Es gehört zu den oft verdrängten Trivialitäten der Ideen- und Begriffsgeschichte, dass der Konservatismus ein Phänomen der Moderne ist, welches sich erst als Reaktion auf Emanzipations- und Liberalisierungsbewegungen ausgebildet hat. Die Herausforderung des Fortschritts machte die Reflexion vermeintlich konservativer Werte und Traditionen notwendig; denn die Erfahrung, dass die herkömmliche soziale und politische Ordnung fragil und mithin revolutionär veränderbar wurde, mündete in intellektuelle Anstrengungen, sich dagegen zu wehren.

Der Konservative als Fortschrittsgegner – diese Gleichung war allerdings von Beginn an zu einfach. Die meisten Konservativen standen zwangsläufig auf dem Boden der Moderne, und nicht wenige versuchten – lange vor Franz-Josef Strauß’ berühmtem Ausspruch – »an der Spitze des Fortschritts zu marschieren«. Machtpolitischer Pragmatismus leitete bereits konservative Politiker wie Benjamin Disraeli und Otto von Bismarck, weitreichende Sozialreformen »von oben« einzuführen, um den Forderungen der Arbeiterbewegungen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

So ist kaum verwunderlich, dass der Konservatismus an der Schwelle zum demokratischen Zeitalter dauernd damit beschäftigt war, die programmatischen Forderungen der Modernisierer zu absorbieren und sich gleichzeitig vom Ballast des altständischen Denkens zu trennen. Die Orientierungsmarken konservativer Ideologie wurden immer verschwommener; denn auch wenn Hierarchie, Ordnung, Heimat oder Religion als vage Leitbegriffe dienten, so war doch nie klar, wie sie sich in politische Konzepte für im Modernisierungsprozess befindliche Gesellschaften umsetzen ließen. Auch unter selbsternannten Konservativen war stets umstritten, was genau bewahrt und mit welchen Werten dies begründet werden sollte.

Begriffsbestimmungen

Eine politische Bedeutung hat der Begriff erst erlangt, als François-René de Chateaubriand seine Zeitschrift Le Conservateur (1818) gründete und Kon­servatismus von nun an als positive Selbstbezeichnung fungierte, um die überwiegend negativ konnotierten Fremdzuschreibungen »Reaktion« und »Restauration« abzulösen. Der Wissenssoziologe Karl Mannheim hat bekannt­lich den Konservatismus als Reflexivwerden des Traditionalismus bestimmt.[1]

Seither haben die Definitionsversuche und begrifflichen Fixierungsbemü­hungen nicht nachgelassen. Einschlägig geworden ist die Klassifizierung des früh verstorbenen Historikers Klaus Epstein, der idealtypisch differenzierte zwischen einer rückwärtsgewandten konservativen Reaktion, die die Vergan­genheit eines goldenen Zeitalters wieder zu beleben sucht, einem gegenwarts­zufriedenen Status-quo-Konservatismus und dem Reformkonservatismus, der in Burke’scher Tradition für institutionell vermittelten graduellen Wandel ein­tritt.[2] Nimmt man noch den Befund des ebenso genialischen wie eigenbröt­lerischen Privatgelehrten Panajotis Kondylis hinzu, der mit der politischen Entmachtung des Adels auch das Ende des »Konservativismus« gekommen sah,[3] und vergegenwärtigt man sich die Aporien einer »Konservativen Re­volution«, deren heterogene Ableger für alternative Modernen unterschied­licher hierarchisch-autoritärer Provenienz Ideen sammelten,[4] dann wird die ideologische Familie des Konservatismus vollends unübersichtlich.

Theoretische Unübersichtlichkeit ist freilich kein Argument gegen die Ver­wendung von Orientierungsbegriffen. Der Liberalismus in all seinen Spielar­ten vom Sozial- bis zum Neoliberalismus teilt seit ewigen Zeiten ein ähnliches Los. Relevanter als eine präzise Definition erscheinen die konjunkturellen Schwankungen, die der Gebrauch ideologischer Termini durchläuft – deren Attraktivität als Schlagwort und Sammelbegriff für heterogene Strömungen bemisst sich an der jeweiligen Integrationskraft.

Der Begriff des Konservatismus war in Deutschland nach 1945 aus of­fensichtlichen Gründen kontaminiert. Konservative Eliten galten als Steig­bügelhalter des Nationalsozialismus, die Ideologen einer »Konservativen Revolution« waren die Staatsfeinde der Weimarer Republik, die sich als Ab­bruchunternehmer der modernen liberalen Demokratie präsentierten, aber keinerlei positive Programmatik zustande brachten, sondern nur krude For­meln von Autorität, Hierarchie, »Deutschtum« und Ständestaat aufriefen.

