Die Bedeutung des Ostens für die Genese des »Westens« Raumbegriffliche Grenzziehungen zwischen Russland und Europa im 19. Jahrhundert

Von Riccardo Bavaj

Wer die Begriffsgeschichte des Westens verstehen möchte, muss nach Osten blicken. Der sozio-politische Raumbegriff des Westens bildete sich im Europa des frühen 19. Jahrhunderts heraus, und dem Osten kam in diesem Prozess eine wichtige Bedeutung zu – in mehrfacher Hinsicht: als »asymmetrischem Gegenbegriff« (Reinhart Koselleck), als Diskursraum, in dem die politische Zukunft Russlands verhandelt wurde, und als Ideenspender für (west)europäische Raumimaginationen.[1]

Von Ost nach West

Der Transformationsprozess vom geografischen zum sozio-politischen Raumbegriff war, in Anlehnung an Kosellecks Modell der »Sattelzeit«, vor allem von drei Faktoren geprägt:

Abstrahierung: »Westen« und »westlich« wandelten sich zu Bezeichnungen für eine Staatengruppe und eine Zivilisation. Außenpolitischen Allianzen wurde eine Homogenität hinsichtlich des innenpolitischen Ordnungsmodells zugeschrieben, etwa im Sinne einer Frontstellung zwischen »liberalem Westen« und »autokratischem Osten«.

Temporalisierung: Der »Westen« wurde geschichtsphilosophisch unterfüttert und als Hort des Fortschritts verstanden, als Raum historischer Dynamik und Beschleunigung. Diese Raum-Zeitlichkeit kommt in Neologismen wie »Westernisierer« oder »Westernisierung« plastisch zum Ausdruck. Der »Westen« wurde zu einer Form der Zukunfts- und Weltaneignung; manchen wurde er zum Fluchtpunkt und Verheißungsbegriff. Diese Vorstellung gründete in einem Fortschrittsnarrativ, das sich seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete und die Entwicklung der Menschheitsgeschichte räumlich von »Ost« nach »West« zu immer größerer Vervollkommnung voranschreiten sah. Hegel formulierte dieses Narrativ aus; es findet sich in Karl Marx' Geschichtsphilosophie, und es begegnet in Leopold von Rankes Konzeptualisierung der Weltgeschichte. Zugleich wurden Vorstellungen des Orients auf den russischen »Osten« übertragen. Russische Westler wie Pëtr Čaadaev verorteten ihr Land unter Nikolaus I. »außerhalb der Zeit« (1829/36).[2]

Politisierung und gesteigerte »Ideologisierbarkeit«: Der »Westen« wandelte sich zur Chiffre für ein Cluster aus politischen Werten, kulturellen Lebensstilen und sozio-ökonomischen Strukturmerkmalen. Freiheit, Demokratie, Parlamentarismus, Rechtsstaat, kapitalistische Wirtschaftsweise, Weberianische Arbeitsethik etc. stehen dafür exemplarisch. Die Verortung dieses Clusters »im Westen« verankerte diese Werte und Normen geografisch. Die imaginären Grenzen, die dadurch gezogen wurden, waren je nach Standpunkt mal mehr, mal weniger durchlässig. Weit verbreitet, teils bis heute noch, war die Vorstellung von einem historischen Westen als dem Teil Europas, der vom lateinischen Christentum geprägt ist und dort endet, wo die Dominanz byzantinisch-orthodoxer Prägung beginnt – Russland also ausschließt. Ideologisch konturiert wurden die Grenzen des »Westens« oftmals durch eine polemische Stoßrichtung gegen Antonyme wie »östliche Barbarei«, »asiatische Produktionsweise« und »orientalische Despotie«.

