Und Toooooooooor! Schießt ein Fußballer ein Tor, kann er seine Freude auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck bringen: Er kann zum Beispiel die Arme hochreißen, einen Luftsprung machen oder einen Teamkollegen um­armen. Der französische Profifußballer Nicolas Anelka wählte am 28. De­zember 2013 eine andere Möglichkeit. Bei einem Ligaspiel seines englischen Vereins West Bromwich Albion feierte er seinen Ausgleichstreffer mit einer Quenelle: Er streckte seinen rechten Arm dem Körper entlang in Richtung Boden; die linke Hand kreuzte den Oberkörper, wobei alle fünf Finger flach auf den Arm gelegt wurden. Einfacher ausgedrückt: Anelka reagierte auf sein Tor mit einem umgedrehten Nazigruß.

In Frankreich löste diese Geste einen Sturm der Entrüstung aus. Die da­malige Sportministerin Valérie Fourneyron sprach noch am gleichen Tag auf Twitter von einer „schockierenden, ekelerregenden Provokation“[1]. Auf einem Fußballplatz hätten Antisemitismus und Anstiftung zum Hass nichts zu su­chen, so die Ministerin weiter. Anelka hingegen betonte, dass er „weder Ras­sist noch Antisemit“[2] sei. Der Quenelle-Gruß „war lediglich eine besondere Widmung für meinen Freund, den Humoristen Dieudonné“[3]. Der englische Fußballverband FA sah das anders: Er hielt die Quenelle für antisemitisch und sperrte Anelka Ende Februar 2014 für fünf Spiele. Außerdem wurde der Franzose zu einer Geldstrafe von 80.000 £ (etwa 97.300 €) verurteilt und zum Besuch eines Aufklärungskurses verpflichtet.[4]

Um seinen „Bruder“[5] Anelka zu verteidigen und sich mit ihm zu solidari­sieren, wollte Dieudonné, der Schöpfer der Quenelle, nach England reisen. Da­raus wurde jedoch nichts, denn das britische Innenministerium verweigerte ihm die Einreise. Einreiseverbote gegen Individuen würden verhängt, wenn es Bedenken hinsichtlich der öffentlichen Ordnung oder der öffentlichen Si­cherheit gebe, hieß es zur Begründung. Dieudonné steht damit unter ande­rem in einer Reihe mit den russischen Skinheads und Serienmördern Pavel Skachevsky und Artur Ryno, die ebenfalls nicht nach Großbritannien kom­men dürfen. Auf den Beschluss des britischen Innenministeriums reagierte Dieudonné übrigens auf seine Weise: Bei seinem Auftritt im schweizerischen Nyon machte er eine Quenelle gegenüber „all diesen Leuten, die Dieudonné angreifen“, eingeschlossen „die Königin von England“.[6]

Von der Pariser Vorstadt auf die großen Bühnen der Republik

Einreiseverbot für Dieudonné – dass es einmal so weit kommt, wäre noch vor einigen Jahren niemandem im Traum eingefallen. Um die Jahrtausendwende zählte Dieudonné – zu Deutsch übrigens „der Gottgegebene“, für seine Fans „Dieudo“ – jenseits des Rheins noch zu den besten Komikern des Landes. Er füllte die größten Hallen, erhielt Auszeichnungen, trat auch als Schauspieler auf, darunter 2002 in „Asterix & Obelix: Mission Kleopatra“. Zuvor hatte Dieudonné das hingelegt, was man wohl als Blitzkarriere bezeichnen kann.

