»Nur nach langem Zögern habe ich meine Scheu, Ihnen zu schreiben, überwinden können. Hätte ich auch nur einen einzigen Ausweg gesehen, ich hätte diesen eingeschlagen. Da ich alle Auswege versucht habe, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich an Sie zu wenden, auch wenn ich wohl verstehe, dass meine persönlichen Sorgen neben den Ihren, die die ganze Nation betreffen, ganz und gar nichtig sind.«[1][2] Mit diesen Worten beginnt Joachim Lichtbeelt, der Protagonist in Harry Mulischs Erzählung »Die Grenze«, sein Schreiben an die niederländische Königin, in dem er das Schicksal seiner Frau nach einem schweren Autounfall an einer Fernstraße schildert. Aus dem Wagen geschleudert, kommt die Ehefrau unter einer Hochspannungsleitung zu liegen, die just die Grenze zwischen zwei Verwaltungsbezirken markiert. Aus diesem Grund weisen die Rettungsdienste beider Bezirke die Zuständigkeit ab. Der nach acht Tagen eintreffende zuständige Ingenieur des staatlichen Kartografenamts stellt dies fest und erläutert: »Die Schwierigkeit liegt nur darin, dass die Karte den größten Maßstab hat, der in der niederländischen Kartographie geläufig ist. Das aber bedeutet zum Unglück, dass die Grenzlinie, wie sie hier eingezeichnet ist, die gleiche Breite hat wie der Abstand zwischen den äußeren Drähten der Hochspannungsleitung über uns. Das Gebiet zwischen den Drähten, auf dem Ihre Frau liegt, existiert somit in einem gewissen Sinne nicht, zumindest nicht in kartographischer Hinsicht. Es ist die Grenze selbst, es trennt Utrecht von Gelderland, aber es ist selber nicht so etwas wie das, was es trennt, es ist lediglich das Trennende.«[3]

Anmerkungen:

[1] Ich danke Claudia Czingon und Henning Meinken, die frühere Fassungen dieses Textes mit mir diskutiert haben, sowie Thorsten Thiel für seinen guten Rat.

[2] Harry Mulisch, Die Grenze, in: Ders., Vorfall. Fünf Erzählungen, Reinbek bei Hamburg 1996, S. 5–28, hier S. 5.

[3] Ebd., S. 21 f.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2015 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2015