Vorbemerkung

Entscheidungsabläufe, Konfliktfelder und alternative Politikansätze im engeren Führungszirkel der SED blieben der Forschung infolge fehlenden oder nicht zugänglichen Archivmaterials lange Zeit verschlossen. Inzwischen aber sind Konflikte in der Führungsspitze, Machtkämpfe sowie Interessendivergenzen verschiedener »Fraktionen« in der Führung hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker aufgrund quellenorientierter Forschungen transparenter geworden.[1] Auch zu den gegensätzlichen Ansichten über die Wirtschaftsreformen in den 1960er Jahren hat die Forschung aufschlussreiche Erkenntnisse ans Licht gebracht.[2]

Für die 1970er und 1980er Jahre ist die Situation indes unklarer; über seinerzeitige Auseinandersetzungen im Politbüro gab es lange nur Vermutungen auf der Basis von Zeitzeugen-Erinnerungen.[3] Hieran anknüpfend richtet sich das Forschungsinteresse auf die Frage, in welchen Politfeldern und zu welchen gesellschaftspolitischen Entscheidungen Konflikte in der Honecker-Ära aufbrachen, die – so eine verbreitete Deutung – von offenen Machtkämpfen vermeintlich frei waren. Aufgrund der überlieferten Archivdokumente rückt hierfür insbesondere die Wirtschaftspolitik der Honecker-Führung ins Blickfeld, die das Zentrum dieses Beitrages bildet. […]

Anmerkungen:

[1] Vgl. Monika Kaiser, Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker. Funktionsmechanismen der SED-Diktatur in Konfliktsituationen 1962 bis 1972, Berlin 1997.

[2] Vgl. André Steiner, Die DDR-Wirtschaftsreform der sechziger Jahre. Konflikt zwischen Effizienz- und Machtkalkül, Berlin 1999.

[3] Vgl. Günter Schabowski, Das Politbüro. Ende eines Mythos. Eine Befragung, hg. v. Frank Sieren u. Ludwig Koehne, Reinbek bei Hamburg 1991.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 4-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017