Dabei sah es anfangs nicht danach aus, dass Dieudonné eines Tages zu den größten Komikern Frankreichs gehören würde. Dieudonné M’bala M’bala, der stets nur unter seinem Vornamen auftritt, wurde 1966 in einer Kleinstadt bei Paris geboren und wuchs in einem kleinbürgerlich-intellektuellen Milieu auf. Seine Mutter stammte aus der Bretagne und studierte damals Soziologie; sein Vater, ein gebürtiger Kameruner, arbeitete als Buchhalter. Nachdem sich Dieudonnés Eltern relativ bald nach seiner Geburt getrennt hatten, kehrte sein Vater nach Kamerun zurück und gründete dort eine neue Familie. Mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder zog Dieudonné, der katholisch ge­tauft ist, mehrfach im Großraum Paris um, wobei die Familie nicht in Hoch­haus-, sondern in Bungalowsiedlungen lebte. Sonntags stand regelmäßig ein Kirchenbesuch auf dem Programm.

Doch so behütet, wie es sich anhört, waren seine Kindheit und Jugend nicht, denn auch mit der „sehr harten“[7] Welt der Problemviertel kam Dieu­donné in Berührung. Später, als Erwachsener, erzählte er zudem gern von rassistischen Beleidigungen, deren Opfer er in der Metro geworden sei. Sein langjähriger Freund Élie Semoun kann das nicht glauben: „Dieudo? Er war einen Kopf größer als die anderen und besaß den braunen Judogürtel. Nie­mand wäre auf die Idee gekommen, ihn zu provozieren …“[8] In der Tat: Be­reits mit fünf Jahren begann Dieudonné mit Judo, einer Kampfsportart, dieihm zu einer athletischen Figur und viel Selbstbewusstsein verhalf. Dass das mit den rassistischen Beleidigungen so nicht stimmt, gestand er denn auch selbst ein: „Ja, es ist wahr. Ich habe da vielleicht ein bisschen übertrieben.“[9]

Dieudonné langweilte sich in der Schule, machte aber trotzdem sein Abi­tur. Anschließend versuchte er sich im kaufmännischen Bereich – unter an­derem verkaufte er Kopiergeräte und Autos. Parallel dazu trat er ab 1990 mit Élie Semoun, den er in der Abschlussklasse des Gymnasiums kennen­gelernt hatte, bei Partys von Freunden auf. Die beiden amüsierten die Gäste mit so großem Erfolg, dass sie sich entschieden, mehr aus ihren Fähigkei­ten zu machen und das Rampenlicht zu suchen. So kam es, dass Dieudonné und Semoun mit ihren Sketchen unter anderem in dem legendären Pariser Cafétheater „Café de la Gare“ auftraten. Dann ging alles ganz schnell: Dank mehrerer Fernsehauftritte im Jahr 1992 erlangten die beiden Komiker rasch Berühmtheit und wurden „ein Stern am Himmel der Unterhaltung“[10]. Dem Publikum gefiel es, wie dieses ungleiche Paar – Dieudonné ist groß, dun­kelhäutig und katholisch getauft, Semoun klein, weiß und jüdisch – mit der eigenen Gegensätzlichkeit spielte und dabei immer wieder den Kanon des politisch Korrekten brach.

Doch die Trennung des populären Duos erfolgte bereits 1997, unter an­derem aufgrund finanzieller Streitigkeiten. Dieudonné trat von nun an allein auf – noch im gleichen Jahr inszenierte er das Stück „Dieudonné – Ganz al­lein“. Mittlerweile kann er auf 15 verschiedene One-Man-Shows zurückbli­cken, denn fast jedes Jahr erklomm er mit einem neuen Programm die Büh­nen unseres Nachbarlandes.

Die Guten und die Bösen

An seine gemeinsamen Erfolge mit Élie Semoun konnte Dieudonné anknüp­fen. Doch weil er bald eine ungeahnte Radikalisierung vollzog, wurde Dieu­donné vom allseits gefeierten Star zu einem äußerst umstrittenen Künstler, ja Politaktivisten. Hatte er zunächst der antirassistischen, ökologischen Linken angehört, so näherte er sich seit 2004/2005 der extremen Rechten an, was sich mehr und mehr auch auf der Bühne zeigte. Ein Massenpublikum, wie noch in den 1990er Jahren, erreicht Dieudonné heute so zwar nicht mehr, aber noch immer füllt er große Hallen bis auf den letzten Platz.