Konjunktur hatte der »Westen« als sozio-politischer Raumbegriff immer dann, wenn innere oder äußere Bedrohungen als anti-»westlich« eingeordnet werden konnten. In der jüngeren Vergangenheit, seit der Jahrtausendwende, sind dies vor allem der militante Islamismus, die wirtschaftliche Herausforderung durch das diktatorische China sowie der russische Imperialismus. Dabei wird der »Westen« aus unterschiedlichen Blickwinkeln verteidigt, mal mit stärkerem Fokus auf den transatlantischen Beziehungen, mal bezogen auf vermeintliche kulturelle Verfallserscheinungen des »Westens« und mal in Bezug auf die Krise der liberalen, »westlichen Demokratie« – mit Blick auf Rechtspopulismus, Fake News und sogenannte illiberale Demokratien. Ihnen gemein ist das Kreisen um den Begriff eines »liberal-demokratischen Westens« als zentralem Stabilisierungsnarrativ und »Identitätsanker«: die Verteidigung der liberalen Demokratie als Kampf für und vor allem »um den Westen«.[3]

In der jüngsten Zeit haben in diesen Ideenkämpfen sowohl die Vereinigten Staaten als auch Russland besonders radikale Gegenentwürfe geliefert: Blickt man geografisch nach Westen, sieht man Trump mit seiner America First-Doktrin, einer eher ambivalenten Haltung zur NATO und einer deutlichen Gegnerschaft zur EU; bezeichnenderweise kommt der transatlantische »Westen« in Trumps aktivem Wortschatz kaum vor. Blickt man gen Osten, lässt Alexander Dugin antiwestliche Eurasianismus-Fantasien aus der Zwischenkriegszeit wiederaufleben, während das Putin-Regime den sogenannten »kollektiven Westen« geißelt. Für Verunsicherung sorgten im Gefolge der US-Präsidentschaftswahl von 2016 auch die Verbindungen zwischen der russischen Regierung und dem Wahlkampfteam von Donald Trump – eingehend untersucht von Sonderermittler Robert Mueller und eindringlich beschrieben von Timothy Snyder in seiner düsteren Gegenwartsdiagnose The Road to Unfreedom. Darin wird ein russischer Politiker mit den Worten zitiert, er habe sich von Trump erhofft, die »westliche Lokomotive zum Entgleisen« zu bringen. Dieses Zitat illustriert noch einmal die tiefe Verwurzelung des Begriffs des Westens in geschichtsphilosophischen Vorstellungen. Allerdings sieht Snyder statt des hegelianischen Weltgeists nun den Putinschen Ungeist von Ost nach West wandern.[4]

Raumimaginationen als Forschungsgegenstand

Raumimaginationen sind zunächst von Edward Said unter dem Begriff der »imaginative geographies« (1977/78) im Kontext des europäischen Kolonialismus und den damit einhergehenden Machtasymmetrien zum Analyseobjekt gemacht worden. Seit Ende der 1980er Jahre widmeten sich ihnen, mit wechselnder Begrifflichkeit, im Gefolge der »kulturellen Wende« vor allem anglo-amerikanische Geografen, bald aber auch, im Kielwasser der »räumlichen Wende«, Vertreter anderer Disziplinen – auch jenseits der Anglosphäre. Wesentliches Anliegen dieser Forschungsrichtung ist die Sichtbarmachung der historischen Bedingtheit, diskursiven Einbettung und politischen Funktionalität vermeintlich ahistorisch-neutraler Raumkategorien, oder, mit den Worten Derek Gregorys, eines der führenden Humangeografen: »the disclosure of [...] taken-for-granted geographical imaginaries and an examination of their (often unacknowledged) effects«.[5] Das Ende des Kalten Krieges, das für historisch-geografische Kontingenz und die geschichtliche Bedingtheit geopolitischer Konstellationen erneut sensibilisierte, erleichterte es zusätzlich, die über viele Jahrzehnte selbstverständlich gewordene Ost-West-Polarität zu historisieren.

Dabei trugen manche raumbegrifflichen Studien aus den 1990er Jahren – wie Larry Wolffs Inventing Eastern Europe (1994) – noch eher zur Stabilisierung als zur Dekonstruktion des Begriffs vom »Westen« bei.[6] Ähnliches hatte schon für Saids Orientalism (1978) gegolten. In der Regel folgte das Forschungsdesign der Frage, wie »der Westen« das vermeintlich fremde »Andere« geschaffen habe.[7] Das änderte sich allmählich, trotz schleppender Rezeption in historischen Fachkreisen, mit Christopher GoGwilts literaturwissenschaftlicher Studie The Invention of the West (1995). GoGwilt argumentiert darin, dass um die Jahrhundertwende, also zwischen 1880 und 1930, in bestimmten Diskussionszusammenhängen der anglophonen Welt der Begriff des Westens den Europabegriff verdrängt habe, und zwar durch einen Prozess, den er »double mapping« nennt, weil zum einen auf Europa, zum anderen auf das Empire gerichtet. Inspirationsquelle für diese These ist Joseph Conrad, der über europäischen Kolonialismus ebenso wie über russische Politik und Kultur schrieb. Der polnisch-britische Schriftsteller war der Überzeugung, dass »Europa« weder politisch noch kulturell eine klar konturierte Größe mehr darstellte. Auf der einen Seite gebe es das autokratische Russland, auf der anderen die westliche Zivilisation; die Trennlinie verlaufe mitten durch den europäischen Kontinent hindurch. Falls »westliches Denken« mal die Grenze zu Russland überquere, verkomme es zu einer »Parodie seiner selbst« (a noxious parody of itself).[8]

