Wahrscheinlich ist es das wichtigste Ereignis der katholischen Geschichte des 20. Jahrhunderts: das Zweite Vatikanische Konzil.[1] Nicht nur ist es das einzige Konzil des Jahrhunderts geblieben; vielmehr hat es die Entwicklungsrichtung des Katholizismus tiefgreifend beeinflusst und verändert – vergleichbar mit dem Reformations-Konzil von Trient (1545–1563). »L’esprit de Vatican II«, der Geist des Vaticanum II, ist natürlich sehr eng verknüpft mit dem, was während der drei Sitzungsjahre passiert ist. Aber dieser Geist ist recht schnell über das eigentliche Konzil hinausgewachsen und hat die Interpretation der gegensätzlich deutbaren konziliaren Kompromisse geprägt. Eng damit verbunden sind Terraingewinne einer Auslegungspraxis des katholischen Glaubens, die als Linkskatholizismus bezeichnet worden ist und sich auch selbst so bezeichnet hat.

Der Linkskatholizismus vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil

Die Ursprünge des Linkskatholizismus liegen im Belgien der Zwischenkriegszeit. Hier, in Laken, einem halb-industriellen Vorort im Norden von Brüssel, entwickelte Mitte der 1920er Jahre der Gründer der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ), der Priester Joseph Cardijn, seine Ideen einer an der Arbeiterjugend orientierten Mission. Dabei war anfänglich durchaus nicht absehbar, dass diese einen dynamischen Prozess der Linkswendung begründen würde. Die Schlüsselformel der CAJ – »zwischen ihnen, durch sie, für sie« – war zunächst und oberflächlich betrachtet politisch neutral. Doch schon wenige Jahre später, unter den krisenhaften politischen und sozialen Bedingungen der 1930er Jahre, entwickelten sich einige Sektionen der CAJ zu einer Art linkskatholischem Flügel. Diese Entwicklung verstärkte und konsolidierte sich während des Zweiten Weltkrieges, in der Zeit der Besatzung, der Kollaboration und des Widerstandes. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.&1nbsp;-2017 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017