Seine Ideologie setzt sich seit einigen Jahren aus drei Hauptkomponenten zusammen. Zunächst einmal ist seine Judenfeindlichkeit zu nennen. Dieu­donné ist überzeugt, dass die Juden weltweit die Fäden zögen und für alles Übel in der Welt verantwortlich seien. Die Krankheit Aids beispielsweise hält er für eine Erfindung Israels, „um das schwarze Volk Afrikas auszulöschen“[11]. Überhaupt: Die Schwarzen seien seit jeher von den Juden unterdrückt und ausgebeutet worden. Dass sich die Medien mit der Zeit mehr und mehr von ihm distanziert haben – das französische Fernsehen boykottiert ihn mittler­weile –, erklärt Dieudonné ebenfalls mit der Macht der „zionistischen Lobby“, die ihm gegenüber ein Projekt der „Endlösung“ ausgeheckt habe.[12]

Eng zusammen mit diesem ersten Punkt hängt das zweite wesentliche Merkmal von Dieudonnés Weltsicht: Er beklagt seit Jahren, dass die Kolonisa­tion und der Sklavenhandel nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie die Shoah erführen, deren Aufarbeitung und Gedenken schon mehrere Jahrzehnte die französische Kultur prägen würden. In diesem Sinne sagte Dieudonné im November 2004: „Wir befinden uns in einer Zeit, wo die Völker Wiedergut­machung verlangen. Die Länder, die mit den Nazis zusammengearbeitet ha­ben, werden stark von den Kindern der jüdischen Opfer unter Druck gesetzt. Sie müssen Entschädigungen zahlen. Unser Volk hat auch das Recht auf eine solche Beachtung.“[13] Dieudonné versteht sich also als Vertreter von Minder­heiten, deren Erinnerungskultur angeblich verdrängt werde. Diese Haltung geht mit einer heftigen Kritik an dem Stellenwert einher, den Frankreich der Erinnerung an die Vernichtung der europäischen Juden durch die National­sozialisten einräumt. Im Februar 2005 beispielsweise, kurz nachdem der 60. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager begangen worden war, bezeichnete Dieudonné das Gedenken an die Shoah als „Pornografie der Er­innerung“[14]. Anderthalb Monate später brachte er seine Überzeugung, dass die Juden – auf Kosten der Schwarzen – über das Monopol des historischen Leids verfügten, noch einmal auf drastische Weise zum Ausdruck: „In dem Schulbuch meiner Kinder habe ich die Seiten über die Shoah herausgerissen. Ich werde es solange machen, bis unser Schmerz endlich anerkannt ist.“[15]

Doch Ungerechtigkeiten sieht Dieudonné in Frankreich nicht nur im Hin­blick auf die Erinnerungskultur. Er ist vielmehr überzeugt – und dies ist die dritte zentrale Komponente seiner Ideologie –, dass Menschen mit Migrations­hintergrund im Land des republikanischen Universalismus noch immer min­derwertig behandelt würden. Die Araber und Muslime, die in Frankreich le­ben, hält er beispielsweise für „Opfer von Diskriminierungen“. Sie würden „als Bürger zweiter Klasse angesehen“. Bei den Schwarzen, so Dieudonné, sei es noch schlimmer: Sie hätten keine Rechte und würden „als Affen betrachtet“.[16]

Seine Gesinnung zieht insbesondere zweierlei nach sich: Zum einen gibt sich Dieudonné als Kämpfer gegen soziale Ungerechtigkeiten, zunächst und vor allem gegen die Ungerechtigkeiten, die Schwarze und Araber, aber ebenso die „kleinen Leute“ erfahren, wie auch immer deren Hautfarbe ist. Dies er­klärt auch den Erfolg, den er bei (jungen) Bewohnern der Banlieues hat. Zum anderen nimmt Dieudonné eine extrem kritische Haltung gegenüber dem „System“ ein, das heißt gegenüber den Eliten in der Politik, in der Wirtschaft und in den Medien.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2014 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2014