Das Jahr 2013, als die Debatte über die Pädophilie jäh ausbrach und über Monate anhielt, markierte gewiss eine Zäsur in der Geschichte der Grünen.[1] Konsterniert stieß das Publikum auf eine eher fremdartige Sprachlosigkeit grüner Akteure aus der bewährt erörterungsfreudigen Diskursgeneration, was einen plötzlichen Verlust des zuvor so übergewichtigen Selbstbewusstseins – gerade im moralischen Anspruchspathos, Partei der kritischen Aufklärung zu sein – offenbarte. Die Grünen diskutierten kaum mit, als das Pädophilen-Thema die Öffentlichkeit erregte. Die früheren Rhetoren der Gesellschaftskritik hüllten sich überwiegend in Schweigen. Der Versuch, zu erklären, zu erläutern, auch zu historisieren, was wieso in den frühen 1980er Jahren an pädophilen Forderungen in programmtische Manifeste eindrang, wurde gar nicht erst unternommen. Stattdessen legte sich bei den Grünen im Jahr der Bundestagswahlen stumme Furcht über die verdrängten Seiten der eigenen Geschichte.
Dergleichen Quietismus in Bezug auf die Geschichte der letzten vier Dekaden in (West-)Deutschland war neu und ungewohnt. […]

Anmerkungen:

[1] Hierzu und insgesamt Franz Walter, Stephan Klecha, Alexander Hensel (Hg.), Die Grünen und die Pädosexualität Eine bundesdeutsche Geschichte, Göttingen 2015.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 4-2014 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2014