Dass in Westeuropa das Zarenreich als ein »Land der Abwesenheit« imaginiert wurde, und zwar der Abwesenheit dessen, was man als zivilisatorische Errungenschaften des »Westens« begriff, hat Ezequiel Adamovsky in seinem Buch über Russlandbilder im Frankreich des 19. Jahrhunderts gezeigt: Euro-Orientalism (2006) bietet eine produktive Weiterführung der Studien von Said und Wolff und beschreibt, wie Russland durch das Prisma diskursiver Traditionen, die sich auf Asien und den Orient bezogen, als defizitäre historische Einheit wahrgenommen wurde – als Kernland »Osteuropas« (während man in Russland allein den Orient als Osten verstand; kaum jemand verortete sich selbst »im Osten«). Wie in Großbritannien war also auch in Frankreich die Gegnerschaft zu Russland ein wichtiger Faktor in der Genese des »Westens«.[9] Und auch aus deutscher Perspektive, wie sich Florian Gassners literaturwissenschaftlicher Dissertation Germany versus Russia (2012) entnehmen lässt, begünstigte die Vorstellung von Russland als dem fremden Anderen Mitte des 19. Jahrhunderts die Herausbildung einer »westlichen Identität«.[10]

Der Westen im Osten – Der Osten im Westen

Die Beschäftigung mit dem Westen führt also schnell nach Osten, vor allem nach Russland. Dabei war es lange Zeit nicht üblich gewesen, Russland im Osten zu verorten. Es galt als »nordische« Macht. Erst allmählich trat in der post-napoleonischen Ära neben die klassische, noch bei Montesquieus »Klima-Theorie« anzutreffende Unterscheidung zwischen Nord- und Südeuropa zunehmend eine Trennung in West- und Osteuropa – eine Tendenz, die neben geopolitischen Faktoren auch von Entwicklungen in der slawischen und germanischen Philologie beeinflusst war.[11] Diese Verschiebung ist nicht nur, wie eingangs angedeutet, an Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (1822–1830) zu erkennen; auch Abbé de Pradts L'Europe et l'Amérique en 1821 (1822) lieferte erste Anzeichen für eine Neujustierung der geistigen Landkarte Europas, teilweise mit transatlantischem Brückenschlag zwischen »Westeuropa« und den Vereinigten Staaten von Amerika als demokratischem Zukunftsprojekt. Auch bietet – vor dem Hintergrund der französischen Julirevolution von 1830 – Philipp Jakob Siebenpfeiffers kurzlebige Zeitschrift Der Bote aus Westen (1831–1832) ein frühes Beispiel für eine beginnende Temporalisierung und Politisierung der Kategorien von »Ost« und »West«. Auf der Titelseite der ersten Ausgabe prangte das Motto: »Licht: – Freiheit; Ordnung«.[12]

Doch vor allem in Russland wurden Debatten über Zukunftsentwürfe und nationale Identität zunehmend im Horizont des »Westens« geführt. Im Gefolge der Zerschlagung des Dekabristenaufstands von 1825 klagte der oben schon erwähnte Pëtr Čaadaev, dass Russland unter der autoritären Zarenherrschaft von Nikolaus I. um »ein halbes Jahrhundert« zurückgeworfen werde. Čaadaev hatte als Offizier in den Napoleonischen Kriegen gedient und geißelte seine Landsleute, sich »jedem echten Fortschritt« entgegenzustellen – so nachzulesen in seinem später berühmt gewordenen Ersten Philosophischen Brief (1829). »Weder Ost noch West«, doch durch das Schisma von 1054 zu byzantinisch-orthodoxer Stagnation verdammt, verharre Russland in »engster Gegenwart« – »ohne Vergangenheit und ohne Zukunft«, fernab der großen Ideen der »westlichen Brüder« von »Gerechtigkeit, Recht und Ordnung«.[13]

