniedrigungen hinzu. Das teure Londoner Exil machte der Familie zu schaffen, zwei Kinder starben; sechs Jahre lebte die Familie in den Elendsquartieren Sohos. An Engels schrieb Marx im September 1852: »Seit 8–10 Tagen habe ich die family mit Brot und Kartoffeln durchgefüttert.« Marx verstand es, seine Situation in düstersten Farben darzustellen, um seine Gönner und Geldgeber freigiebig zu stimmen. Wie als Student war er auch jetzt auf finanzielle Unterstützung – mittlerweile durch Friedrich Engels – angewiesen, weil ihm das journalistische Tagesgeschäft nicht genug einbrachte. 1859 hatte er endlich im Berliner Verlag von Duncker seine Schrift »Zur Kritik der politischen Ökonomie« veröffentlichen können. Doch durch seinen fragmentarischen Charakter waren selbst Freunde und Anhänger wie Wilhelm Liebknecht enttäuscht. In der akademischen, geschweige denn in einer breiten Öffentlichkeit in Deutschland wurde das Buch kaum wahrgenommen.[22] Marx drohte im Londoner Exil in Vergessenheit zu geraten. Erst die in Deutschland entstehende Arbeiterbewegung entdeckte ihn in den 1860er Jahren wieder und sorgte dafür, dass aus einem Mitglied einer verlorenen Generation ein Solitär wurde, der bis in die Gegenwart präsent blieb.

»Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen«.[23] Diese berühmte Sentenz aus Marx’ »18. Brumaire« steht letztlich auch paradigmatisch für die Frage nach der verlorenen Generation, der Marx und die Junghegelianer und die Revolutionäre von 1848 angehörten. Marx entschied selbstständig und selbstbewusst über seinen Lebensweg, traf dabei aber auf objektive Faktoren, die – nach Karl Mannheim – Generationen schaffen. Individuell bestanden und bestehen immer Möglichkeiten der Neujustierung und Neuausrichtung, die jedoch in bestimmten historischen Kontexten an Grenzen stoßen, welche daher generationell prägend werden (können). Generationen sind so gesehen mehr als etwas durch Selbst- oder Fremdperspektive Imaginiertes, sondern Gruppen, die im historischen Kontext gemeinsame Erfahrungen teilen.[24] Eine Generation lässt sich damit nie auf bestimmte Alterskohorten festlegen, sondern kann in denselben Altersgruppen zahlreiche unterschiedliche Ausprägungen aufweisen.[25]

Die Enttäuschungen, die Traumata und die Hoffnungslosigkeit der »verlorenen Generation« der Junghegelianer und 1848er wirkten daher auch auf einen Teil ihrer Mitglieder alles andere als demotivierend: Sie engagierten sich weiter intellektuell und politisch für ihre Ideale, sei es im Fall der 1848er Revolutionäre Wilhelm Liebknecht (1826–1900) in der deutschen Arbeiterbewegung oder bei Carl Schurz (1829–1906) im Kampf gegen die Sklaverei. Die Erfahrungen konnten aber eben auch zu Anpassung, Rückzug ins akademische Idyll in der Schweiz oder zu einer konservativen, antisemitischen Lebenshaltung wie bei Arnold Ruge, Stephan Born oder Bruno Bauer führen. Etwas zu apodiktisch formulierte Karl Mannheim in seinem Generationen-Aufsatz: »Ob eine bestimmte Jugend konservativ, reaktionär oder progressiv ist, entscheidet sich (wenn auch nicht ausschließlich, aber doch in erster Reihe) dadurch, ob sie am vorgefundenen Status der Gesellschaft von ihrem sozialen Ort aus Chancen der eigenen sozialen und geistigen Förderung erwartet.«[26] Dennoch ist es ein Gedankenexperiment wert: Vielleicht wäre ein preußischer Philosophie-Professor Karl Marx nie zum Marxisten geworden.

Anmerkungen:

[1] Karl Marx u. Friedrich Engels, Werke, Berlin/ DDR 1958, Bd. 3, S. 7 (im Folgenden zit. als MEW).

