»EM-TV plus 20 Prozent, in einer Woche! Brokat plus 24 Prozent, an einem Tag!! Singulus plus zehn Prozent, in einer Stunde!!! Freenet plus vierundzwanzig Millionen Prozent, in einer Millisekunde!!!! Geil.«[1] Woran Ingo Arzt sich in Reaktion auf Philipp Röslers im Sommer 2013 vorgebrachten Vorschlag, den Neue-Markt-Index wiederzubeleben, kommentierend erinnert, liegt gerade etwas mehr als ein Jahrzehnt zurück. Wir schreiben das Jahr 2000, der Börsenkurs der EM-TV Aktie hat sich gegenüber seines Ausgabekurses mehr als versechzehntausendfacht. Während Tag für Tag 1,9 Billionen Dollar durch die Netze der New York Stock Exchange fließen,[2] setzt der Neue Markt in Frankfurt beinahe täglich die ohnehin geringe Rationalität der entfesselten Finanzmärkte nun vermeintlich gänzlich außer Kraft,[3] indem er das Märchen des Tellerwäschers, der Millionär werden kann, in Fast Forward und ganz ohne Tellerwaschen spielt. Ein »bewusstseinserweiternder Selbsterfahrungstrip«[4] sind diese Jahre des Börsenrauschs, deren ständige Erfolgsmeldungen den Grundsound des anbrechenden neuen Jahrtausends liefern und bei Menschen zwischen fünfzehn und dreißig Jahren die Frage aufkommen lassen, ob es überhaupt einer Ausbildung jenseits der Fähigkeiten zur Chartanalyse bedürfe, um schnell erfolgreich zu sein. Schließlich wächst damals »privates Vermögen gefahrlos und ohne viel eigenes Zutun
rententrächtig heran.«[5]

Dies ist die Lebenswelt der Börsenboomer […]

Anmerkungen:

[1] Ingo Arzt, Der Wahnsinn kehrt zurück, in: die tageszeitung, 20.08.2013.

[2] Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals, Zürich 2010/2011, S. 18.

[3] Zur Rationalität dieser Irrationalität bestechend: ebd.

[4] Ingo Arzt, Der Wahnsinn kehrt zurück, in: die tageszeitung, 20.08.2013.

[5] Eberhard Moths, Analystenillusionen, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Jg. 57 (2003) H. 3, S. 260–264, hier S. 260.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 4-2013 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2013