Wer politisch langfristig wirken will, muss mit den eigenen Wertideen die Gesellschaft durchdringen und sie in die Institutionenordnung einbauen. Nur wenn dies gelingt, gewinnen Ideen Handlungsmacht und den Anspruch, befolgt zu werden. Unter allen Parteirichtungen hat der Liberalismus damit die reichsten Erfahrungen, denn seine Geschichte führt am weitesten zurück, rund zwei Jahrhunderte.

Im 19. Jahrhundert war er dabei außerordentlich erfolgreich. Es wurde das Jahrhundert des Bürgertums und des Liberalismus. Selbst im deutschen Kaiserreich, dessen Herrschaftssystem ihm keine Chance einräumte, die Regierung zu stellen, formte der Liberalismus die Gesellschaft mit seinen Ideen. Die Rechtsordnung wurde nach liberalem Muster verändert, ebenso die Wirtschaftsordnung, und bürgerliche Verhaltensmaximen legten fest, was sich ziemte und was nicht. Daran orientierte sich auch, wer dem Bürgertum nicht angehörte und dem Liberalismus fernstand. Nach der Zäsur des Ersten Weltkriegs mit dem Sturz aller deutschen Monarchien schien vollends die Stunde des Liberalismus zu schlagen. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2015 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2015