Čaadaev bediente sich des Konzepts vom Westen, um das reformerische Erbe Peters des Großen, gemeinhin als »Europäisierung« verstanden, begrifflich neu zu fassen und eben jener Ambiguität des Europabegriffs zu entgehen, die, wie oben gesehen, Joseph Conrad Jahrzehnte später monieren sollte. Schließlich war Russland weitgehend als europäische Macht anerkannt – ein Status, der durch den Ausgang der Napoleonischen Kriege bestätigt worden war. Čaadaev aber ging es um Russlands gesellschaftliche »Westernisierung«.

Die Veröffentlichung von Čaadaevs Brief einige Jahre später (1836) provozierte als Gegenreaktion die Formierung eines politischen Lagers, das die Dorfkommune (obščina) und das vermeintlich russisch-orthodoxe Ideal einer harmonisch-geistigen Gemeinschaft (sobornost') zum Maßstab erhob und einer »westlichen« Lebensweise gegenüberstellte, die als künstlich, seelenlos und zersetzend verteufelt wurde. Dieses Lager, bald unter dem Namen der »Slawophilen« bekannt, schuf den Begriff der »Westernisierer« (zapadniki) als abwertenden Terminus, um die »ketzerischen« Positionen Čaadaevs ebenso zu diskreditieren wie die politischen Ansichten anderer Befürworter eines »westernisierten« Russlands zu verunglimpfen – etwa Vissarion Belinskijs, der ein glühender Verfechter der »Errungenschaften von Zivilisation, Aufklärung und Humanitarismus« war.[14]

Demgegenüber nahm Alexander Herzen eine Mittelposition ein: In den Augen der Slawophilen ein »Mann des Westens«, für manche Westernisierer dagegen ein »Mann des Ostens«, war er anfangs von den demokratischen Ideen aus Frankreich fasziniert, sah sich jedoch vom Scheitern der Revolutionen von 1848/49 enttäuscht und wandelte sich zum Verfechter eines am obščina-Ideal orientierten Sozialismus. Als Emigrant, der zunächst in Paris und später in London lebte, liefert Herzen ein instruktives Beispiel für einen kulturellen Mittler zwischen Russland und dem »Westen«.[15] Sein »russischer Sozialismus« unterschied sich jedenfalls deutlich von der Kritik an »westlichem« Vernunftglauben und Individualismus, wie sie von slawophilen Denkern lanciert wurde – insbesondere von Ivan Kireevskij und Aleksej Chomjakov.[16]

In den 1850er und 1860er Jahren wurde die slawophile Gegnerschaft zum »Westen« durch Panslawisten wie Nikolaj Danilevskij deutlich verschärft. Danilevskij propagierte einen aggressiven russischen Expansionismus und zog eine klare Trennlinie zwischen einer »germanisch-romanischen Welt«, die dem Untergang geweiht sei, und einem slawischen »geschichtlich-kulturellen Typus«, dem die Zukunft gehöre.[17] Eine solche dichotomische Zweiteilung bot einer möglichen Vermittlung zwischen verschiedenen Kulturen im Sinne einer hegelianischen Dialektik, die im russischen Geistesleben sonst viele Anhänger hatte, keinen Raum.

Die anti-westlichen Vorstellungen des Panslawismus, ob in unversöhnlicher Façon wie bei Danilevskij oder in etwas abgeschwächter Form wie bei Fëdor Dostoevskij, blieben »westlichen« Zeitgenossen nicht verborgen. So mokierte sich Friedrich Engels über die »Handvoll slawischer Dilettanten der Geschichtswissenschaft«, die es sich zum Ziel gesetzt hätten, den »zivilisierten Westen durch den barbarischen Osten« zu unterjochen.[18] Die vor allem bei progressiven Kräften Westeuropas vorherrschende kritische Haltung gegenüber Russland wurde sowohl durch den russischen Panslawismus als auch durch die Kritik russischer »Westernisierer« verstärkt. Oftmals manifestierte sich diese Haltung in Positionierungen zu zentralen (geo)politischen Konflikten, etwa zur »polnischen« oder »orientalischen Frage«. So bekannte sich zum Beispiel Jules Michelet in seiner geschichtlichen Abhandlung über den polnischen Freiheitskämpfer Tadeusz Kościuszko zu Pëtr Čaadaev.[19] Zeitweilig allerdings, durch Herzen inspiriert, stilisierte er Russland auch zum potenziellen »Mittler zwischen Europa und Asien«. Eine »östliche Revolution« könnte ein neues, wahres Russland erstehen lassen, das die »westliche Gesellschaft« im positiven Sinne überwinde.[20]

