Editorial Heft 2-3-2025

Von Simon Braun  /  Katharina Rahlf

»Der Osten« ist weit mehr als bloß eine Himmelsrichtung. vielschichtigen und oft schillernden Begriff verbinden sich ganz unterschiedliche Vorstellungen, Räume, Bilder und Stereotype. Zwischen Faszination und Fremdheit, Nähe und Distanz, Bewunderung und Abgrenzung spannt sich ein weiter Deutungsraum auf, in dem Geografie, Geschichte und Identität ineinandergreifen.

Historisch wurde »der Osten« oft als Gegenpol zum Westen konstruiert, etwa in der jahrhundertealten Gegenüberstellung von Orient und Okzident. Indes war er nie nur ein Abgrenzungsraum – stets gab es auch Austausch, Überschneidungen, wechselseitige Beeinflussungen. Nach 1945 wurden »Ost« und »West« dann zu regelrechten Chiffren einer Selbst- oder Fremdpositionierung in einem Jahrzehnte währenden Systemkonflikt. Mit dem Ende des Kalten Krieges schien die Ost-West-Unterscheidung an (geopolitischer) Bedeutung verloren zu haben und von einer neuen gedanklichen Trennlinie zwischen globalem Norden und Süden abgelöst worden zu sein – um jüngst, spätestens mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, wieder an Relevanz zu gewinnen.

Die Frage, wo »der Osten« in seinen unterschiedlichen Variationen (man denke an den Nahen, den Fernen Osten oder an den vor allem im Englischen geläufigen Middle East) beginnt und wo er endet, war nie eindeutig zu beantworten. Sie hängt vom jeweiligen historischen Moment und nicht zuletzt vom eigenen Standpunkt ab. Rein geografisch reicht der Osten – von Mitteleuropa aus betrachtet jedenfalls und damit natürlich erneut aus einer recht engen Perspektive – von Krakau über Tiflis und Islamabad bis Peking, von Moldau über Jordanien und Kasachstan bis Japan. Aus spezifisch (west)deutscher Perspektive verbindet sich mit dem Begriff allerdings auch ein regionalspezifischer Blick auf die DDR und in deren Nachfolge die fünf ostdeutschen Bundesländer – wobei Fragen von Identität, Transformation und Erinnerung im Mittelpunkt stehen.

Die vorliegende INDES-Ausgabe beleuchtet die zahlreichen Facetten »des Ostens«. Sie führt uns von der ideengeschichtlichen Konstruktion des »Fernen Ostens« bis zu gegenwärtigen Migrationsbewegungen, von Sibirien und Zentralasien bis zum Baltikum. Sie fragt nach der Bedeutung des Ostens für die Genese des »Westens« und nach den Narrativen, mit denen sich Deutsche in Vergangenheit und Gegenwart ein Bild vom Osten machen. Sie widmet sich den ostdeutschen Erfahrungen zwischen Dialekt, Erinnerungspolitik und politischer Instrumentalisierung – und sie zeigt, wie sehr Debatten über »den Osten« auch immer Kämpfe um Deutungshoheit sind.

So offenbart sich »der Osten« als ein Raum, der nicht einfach vorhanden ist, sondern immer wieder neu entsteht: im Erzählen, im Erinnern, im politischen Handeln. Ihn zu verstehen, heißt deshalb auch, sich der eigenen Perspektive bewusst zu werden. Denn vielleicht sagt der Blick auf »den Osten« und das, was darunter verstanden wird, am Ende mindestens ebenso viel über den:die Beobachter:in aus wie über den vermeintlich »anderen« Raum selbst.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.2-3-2025 | ©Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2025