Madeleine Albright war geschockt, fast sprachlos. Es war in Pjöngjang im Oktober 2000. Als erstes hochrangiges Mitglied einer US-Regierung überhaupt war die amerikanische Außenministerin gerade in die nordkoreanische Hauptstadt gereist, um mit dem »lieben Führer« Kim Jong-il direkte Gespräche zu führen. Dann, geradezu aus dem Nichts, wartete der mit einer besonderen Überraschung auf, um Albright die »Kultur und Kunst« seines Landes näher zu bringen. Wenige Stunden später marschierten beide Seite an Seite ins May-Day-Stadion ein. Frenetischer Stakkato-Applaus setzte ein, bestimmt 100.000 Tänzer, Akrobaten und fahnenschwenkende Kinder gerieten in Ekstase. Die dann folgende Zeremonie glich einer »olympischen Eröffnungsveranstaltung auf Steroiden«, so erinnert sich »Madam Secretary« in ihren Memoiren an die Show über die »ewig siegreiche Arbeiterpartei Koreas«:

»Es begann mit einem riesigen Bild mit dem Hammer für die Arbeiter, dem Pinsel für die Intellektuellen und der Sichel für die Bauern. Dann tanzten auf einmal überall Kinder, Tänzer schlugen Räder, paillettenbesetzte Kostüme wirbelten umher, Menschen flogen auf kleinen Raketen durch die Luft. Da waren Kinder als Blumen verkleidet, Soldaten, die ihre Bajonette emporhielten, da waren Feuerwerke und Leute, die von Kanonen in Netze geschossen wurden. Da war eine menschliche Kartenwand, in der zehntausende Plakate schnell und genau aufblitzten und detaillierte Bilder und illustrierte Slogans zeigten, all dies untermalt von donnernden patriotischen Gesängen.«[1]

Albright war gewiss nicht die einzige westliche Augenzeugin, die überwältigende Eindrücke von der Megalomanie nordkoreanischer Massentanzfestivals mit nach Hause nahm. […]

Anmerkungen:

[1] Madeleine Albright, Madam Secretary: A Memoire, London u. a. 2003, S. 464.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2012| © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2012