Zum Gründungsmythos des Liberalismus gehört, dass der Markt eine »moralfreie Zone« sein soll, in der moralische Normen und Motive überflüssig oder sogar schädlich sind, weil eine »unsichtbare Hand« dafür sorgt, dass aus eigeninteressiertem Handeln ein Ergebnis im allgemeinen Interesse zustande kommt. In diesem Zusammenhang darf dann das berühmte Zitat von Adam Smith nicht fehlen, wonach wir nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers abhängen, um das von ihnen zu erhalten, was wir benötigen.

Nun hat aber bereits Smith betont, dass ein Markt zwar allein auf Basis des Eigeninteresses funktionieren mag, dass allerdings eine moralische Motivation der Marktteilnehmer die wirtschaftlichen Aktivitäten auf einem Markt durchaus unterstützt: Auch wenn wir auf den Altruismus des Bäckers nicht angewiesen sind, sollte uns dessen Moral deshalb nicht gleichgültig sein. Und Smith hat darüber hinaus angenommen, dass der Markt ein moralisches Handeln sogar fördern kann und in dieser Hinsicht bspw. einer aristokratischen Gesellschaft überlegen ist – ich werde darauf zurückkommen. Damit gehört auch Adam Smith zu der von Alfred Hirschman rekonstruierten ideengeschichtlichen Tradition der »Schottischen Aufklärung«, die in einem Markt nicht nur eine Maschinerie zur Steigerung wirtschaftlicher Effizienz, sondern in dem Doux Commerce des friedlichen Handels auch eine moralische Institution gesehen hat, die zur Temperierung gefährlicher Leidenschaften und Triebe beiträgt.[1]

Was ist von dieser weitgehend vergessenen Sichtweise heute zu halten? Kann und sollte ein moderner, »aufgeklärter« Liberalismus an diese Tradition wieder anknüpfen? Dafür möchte ich im Folgenden plädieren.[2] […]

Anmerkungen:

[1] Vgl. Albert O. Hirschman, Leidenschaften und Interessen. Politische Begründungen des Kapitalismus vor seinem Sieg, Frankfurt a. M. 1987.

[2] Vgl. Michael Baurmann, Lokale und globale Verantwortung von Unternehmen. Drei Thesen zum Verhältnis von Markt und Moral, in: Ludger Heidbrink u. Alfred Hirsch (Hg.), Verantwortung als marktwirtschaftliches Prinzip. Zum Verhältnis von Moral und Ökonomie, Frankfurt a. M. 2008, S. 117–144.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016