»Zustände zu schaffen, deren Erhaltung sich lohnt« – diese Formel Arthur Moeller van den Brucks stellte das Prinzip eines hegenden und pflegenden Konservatismus auf den Kopf, weil hoch umstritten war, welche Wertbe­stände denn das rechte Utopia begründen sollten. Die einen idealisierten die ständische Gesellschaft des Mittelalters, die anderen suchten Halt in der Ro­mantik und weitere rechtsradikale Sprengmeister plädierten für den »Arbei­ter« (Ernst Jünger) als neuen Sozialtypus, der im Industriezeitalter endlich den Bürger ablösen sollte – der Jünger-Freund Ernst Niekisch phantasierte gar von einer nationalbolschewistischen Revolution.

Kurz: Diese extreme neue Rechte in ihren unterschiedlichen nationalisti­schen, völkisch-antisemitischen und militanten Schattierungen hatte die Ver­bindungen zur bestehenden bürgerlich-liberalen Gesellschaftsordnung weit­gehend gekappt und damit auch den Konservatismusbegriff ad absurdum geführt. Denn Konservatismus erscheint ja nur dann plausibel definierbar, wenn er eine Relation zu bestehenden Institutionen und lebendigen Tradi­tionen herstellen kann.

1968 und die Folgen

Es dauerte deshalb auch eine ganze Weile, bis der Konservatismusbegriff überhaupt wieder Einzug in die politisch-soziale Sprache hielt. Wie in der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, gab es auch in der Bundesrepublik keine Partei, die für sich explizit reklamierte, konservativ zu sein. Erst im Zuge der Achtundsechzigerbewegung ergab sich eine intellek­tuelle Polarisierung der politischen Lager, und es wurde wieder heftig darum gestritten, wer oder was konservativ sei.

Zum einen sammelten sich die verschiedenen Gegner der Neuen Lin­ken, um sich gegen die vermeintliche »Kulturrevolution« und den »Marsch durch die Institutionen« zu wehren. Zum anderen witterten Linke und Linksliberale in diesen intellektuellen Sammlungsbewegungen die For­mierung eines »neuen Konservatismus«, der in Wahrheit antidemokrati­sche und antiliberale Ziele verfolge.[5] Rückwirkend wird man in einer har­monisierenden Lesart sagen können, dass die 1970/80er Jahre – abseits langfristig unbedeutender ideologischer Splittergruppen – eigentlich von der intellektuellen Debatte um die Identität der Bundesrepublik bestimmt wurden, in der sich de facto liberalkonservative und sozialliberale Demo­kraten gegenüberstanden.

Es ging vor allem um »weiche Themen« wie Bildung und Erziehung, die Demokratisierung gesellschaftlicher Lebensbereiche, Umweltschutz oder den Umgang mit der NS-Vergangenheit, nicht so sehr um sozioökonomische Fra­gen. Will man den Konflikt philosophisch personalisieren, so standen sich Jürgen Habermas und Hermann Lübbe gegenüber: Wann soll ein Diskurs in Dezision münden? Wie stabil oder flexibel dürfen Institutionen sein? Wel­che Rolle spielen die vorpolitischen Ressourcen aus Religion und Traditionen für eine moralische Begründung der Politik? Inwieweit lässt sich eine ver­nünftige kollektive Identität stiften, und was trägt die Geschichte dazu bei?[6]

Aus der Distanz betrachtet lagen die damaligen Kontrahenten gar nicht so weit auseinander; es war im Kern eine innerliberale Positionsklärung und es ging weit eher um Deutungshoheit und die Etablierung eines bestimmten Vokabulars als um unüberbrückbare sachliche Differenzen. Der ehemalige Utopist der Herrschaftsfreiheit Habermas erschloss für sich den Verfassungs­patriotismus und entwickelte in seinem 1992 erschienenen Hauptwerk »Fak­tizität und Geltung« eine Diskurstheorie des demokratischen Rechtsstaates, die einen neuen Wert auf Institutionen legte, während der Institutionalist Lübbe sich immer stärker den Elementen »direkter Demokratie«, der Zivil­gesellschaft und den zunehmenden Demokratisierungszwängen moderner Gesellschaften zuwandte.[7]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2015 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2015