»Der Teufel ist ein Logiker«, behauptet der Dichter Heinrich Heine, »und über seine Gestalt lässt sich in der Tat nichts Genaues angeben«.[1] Gibt es eine bessere Camouflage für Verschwörungen jedweder Art? Wenn das Böse in Allerweltsgestalt und in jedermanns Gewand erscheinen kann, so lauert es auch überall. Unter dieser Voraussetzung mag es ein Leichtes für den Teufel – die Urgestalt des Bösen – sein, durch das Zwielicht der Verwandlung seine Taten zu verschleiern. Verwandlungsgestalten haben in der europäischen Erzähltradition immer den Ruch des Unheimlichen und Numinosen. Sie sind Zwischenwesen zwischen Mensch und Tier, zwischen Kultur und Natur oder zwischen Diesseits und Jenseits, dem Leben und dem Tod.

Durch die dem Teufel zugeschriebene Fähigkeit, sich den Menschen in verschiedenen Gestalten zu zeigen, um sie vom Pfad der Tugend abzubringen und einzuschwören auf die Gesetze der Zerstörung, der Gewalt, der Sittenlosigkeit und Sünde, bediente er sich eines besonders gemeinen Tricks. Er erschien in Flugschriften und Sagen der Vormoderne paradoxerweise häufig als harmlose Figur, als Kaufmann und Kartenspieler, als Steinmetz und Galan, als Doppelgänger oder »alswie eine große Brumfliege« (Jean Paul). Einer einfachen Magd trat »der laidige Satan« in »Schneiders gestalt« entgegen. Seither kam »auß ihrem Mund ein zweyspitzige Zungen herfür gereckt «.[2] Einem liebestollen Freier erschien der Teufel nach einem Kölner Druck aus dem Jahr 1693 auf einer der Pariser Brücken gar als feine Dame: »Kaum hat er eine Viertelstunde da auffgepasset/so kömmt eine über alle massen schöne/und mit einer gantz sondern hohen Fontange und rarer Kleidung von der neuesten Façon wohlgezierte Dame zu ihm getreten/grüsset ihn mit einem freundlichen und lächlenden Bonjour, und fraget ihn/ob er ihr nicht ein gut Logier wüste zuzuweisen.« Die Geschichte nahm ein böses Ende, der Teufel gab sich zu erkennen, der Edelmann erschrak beinahe zu Tode im Angesicht seiner wahren Buhlschaft und versuchte verzweifelt, Hilfe bei einem Pfarrer zu finden. Die Fontange, die modisch hohe Damenperücke aus der Zeit Ludwig XIV., sei dem Teufel sehr zupassgekommen, denn unter ihr ließen sich die Hörner besonders leicht verstecken. Der Autor resümierte dann auch, »was der Teuffel vor ein listiger Affe ist«[3]. Die massenhafte mediale Verbreitung solcher Anekdoten trug die Nachrichten vom listigen Affen und seinen Ränken in alle Winde. […]

Anmerkungen:

[1] Heinrich Heine, Elementargeister. Neuausgabe hg. v. Karl-Maria Guth, Berlin 2013, S. 30 (nach der Originalausgabe Paris 1834/1837). Die Bemerkung geht auf den 27. Vers der Höllendarstellung in Dantes »Göttlicher Komödie« zurück: Tu non pensavi ch’io loico fossi.

[2] Warhaffte Historische Abbild: und kurtze Beschreibung/was sich unlangst in des Heyl: ReichsStatt Augspurg/ mit einer ledigen/ von einem stummen Teuffel besessen Weibsperson/ und ihren zweyen zauberrischen Wartterinnen zugetragen: auch wie endtlich durch sonderbahre schickung Gottes alles offenbar worden; und dahero mit verwunderung erschröcklich anzuhören ist. Augspurg 1654 (Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts [im Folgenden VD17 abgekürzt]: VD17 23:675370B).

[3] Wahre Abbildung Eines Teuffels: Welcher sich unlängstens einem Frantzösischen Edelmanne in Gestalt einer schönen Dame praesentieret, Cöln 1693 (VD17 3:651548E).

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 4-2015 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2015