»Glauben Sie, daß Sie es aushalten, daß Jahr um Jahr Mittelmäßigkeit nach Mittelmäßigkeit über Sie hinaussteigt, ohne innerlich zu verbittern und zu verderben?«[1][2] Bereits 1917 leitete Max Weber mit dieser provokativ formulierten Frage sein Resümee über die Rahmenbedingungen wissenschaftlicher Tätigkeit an deutschen Hochschulen ein. Er stellte diese Frage im Rahmen seines Vortrags »Wissenschaft als Beruf« vor Münchener Studentinnen und gab die Antwort anschließend selbst: Er selbst kenne nur wenige, welche die Widrigkeiten wissenschaftlicher Laufbahnen unbeschadet überstünden. Die von Weber etwas zynisch beschriebene Mittelmäßigkeit derjenigen, die in der Wissenschaft aufsteigen, resultiere hauptsächlich aus dem Zufall (»Hasard«) bei der Bewertung von Gelehrten im Sinne des Humboldt’schen Ideals und bei der Praxis von Stellenbesetzungen. Letztere sei einer gewissen Willkür unterworfen und orientiere sich nicht ausschließlich an der wissenschaftlichen Qualifikation der Bewerberinnen. Wer dennoch Wissenschaft als Beruf ausüben wolle, der gehe daher das Risiko ein, trotz aller Begabung und allen Willens kein gesichertes Beschäftigungsverhältnis zu erlangen.

Mit Blick auf die auch heute bestehende Unabsehbarkeit und Zufälligkeit akademischer Karrierewege hat diese Frage nichts an Aktualität eingebüßt. Entsprechend der Postulate der modernen Wissensgesellschaft strebt ein zunehmender Teil der Jahrgänge an die Hochschulen. Diesen steigenden Studierendenzahlen steht im Vergleich zur Situation etwa vor zehn Jahren zwar auch eine absolut wachsende Anzahl an Mitarbeiterinnen in Forschung, Lehre und Verwaltung gegenüber. Jedoch ist der Anstieg beim wissenschaftlichen und künstlerischen Hochschulpersonal unterproportional. […]

Anmerkungen:

[1] Wir bedanken uns herzlich bei der Arbeitsgruppe um Matthias Rosendahl sowie bei den zahlreichen anonymen Zitatgeberinnen für die Erhebung, Auswertung und Bereitstellung zugehöriger Daten. Für ihre Unterstützung bei der Erstellung dieses Artikels danken wir weiterhin Dr. Michael Dobstadt, Dorothea Riese, Daniel Siegmund und Dr. Alexander Yendell vielmals. Zur verbesserten Lesbarkeit bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Genderperspektive verwenden wir in diesem Beitrag das generische Femininum.

[2] Max Weber, Wissenschaft als Beruf, Stuttgart 2010, S. 11.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 1-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016