Tragen Beschäftigte wieder ihre Haut zu Markte? Arbeit und Gesundheit in den Nullerjahren

Von Karina Becker

»Crisis? What Crisis?« titelte die britische Zeitung Sun am 11. Januar 1979 und ironisierte damit ein Interview mit Premierminister James Callaghan, der darin versuchte, die aufgeheizte Stimmung im Land herunterzuspielen. Statt sich um die zahlreicher werdenden Arbeiterstreiks im Zuge der wirtschaftlichen Probleme Großbritanniens zu kümmern, verfolgte der Premierminister der Labour-Partei einen Beschwichtigungskurs und leitete damit (freilich unintendiert) die Machtübernahme Margaret Thatchers und der Konservativen
ein. Die berühmt gewordene Schlagzeile der Sun lässt sich indes auch losgelöst von ihrem historischen Kontext lesen. Fast vierzig Jahre später brach sich – brachial oder eher schleichend – gleich eine ganze Reihe von Krisen Bahn, die in vielfacher Weise miteinander verschränkt waren. Namentlich die globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2007–09 hat zu tiefgreifenden, weltweiten Verwerfungen geführt, deren Folgen bis heute auszumachen sind.

Weniger präsent und vielfach verdrängt sind Störungen der Mensch-Natur-Beziehungen, die sich in einer ökologischen Krise manifestieren, aber auch die »innere Natur« der Beschäftigten in einer Weise betreffen, die zulässt, von einer Krise der Beschäftigtengesundheit zu sprechen. Die ökologische Krise gründet auf einer Wachstumslogik, die in ihrer derzeitigen industriellkarbonisierten Gestalt zumindest die Quellen gesellschaftlichen Reichtums untergräbt.[1] Aber auch die Krise der Beschäftigtengesundheit zeigt, dass es zum Wesen des Kapitalismus gehört, Arbeit einerseits als zentrale Ressource und Quelle von Wertschöpfung zu bestimmen, im unablässigen Rationalisierungsprozess andererseits genau diese zentrale Ressource immer wieder in Gefahr zu bringen. Von Letzterem zeugt der drastische Anstieg psychischer Belastungen, der sich seit etwa Anfang der Nullerjahre auch statistisch nachweisen lässt.

Zugleich gilt: Es ist nicht die Arbeit an und für sich, die krank macht oder Befriedigung verschafft – keine Arbeit zu haben, kann bekanntlich ebenfalls krank machen. […]

Anmerkungen:

[1] Das Zusammenwirken von ökologischer und ökonomischer Krise wird aktuell am DFG-Kolleg »Postwachstumsgesellschaften« an der Friedrich-Schiller-Universität Jena prominent beforscht, siehe URL: http://www.kolleg-postwachstum.de/.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2017 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017