Im Allgemeinen aber wurde das Zarenreich, wie oben bemerkt, nach Saids Lesart »orientalisiert« und als »Land der Abwesenheit« wahrgenommen. Der von Čaadaev inspirierte Reisebericht La Russie en 1839 von Astolphe de Custine (1843/44) liefert dafür ebenso ein Beispiel wie eine Besprechung von David Urquharts Schrift England, France, Russia, and Turkey (1835) im Journal des Débats. Darin wurde Russland mit dem »liberalen Geist des Westens« kontrastiert und die Frontstellung gegenüber »englischem Handel und französischer Freiheit« herausgestrichen – ein früher Fingerzeig in Richtung einer stärker abstrahierenden, vielschichtigen Ideologisierung des Begriffs vom Westen.[21] Vor der Drohkulisse eines expansionistischen Russlands beschwor Louis de Juvigny in seinem Traktat De l'unité européenne (1846) die historische Einheit der »westlichen Zivilisation«, die er von der russischen durch einen »Abgrund« getrennt sah, »den Blutströme kaum zu füllen vermochten«.[22]

Dieses multizivilisatorische Weltbild fand wenig später im Kontext des Krimkriegs ein besonders starkes Echo. So zeichnete 1854, in Anlehnung an Leopold von Ranke, der Literaturwissenschaftler und Historiker Saint-René Taillandier in der Revue des Deux Mondes das Bild eines tief verwurzelten Antagonismus zwischen dem »alten orientalischen Geist« eines despotischen Russlands und den »germanischen und romanischen Völkern«, die – »liberal and christlich« – als »westliche Nationen Europas« seit Jahrhunderten das große Werk der »modernen«, »westlichen Zivilisation« vorantrieben.[23] In ähnlicher Weise sprach zehn Jahre später der Unternehmer und Politiker Charles Kolb-Bernard vor dem Corps législatif zum polnischen Januaraufstand von 1863/64. Wenn auch nicht von Erfolg gekrönt, feierte er den Aufstand als Kampf der Prinzipien von »westlicher Zivilisation«, »Freiheit« und »Privateigentum« gegen Russlands »despotische, theokratische und kommunistische Ideen des Orients«. Im Jahr darauf rekurrierte Hippolyte Carnot an gleicher Stelle ebenfalls auf eine solch klare Unterscheidung »zweier Zivilisationen«, wenngleich er durchaus die Möglichkeit einräumte, dass sich Russland, falls tiefgreifend reformiert, der »großen westlichen Familie« anschließen könnte.[24]

Räume, Kriege und Identitäten

Raumbegriffe, das haben Human- und Sozialgeografen gezeigt, schaffen Orientierung über räumliche Homogenisierung. Innere Unterschiede verblassen, und Komplexität wird reduziert. Dabei ist der »Westen« nicht nur Chiffre für politische Werte, kulturelle Normen und religionsgeschichtliche Vorstellungen; er ist auch rhetorisches Mittel zur politischen Mobilisierung und zur Formierung nationaler wie transnationaler Identitäten – entweder über die Verankerung, also Integration eines politischen Gemeinwesens in einer vorgestellten Gemeinschaft des »Westens« oder durch Abgrenzung vom »Westen« zur Konturierung des »Eigenen«. Diese Funktion erklärt auch, warum Raumbegriffe vor allem dann en vogue sind, wenn Debatten zur politischen Selbstvergewisserung und nationalen Selbstversicherung geführt werden – nicht zuletzt, wenn man sich inneren oder äußeren Bedrohungen ausgesetzt sieht.

