Das Internet wird zunehmend bedeutender für die Wissenschaft. Besonders junge Wissenschaftler haben hier die Möglichkeit, Texte zu publizieren, zu diskutieren und sich mit anderen zu vernetzen. Zugleich hat sich in den letzten Jahren die Internet-Euphorie merklich abgekühlt, und seit einiger Zeit werden vermehrt die mit den sozialen Medien verbundenen Risiken und Probleme siskutiert. Welche Gefahren (und Chancen) sehen Sie, gerade mit Blick auf den akademischen Nachwuchs?

Gefahren entstehen aus den unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit denen sich Kommunikationstechnologien und Statushierarchien im Wissenschaftsbetrieb ändern. Erstere wandeln sich derzeit rasant, letztere, wenn überhaupt, sehr träge. In vielen Fachgebieten sind mit dem Internet in kurzer Zeit neue Forschungs- und Publikationspraktiken entstanden. Gleichzeitig haben sich die herkömmlichen Publikationsforen – Zeitschriften und Bücher – halten können; auch dann, wenn sich ihre Herausgeber und Verleger der Digitalisierung lange verweigert haben. In den Natur- und Biowissenschaften sind heute weitgehend die gleichen Zeitschriften federführend wie vor dreißig Jahren und in den Geistes- und Sozialwissenschaften die gleichen Buchverlage.

Ein Grund für die erstaunliche Beständigkeit liegt sicher darin, dass viele digitale Publikationsformen analoge Formate nicht ersetzt, sondern ergänzt haben: Blogs und Bücher schließen sich nicht gegenseitig aus. Ein weiterer Grund dürfte sein, dass digitales Publizieren noch immer stark mit Idealen von Gleichheit und Offenheit verbunden ist, und Autoren ungleich leichter in neue digitale Foren hineinkommen als in die sogenannten A-Journals, d. h. die renommierten Fachzeitschriften. Junge Forscher können ihre Ergebnisse in den digitalen Foren rascher veröffentlichen und besser zugänglich machen; aber sie können sich weniger gut auszeichnen. Damit sind wir bei den Statushierarchien: Wenn ein Publikationsorgan in der Fachgemeinschaft einmal hohes Ansehen erworben hat, dann ist es fast ein Selbstläufer. Mehr Autoren wollen in ihm veröffentlichen, die Eintrittshürde wird höher, das Peer-Review strenger, das Prestige einer Publikation größer. Dieser strukturkonservierende Effekt ist besonders in jenen Disziplinen ausgeprägt, die bei den Publikationen auf quantitative Leistungsindikatoren setzen. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016