»Es liegt nicht viel Befriedigendes darin, wenn man sich die Welt so denkt, dass für die freie Tätigkeit der Natur nichts übrig bliebe, dass jeder Streifen Landes […] in Kultur genommen sei. […] Wenn die Erde jenen großen Bestandteil ihrer Lieblichkeit verlieren müsste, den sie jetzt Dingen verdankt, welche die unbegrenzte Vermehrung des Vermögens und der Bevölkerung ihr entziehen würde, […] so hoffte ich von ganzem Herzen im Interesse der Nachwelt, dass man schon viel früher, als die Notwendigkeit dazu treibt, mit einem stationären Zustande (der Wirtschaft) sich zufrieden geben wird.«

Dieses Zitat stammt nicht von Novalis (1772–1801), dem bedeutenden Vertreter der deutschen Frühromantik und des Strebens nach Harmonie zwischen Mensch und Natur. Es stammt auch nicht von Henry David Thoreau (1817–1862), dem Propheten des »Rückzugs in die Wälder« und »zivilen Ungehorsams« aus Concord, Massachusetts, der später zum Helden der Hippie-Bewegung avancierte. Es stammt von John Stuart Mill (1806–1873), dem vielleicht einflussreichsten liberalen Denker und Ökonomen des 19. Jahrhunderts, genauer: aus seinen 1852 erschienenen »Grundsätzen der Politischen Ökonomie«[1].

Seziert man dieses (freilich relativ verbindungslos neben Mills sonstigem Werk stehende) Zitat, so enthält es fast alle Ingredienzen der heutigen Ökologie- und Nachhaltigkeitsdiskussion: von der Wachstumskritik und dem Plädoyer für eine stationäre Ökonomie über die Wahrung der Naturschönheit und die Kritik der Ressourcenübernutzung bis zur Verantwortung für zukünftige Menschheitsgenerationen. Und unweigerlich fragt man sich, warum bis in die Gegenwart hinein lediglich zaghaft versucht worden ist, liberales und nachhaltiges Denken zu integrieren. Dieser Frage soll im Folgenden am Beispiel des Umgangs der deutschen Grünen mit liberalen und libertären Ideen nachgegangen werden. […]

Anmerkungen:

[1] Siehe John Stuart Mill, Grundsätze der politischen Ökonomie nebst einigen Anwendungen auf die Gesellschaftswissenschaft, Bd. 2, Hamburg 1852, S. 228.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016