Solche Bedrohungen werden vor allem in internationalen Krisensituationen, Konflikten und Kriegen gefühlt: ob zur Zeit des Krimkriegs, des Kalten Kriegs oder in jüngster Zeit im Krieg gegen die Ukraine. Putin, der sich, wie anfangs erwähnt, mit dem »kollektiven Westen« im Krieg sieht, ist nur das jüngste Beispiel einer langen Geschichte rhetorischer, identitätspolitischer Abgrenzung vom »Westen« zu Zwecken politischer Mobilisierung. Seit Beginn des Ukrainekriegs ist die Rede vom Westen wieder allgegenwärtig, und der NATO scheint neues Leben eingehaucht – trotz Trump. Wie im 19. Jahrhundert und zur Zeit des Kalten Kriegs fungiert Russland also auch heute als wichtiger Gegenpol zum »Westen«. Wirft man indes einen Blick auf die Zeit des Ersten Weltkriegs, als die Unterscheidung zwischen deutscher Kultur und westlicher Zivilisation virulent wurde, war Deutschland der zentrale Antipode »westlicher Demokratien« – ein Begriff, der erst in der konkreten Konfliktsituation von 1917 entstand, mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten und dem Kriegsaustritt Russlands. In erheblichem Maße werden durch solche existenziellen Konfliktsituationen und Frontstellungen die Erfolgsbedingungen für den sozio-politischen Begriff des Westens erst geschaffen.

Zugleich sei daran erinnert, dass Russland schon vor dem Ersten Weltkrieg zu einem wichtigen Ideenspender für eine deutsche Abgrenzung gegen den »Westen« avanciert war. 1906 begann Arthur Moeller van den Bruck mit der Herausgabe einer deutschen Edition der Werke Dostoevskijs, der im deutschen Konservatismus zu einer zentralen Inspirationsquelle für politisch-kulturelle Selbstpositionierungen wurde. Diese gipfelten dann während des Kriegs in Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen (1918), in denen mit Bezug auf Dostoevskij eine deutsch-russische Seelenverwandtschaft beschworen wurde: »Welche Verwandtschaft in dem Verhältnis der beiden nationalen Seelen zu ‚Europa', zum ‚Westen', zur ‚Zivilisation', zur Politik, zur Demokratie! Haben nicht auch wir unsere Slavophilen und unsere Sapadniki?«[25]

[1] Dieser Beitrag stützt sich auf meinen Aufsatz: »The West«. A Conceptual Exploration, in: Europäische Geschichte Online (2011), tinyurl.com/indes252d1, und beruht auf gemeinsamen Forschungen mit Martina Steber. Vgl. v. a. Riccardo Bavaj & Martina Steber, Globale Universalität und zivilisatorische Begrenztheit, in: dies. (Hg.), Zivilisatorische Verortungen. Der »Westen« an der Jahrhundertwende (1880–1930), Berlin & Boston 2018, S. 7–25; dies., Germany and »the West«. The Vagaries of a Modern Relationship, in: dies. (Hg.), Germany and »the West«. The History of a Modern Concept, New York & Oxford 2015, S. 1–37.[2] Piotr Tchaadaïev, Lettres sur la philosophie de l'histoire, 1829–1836, tinyurl.com/indes252d2.

[3] Thomas Kleine-Brockhoff, Die Welt braucht den Westen. Neustart für eine liberale Ordnung, Hamburg 2019, S. 17, 28, 89.

[4] Timothy Snyder, The Road to Unfreedom. Russia, Europe, America, London 2018, S. 11, 218.

[5] Derek Gregory, Geographical Imaginary, in: ders. u. a. (Hg.), The Dictionary of Human Geography, Malden 2009, S. 282.

[6] Larry Wolff, Inventing Eastern Europe. The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment, Stanford 1994.

[7] Erst in den 1995 und 2003 hinzugefügten Nach- bzw. Vorworten charakterisierte Said auch den Begriff der »westlichen Zivilisation« als »ideologische Fiktion« und zählte »den Westen« zu den »falsely unifying rubrics«, geschaffen zum Zwecke der Formierung von »collective identities for large numbers of individuals who are actually quite diverse«. Edward W. Said, Orientalism, London 2003 [1978], S. xxii und S. 349.

