Der Kaffeehausintellektuelle kommt in Wien nicht mehr vor, und wenn doch, dann nurmehr als Insultierung. Der Begriff selbst ist heute vollends in der Hand von Dummköpfen, für die er ein wohlfeiles Instrument ist, ihre antiintellektuellen Ressentiments aufzuhübschen. Für diese ist schnell jeder, der zwei, drei zusammenhängende Gedanken zu fassen in der Lage ist, ein Kaffeehausintellektueller, was in diesem Fall ja nicht nur einen gescheiten Menschen meint, der im Kaffeehaus sitzt, sondern einen, der sich irgendwelche realitätsfernen Gedanken macht, aber nie zu irgendeiner Praxis kommt, weil er ja so gemütlich im Kaffeehaus sitzt, wo er elegant einen Aphorismus an den anderen reiht, wo er möglicherweise auch messerscharfe Kritik an den bestehenden Verhältnissen übt, und dann wieder versäumt, die kritikwürdigen Verhältnisse zu verändern, denn – siehe da! – schon wieder ist es spät geworden, die Sperrstunde ist da und etwaige Vorsätze müssen auf morgen verschoben werden.

Dieses Ressentiment gegen den Intellektuellen als bloß schwadronierenden Kaffeehausintellektuellen ist wohl so alt wie der Begriff selbst […]

Seite ausdrucken Download als pdf

Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 0-2011 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2011