Die Weltwirtschaftskrise, die im September 2008 ausbrach, war der Offenbarungseid. Nachdem die Rettung bankrotter Geldhäuser und die größten Konjunkturprogramme der Geschichte die Bankenkrise in den fragilen Zustand der Latenz zurückversetzt hatten, mussten sich die Staaten die Steuergelder, die sie bei der Bankenrettung verbraucht hatten, von denselben Banken leihen.[1] Das Resultat war der strange non-death of neoliberalism: die Rückkehr zu Austerität, Deregulierung und Steuersenkung, mal im Zeichen des globalen Freihandels, mal im Zeichen des nationalen Protektionismus, dessen sich schon Ronald Reagan ausgiebig bedient hatte, bevor er zum Propheten des globalen Freihandels wurde.

Die Zinserträge, die ihr Krise und Zusammenbruch versüßten, steckte die Finanzwirtschaft, die längst die Realwirtschaft durchdrungen und umstrukturiert hatte, gleich wieder in hoch spekulative Finanzprodukte, während Kindergärten und Schulen leer ausgingen und die säkulare Stagnation den sozialen Abstieg breiter Bevölkerungsschichten besiegelte.[2] In Europa kam es zu einer Kumulation multipler Krisen. Diese sind weder nationale noch globale, sondern europäische Krisen. […]

Anmerkungen:

[1] Vgl. Claus Offe, Europa in der Falle, Berlin 2016; Craig Calhoun, What Threatens Capitalism Now?, in: Immanuel Wallerstein u. a. (Hg.), Does Capitalism Have a Future?, Oxford 2013, S. 132–161, hier S. 141 ff.

[2] Siehe Oliver Nachtwey, Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne, Berlin 2016. Zur Wiederkehr der Ungleichheit: Richard Wilkinson u. Kate Pickett, The Spirit Level. Why Greater Equality Makes Societies Stronger, New York 2010; Silke van Dyk, »Die soziale Frage in der (Post-)Wachstumsökonomie«, Vortrag, Europa-Universität Flensburg, 07.02.2017 (Power-Point).

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2017 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017