1968 – und 50 Jahre später Eine deutsch-deutsche Bestandsaufnahme[1]

Von Eckhard Jesse

»Wenn sich die Kanzlerin zum ›Feminismus‹ bekennt und der Bundespräsident von der ›unfassbaren Schuld‹ spricht, die ›wir Deutsche‹ auf uns geladen haben; wenn wir 1945 von den Amerikanern ›befreit‹ wurden, aber die Yankees seither nur imperialistische Kriege führen; wenn Art. 1 GG als Monstranz der Zivilreligion dient und Gleichheit als unumstößlicher Glaubenssatz; wenn man die Kaserne nach dem letzten Wehrmachtsstahlhelm durchsucht und das Eiserne Kreuz in Regenbogenfarben leuchtet; wenn Habermas als bedeutendster Philosoph der Gegenwart gilt und Enzensberger als bedeutendster Dichter; wenn der Zusammenhang zwischen höherer Bildung und nationalem Selbsthass evident ist; wenn der Kommunismus ›an sich‹ eine gute Idee war und die Errungenschaften der DDR immer noch verteidigt werden; wenn in einem bürgerlichen Organ Rassismus beim Zweifel am dauerhaft friedlichen Zusammenleben verschiedener Ethnien beginnt und der Zentralrat der Muslime definiert, was ›Leitkultur‹ ist; wenn der Großkonzern findet, dass seine Mitarbeiter nicht ›bunt‹ genug sind, und man die Menschen, die schon länger hier leben, ungestraft als ›Köterrasse‹ beschimpft; […] wenn ›Angstfreiheit‹ als Fetisch des Erziehungswesens aufgestellt wird, und das gleich neben ›Gewaltlosigkeit‹ und ›positiver Verstärkung‹; wenn nie zuvor so große Harmonie zwischen den Wertvorstellungen von Kindern und Eltern bestand und aufs Maulen automatische Wunscherfüllung folgt – dann hat das alles mit ’68 zu tun.«2 So lauten die ersten plakativen Sätze des rechten, nicht rechtsextremistischen Publizisten Karlheinz Weißmann, keines 68ers. [...]

Anmerkungen

[1] Zur Erinnerung an Dieter Dumath, Reinhard Eißrich, Rüdiger Krainau, Roland Peter und Werner Wobbe aus dem ersten Jahrgang des Kollegs 1968.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 1-2018 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2018