[2] Karl Mannheim, Das Problem der Generationen, in: Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie, Jg. 77 (1928) H. 2, S. 157–185, 309–330, 2. Teil, S. 313.

[3] Jonathan Sperber, Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert, München 2013, S. 50. Sämtliche im Folgenden erwähnten biografischen Details und Lebensstationen von Marx beruhen auf den beiden jüngsten Biografien von Jonathan Sperber und Rolf Hosfeld (Die Geister, die er rief. Eine neue Karl-Marx- Biografie, München 2009).

[4] Heinrich und Henriette Marx an Karl Marx, Februar/März 1836, in: Karl Marx u. Friedrich Engels, Gesamtausgabe, Berlin/DDR 1975, Abt. III, Bd. 1, S. 294 (im Folgenden zit. als MEGA).

[5] Sperber, S. 48 f.

[6] Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 2. Von der Reformära bis zur industriellen und politischen »Deutschen Doppelrevolution« 1815–1845/49, München 1987, S. 511 f.

[7] K. Marx an H. Marx, 10./11. November 1837, in: MEGA III/1, S. 15.

[8] H. Marx an K. Marx, 9. Dezember 1837, in: ebd., S. 325

[9] Ulrich Teusch, Jenny Marx. Die rote Baronesse, Zürich 2011, S. 48 ff.; Hosfeld, S. 32 f.

[10] Sperber, S. 72.

[11] Wolfgang Eßbach, Die Junghegelianer. Soziologie einer Intellektuellengruppe, München 1988, S. 38, S. 197–204.

[12] Michael Kuur Sørensen, Young Hegelians before and after 1848, Frankfurt a. M. 2011, S. 43–47; Eßbach, S. 66–78.

[13] Sperber, S. 77.

[14] Ulrike Jureit, Generationenforschung, Göttingen 2006, S. 7.

[15] Zur Diskussion der Jugendphase für das Generationenkonzept siehe Oliver Neun, Zur Kritik am Generationenbegriff von Karl Mannheim, in: Andreas Kraft/Mark Weißhaupt (Hg.), Generationen: Erfahrung – Erzählung – Identität, Konstanz 2009, S. 217–242, hier S. 225 f.

[16] Hosfeld, S. 29 ff.

[17] K. Marx an Arnold Ruge, 25. Januar 1843, in: MEGA III/1, S. 43.

[18] Hosfeld, S. 50 ff.; Sperber, S. 130 ff.; Jenny Marx an Karl Marx, 1844, zit. n. Teusch, S. 96; K. Marx an J. Weydemeyer, 15./16. Mai 1846, in: MEGA III/2, S. 11.

[19] Hosfeld, S. 99 f.

[20] Friedrich Engels, Die deutsche Reichsverfassungskampagne (1849/59), in: MEW, Bd. 7, S. 197; allgemein zur Desillsionierung Sørensen, S. 189–199.

[21] Hosfeld, S. 118.

[22] Teusch, S. 81 ff., 103 ff. (Zitat: ebd., S. 85); Hosfeld, S. 124 ff.

[23] Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Kommentar von Hauke Brunkhorst, Frankfurt a. M. 2007 [1852], S. 9.

[24] Zum Verhältnis von objektiven Faktoren und der Konstruktion von Generationen siehe zusammenfassend Neun, 218 f.

[25] Zur Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Einflüssen und der »wirksamen Gestalt von Generationen« siehe Andreas Kraft u. Mark Weißhaupt, Erfahrung – Erzählung – Identität und die »Grenzen des Verstehens«: Überlegungen zum Generationenbegriff, in: Dies. (Hg.), S. 17–47, hier S. 21; Jürgen Reulecke, Kriegskindergenerationen im 20. Jahrhundert: zwei Väter- und Söhnegenerationen im Vergleich, in: ebd., S. 243–260, hier S. 244; Ulrike Jureit u. Michael Wildt (Hg.), Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs, Hamburg 2005, S. 11 ff.

[26] Mannheim, S. 180, Anm. 2.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 4-2013 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2013