[8] Christopher GoGwilt, The Invention of the West. Joseph Conrad and the Double-Mapping of Europe and Empire, Stanford 1995, S. 30 (das Zitat stammt aus Joseph Conrad, Autocracy and War, in: The North American Review, H. 181/1905, S. 33–55, hier S. 44).

[9] Ezequiel Adamovsky, Euro-Orientalism. Liberal Ideology and the Image of Russia in France (c. 1740–1880), Oxford 2006; vgl. auch Philipp Ther, Niemand will im Osten sein, in: Süddeutsche Zeitung, 2./3.12.2000; mit etwas anderer argumentativer Stoßrichtung vgl. dagegen Georgios Varouxakis, The Godfather of »Occidentality«. Auguste Comte and the Idea of »the West«, in: Modern Intellectual History, H. 16/2019, S. 411–441; ders., The West. The History of an Idea, Princeton 2025.

[10] Florian Gassner, Germany versus Russia. A Social History of the Divide between East and West, Vancouver 2012. Immer noch einschlägig in diesem Zusammenhang ist die wichtige Studie von Dieter Groh, Russland und das Selbstverständnis Europas. Ein Beitrag zur europäischen Geistesgeschichte, Neuwied 1961.

[11] Hans Lemberg, Zur Entstehung des Osteuropabegriffs im 19. Jahrhundert. Vom »Norden« zum »Osten« Europas, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas H. 33/1985, S. 48–91, hier bes. S. 64–67.

[12] Der Bote aus Westen, 12.03.1831; vgl. auch Benjamin Schröder, Between East and West? A Liberal Dilemma, 1830–1848/49, in: Riccardo Bavaj & Martina Steber (Hg.), Germany and »the West«, S. 139–151, hier S. 143 ff.

[13] Tchaadaïev, Lettres.

[14] Vissarion Grigor'evich Belinskii, Letter to N. V. Gogol (15.07.1847), in: Marc Raeff (Hg.), Russian Intellectual History. An Anthology. With an Introduction by Isaiah Berlin, New York 1966, S. 253–261, hier S. 254.

[15] Alexander Herzen, Tagebucheintrag vom Mai 1844, zit. nach Andrzej Walicki, A History of Russian Thought. From the Enlightenment to Marxism, Stanford 1979, S. 136; vgl. auch Martin Malia, Alexander Herzen and the Birth of Russian Socialism, 1812–1855, Cambridge (Mass.) 1961.

[16] Vgl. Nicholas V. Riasanovsky, Russia and the West in the Teaching of the Slavophiles. A Study of Romantic Ideology, Gloucester (Mass.) 1965; ders., Russian Identities. A Historical Survey, Oxford & New York 2005, S. 149–166.

[17] Vgl. N. J. Danilewsky, Russland und Europa. Eine Untersuchung über die kulturellen und politischen Beziehungen der slawischen zur germanisch-romanischen Welt (1869), übersetzt und eingeleitet von Karl Nötzel, Osnabrück 1965 [1920].

[18] Friedrich Engels, [Der Panslawismus – Der Krieg in Schleswig-Holstein] (Februar 1852), in: Karl Marx & Friedrich Engels, Werke, Bd. 8, Berlin 1960, S. 53–56, hier S. 53.

[19] Jules Michelet, Légendes démocratiques du Nord, Paris 1851, S. 108.

[20] Zit. nach Ezequiel Adamovsky, Russia as the Land of Communism in the Nineteenth Century? Images of Tsarist Russia as a Communist Society in France, c. 1840–1880, in: Cahiers du Monde russe, H. 45/2004, S. 497–519, hier S. 507.

[21] [Saint-Marc Girardin], Besprechung von L'Angleterre, la France, la Russie et la Turquie, in: Journal des Débats, 18.07.1835.

[22] Louis de Juvigny, De l'unité européenne, Paris 1846, S. 13.

[23] Saint-René Taillandier, Les Allemands en Russie et les Russes en Allemagne, in: Revue des Deux Mondes, 15.08.1854, S. 633–691, hier S. 634 f.; vgl. auch Leopold von Ranke, Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494 bis 1514, Leipzig 1874 [1824].

[24] Zit. nach Adamovsky, Russia as the Land of Communism, S. 512–514.

[25] Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, Frankfurt a. M. 1974 [1918], S. 441.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.2-3-2025 | ©Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2025